Werbefestival in Cannes Bonjour, ich bin Emerging Experience Developer

Wenn Werber wetteifern, kann man besichtigen, wohin die Kommunikationswelt steuert. Und wie sie brandneue Berufe ausbrütet. Beim Kreativwettbewerb in Cannes treffen sich Menschen mit den seltsamsten Jobtiteln.

Kolle Rebbe

Von Stefan Kolle und Fabian Frese


Wenn selbst die Bundeskanzlerin von der Industrie 4.0 spricht, muss sich die Wirtschaft wirklich grundlegend verändert haben. Von der Fertigung bis zum Handel, vom Verlag bis zum Fernsehsender, vom Finanz- bis zum Reisesektor. Die Digitalisierung hat ganze Industriezweige umgekrempelt, andere einfach weggemäht. Das merkt man auch beim Wettbewerb der Werbebranche in Cannes. Die Kommunikation zwischen Menschen hat sich vollständig verändert, die Kommunikationsbranche gleich mit.

Früher reichten ein Grafiker, ein Texter und ein Kundenberater als Team für eine Anzeige, ein Plakat oder einen Werbespot. Im Unternehmen gab es einen Marketingmanager und einige Assistenten. Heute brauchen Marken und Produkte unendlich viele Fachleute, um sich Gehör zu verschaffen.

Ohne User-Experience-Spezialisten läuft beispielsweise im digitalen Raum gar nichts mehr. Ein solcher sorgt dafür, dass eine Webseite benutzerfreundlich ist und auch auf dem Smartphone ebenso gut funktioniert. Doch noch immer sitzen in den Chefetagen Leute, die zwar die Planstelle für den User-Experience-Experten freigegeben haben, aber gleichwohl niemandem erklären könnten, was der eigentlich tut.

Immer gern genommen: Extravagante Titel

Ein Besuch in Cannes hilft. Hier trifft man überall auf Leute mit den seltsamsten Berufsbezeichnungen. Die Kommunikationsbranche ist seit jeher gut im Erfinden extravaganter Titel ("Chief Executive Account Manager BTL"). Zudem ist Werbung zu einer hochkomplexen Angelegenheit geworden. Und zu einer Brutstätte neuer Berufe.

Es reicht nicht mehr, Werbebotschaften für Produkte in die Welt zu senden. Marken wollen selbst zum Gesprächsthema werden. Viele Filme, Apps und Events werden mit hohem technischen Aufwand einzig entwickelt, um im Netz für Gesprächsstoff zu sorgen.

Wie vielfältig Markenkommunikation geworden ist, lässt sich beim Festival gut an der Kategorie Film erkennen. Früher wurden 30- bis 60-sekündige Spots für Kino und TV eingereicht. Heute rackern sich die Juroren durch mehr als 3000 Wettbewerbsbeiträge, von denen weit über die Hälfte ausschließlich fürs Internet konzipiert wurden. Die Bandbreite reicht von Dokumentationen bis zu mehrteiligen Webshows.

Die Favoriten des Festivals

Einst war der häufigste Satz von Marketingleitern: "Macht das Logo größer!" Mittlerweile halten sich Unternehmen oftmals so im Hintergrund, dass sich die Werbung gar nicht mehr wie Werbung anfühlt. Auch hier sind etliche neue Berufsgruppen beteiligt, die es zu Zeiten klassischer Fernsehwerbung noch nicht gab.

Zu den Favoriten in Cannes zählen:

Den Honda-Film "The Other Side" kann man durch Drücken der "R"-Taste aus zwei Perspektiven sehen. Allein den Trailer schauten sich vier Millionen Menschen an.


Der amerikanische Versicherer Geico erreichte mit diesem YouTube-Film sieben Millionen Klicks. Die Kampagne gilt als sicherer Löwen-Kandidat.

Beats by Dre kreierte das fünfminütige Epos "The Game Before the Game" und holte sich mit fast 30 Millionen Klicks souverän den Titel als packendster WM-Spot.

Die britische Supermarktkette John Lewis schoss mit ihrem Weihnachtsspot buchstäblich den Vogel ab. 23 Millionen Mal wurde der Pinguinfilm bisher angeklickt.

Selbst für diesen "normalen" Film braucht es einen Spezialisten, der weiß, wie und wo man einen Werbespot ins Netz stellen muss, damit er Millionen erreicht. Denn das passiert nie von selbst, sondern ist die Wissenschaft des Seeding Strategist.

Die neue Komplexität lässt ständig neue Berufe entstehen. Den Creative Technologist gab es vor fünf Jahren ebenso wenig wie den Social Listening Manager. Der Content Editor und der Content Strategist sind dagegen alte Bekannte - nur hießen sie einst ganz schlicht "Redakteur". Neu sind Jobbezeichnungen wie Quality Assurance Analyst, Emerging Experience Developer oder Head Of Performance Marketing.

In Cannes trifft man sie alle. Man lernt, was sie tun und warum es weder in Unternehmen noch in Agenturen reicht, mit den alten Mitteln in einer neuen Welt zu operieren. Es gibt also viel zu entdecken. Vielleicht sogar einen Lieblingsberuf, von dem man gar nicht wusste, dass es ihn überhaupt gibt. Beim Jahrestreffen einer Branche, die sich zur Zeit gerade schneller neu erfinden muss, als man seine Karriere planen kann.

  • Kolle Rebbe; Enver Hirsch
    Stefan Kolle (l.) ist Gründer und Geschäftsführer, Fabian Frese Partner und Geschäftsführer von Kolle Rebbe in Hamburg. Die Agentur betreut mit knapp 270 Mitarbeitern Kunden wie Lufthansa, Netflix oder Ritter Sport. Kolle Rebbe war letztes Jahr die erfolgreichste deutsche Agentur in Cannes, Frese ist dieses Jahr zum zweiten Mal in die Cannes-Filmjury berufen worden, nachdem er selbst schon viele Löwen gewonnen hat.

insgesamt 9 Beiträge
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schokohase123 25.06.2015
1. Bullshit oder nicht?
Fakt ist: Wer sich in Deutschland in einem lediglich hierzulande agierenden Unternehmen mit entsprechenden Titeln behängt, macht sich einfach nur lächerlich (außer unter seinesgleichen). Doch woher kommt diese Abneigung? Sind es "die da oben", die man nicht leiden kann und man sich daher auf die Lächerlichkeit ihrer Jobbezeichnungen einschießt? Obwohl man insgeheim das ganze Geld, das Auto und die Annehmlichkeiten akzeptieren würde? Ich würde jede Wette eingehen, dass die meisten, die sich in schöner Regelmäßigkeit über CEOs, COOs und "Head of"-Typen aufregen, sich genau diesen Kram als Erstes auf die Visitenkarte drucken lassen würden, wenn sie selbst in dieser Situation wären. Ich habe mich früher ebenfalls darüber belustigt, aus genau den gleichen Gründen. Fakt ist jedoch auch, dass ich mittlerweile in einem international agierenden Unternehmen weltweit arbeite, und so machen einige Bezeichnungen eben doch Sinn. Denn die Japaner kennen keinen Gebietsverkaufsleiter, aber sie kennen einen Area Sales Manager. Ebenso die Spanier, und die Franzosen. Und ja, ich bin Senior Key Acount Manager. Eat this.
henryb_de 25.06.2015
2. Welchen Artikel haben Sie gelesen?
Was wollen Sie hier eigentlich sagen ... sicher wollten Sie nur Ihren letzten Satz loswerden oder. Hier macht sich doch niemand über die Stellenbezeichungen lustig ... oder habe ich da was überlesen. Es wird lediglich gesagt, dass es auf Grund der Veränderungen im Werbegeschäft neue Tätigkeiten gibt die auch neue Bezeichungen brauchen. Dass diese englischen "Konstruktionen" in deutschen Ohren etwas gestelzt klingen darf ja wohl mal gesagt werden. In D ist ja eher eine Kombination aus Funktion und Abteilung/Tätigkeitsfeld üblich wie z.B. Gruppenleiter XYZ-entwicklung. Und die Assoziation toller Stellenbezeichnungen mit super Gehältern und Incentives entspringt auch Ihrer Fantasie. Die meisten von denen sind ganz normale Angestellte mit den entsprechend ganz normalen Gehältern. Viele Grüße
mue3333 25.06.2015
3. Ersatzbefriedigung?
Eine tolle Stellenbezeichnung in Ermangelung eines akademischen Grades hat was von "Ersatzbefriedigung". Doch auch hier gilt der Satz "der beste Soldat trägt die schlichteste Uniform". Auf Visitenkarten erfolgreicher Unternehmer finden sie meist nur den Namen ohne Zusatz!
cor 25.06.2015
4.
Zitat von schokohase123Fakt ist: Wer sich in Deutschland in einem lediglich hierzulande agierenden Unternehmen mit entsprechenden Titeln behängt, macht sich einfach nur lächerlich (außer unter seinesgleichen). Doch woher kommt diese Abneigung? Sind es "die da oben", die man nicht leiden kann und man sich daher auf die Lächerlichkeit ihrer Jobbezeichnungen einschießt? Obwohl man insgeheim das ganze Geld, das Auto und die Annehmlichkeiten akzeptieren würde? Ich würde jede Wette eingehen, dass die meisten, die sich in schöner Regelmäßigkeit über CEOs, COOs und "Head of"-Typen aufregen, sich genau diesen Kram als Erstes auf die Visitenkarte drucken lassen würden, wenn sie selbst in dieser Situation wären. Ich habe mich früher ebenfalls darüber belustigt, aus genau den gleichen Gründen. Fakt ist jedoch auch, dass ich mittlerweile in einem international agierenden Unternehmen weltweit arbeite, und so machen einige Bezeichnungen eben doch Sinn. Denn die Japaner kennen keinen Gebietsverkaufsleiter, aber sie kennen einen Area Sales Manager. Ebenso die Spanier, und die Franzosen. Und ja, ich bin Senior Key Acount Manager. Eat this.
Ein guter Kommentar. So und nicht anders sieht es nämlich aus. Sobald man in einem international agierenden Unternehmen arbeitet, machen diese "komischen" Titel nämlich sehr wohl Sinn.
mue3333 25.06.2015
5. Der Mensch braucht Symbole,
um den anderen klar zu machen, wer er gerne wäre - Zitat des Wiener Soziologen Roland Girtler. Tolle Berufsbezeichnungen und Titel haben in Österreich eine lange Tradition. Die "chief, senior, executives und vice.*" sind also nur angelsächsische Plagiate der Eitelkeiten. Vgl. hierzu den Artikel im Manager-Magazin vom 30.06.2008: "Herr Hofrat und Frau Magister".
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