Jobvermittlung per Radio "Hallo, ich heiße Wendy und suche Arbeit"

Vorgelesene Stellenangebote, Interviews mit Jobsuchenden - das sendet ein holländisches Radioprogramm rund um die Uhr, bei Entlassungswellen auch live aus der Firma. Und wer sich bei der Arbeit schlecht behandelt fühlt, kann dem Chef den Moderator auf den Hals hetzen.

Werken FM

Wendy Brouwer, 30, hat für ihre Bewerbung fünf Minuten Zeit. Sie weiß nicht, wie viele Arbeitgeber sie damit erreicht, hofft aber auf mehrere tausend. Ihre Jobsuche wird von Werken.FM (Arbeiten.FM) gesendet. Die größte Internetradiostation der Niederlande erreicht jeden Monat bis zu 125.000 Zuhörer - mit einem Programm, das hauptsächlich aus Stellenanzeigen und Jobgesuchen besteht.

Martijn Smit hat den Radiosender vor anderthalb Jahren gegründet, als Gegenentwurf zu Bewerbungsverfahren, die immer unpersönlicher werden. 20 Jahre lang hatte er als Recruiter für Stromkonzerne, Versicherungen und andere große Firmen Bewerber getroffen, bewertet und ausgewählt. Doch viele Lebensläufe bekam er gar nicht mehr zu Gesicht: Computerprogramme hatten sie automatisch herausgefiltert.

Mit dem Sender will Smit Bewerbungsverfahren wieder persönlicher machen: "Der Mensch und die Persönlichkeit müssen im Mittelpunkt stehen." Ein Hörfunkbeitrag füge der Bewerbung ein weiteres Persönlichkeitsmerkmal hinzu, das keine Bewerbung per Post oder E-Mail habe: die Stimme. Ob stark und bestimmend oder einfühlsam und verständnisvoll - der Arbeitgeber könne die Ausstrahlung der Kandidaten hören. "Das ist das Besondere, das kann nur das Radio."

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Jobvermittlung übers Radio: Stellensuche in Dauerschleife
Gesendet wird 24 Stunden am Tag. Außer den Porträts der Arbeitssuchenden gibt es Sendungen speziell für Selbständige, Gründer oder für Recruiter, dazwischen Musik, vor allem Charts und Gute-Laune-Hits. Hörer können sich melden, wenn sie bei der Arbeit schlecht behandelt werden oder sich bei einer Bewerbung übergangen fühlen. Manchmal ruft Werken.FM dann bei den Firmen an - und der Anruf wird live übertragen.

Vor dem Auftritt ein Tag Media-Training

Vor Ort ist der Sender etwa, wenn bei einem Betrieb eine Entlassungswelle ansteht. Dann wartet ein Werken.FM-Reporter am Eingang und interviewt die Mitarbeiter. Sie können sich übers Mikrofon direkt um einen neuen Job bewerben. "Fast jeder macht mit", sagt Martijn Smit.

Der Sender hat inzwischen zwölf Mitarbeiter, mehrere Moderatoren führen durchs Programm. Die Finanzierung gelingt durch Stellenanzeigen, die Firmen als Hörfunkbeiträge schalten, durch Werbung und Bewerbungstrainings.

Bevor die Kandidaten ins Studio gehen, bekommen sie einen Tag Mediatraining. Sie lernen, sich selbst kurz und treffend zu präsentieren und zu vermarkten. 69 Euro kostet das Paket aus Kurs, Stellenanzeige im Radio und Videoprofil auf der Sender-Homepage, über die Personaler auch direkt Kontakt mit den Bewerbern aufnehmen können. In manchen Fällen übernimmt das Arbeitsamt die Kosten für den Auftritt.

Die Gespräche mit den Kandidaten werden meist vorher aufgezeichnet, damit der Schuss nicht nach hinten losgeht - und Arbeitgeber eher verschreckt als interessiert werden. Die Jobsuchenden dürfen die Audio- und Videoclips ihres Auftritts auch auf ihrer privaten Homepage oder auf Stellenbörsen einbinden. Werken.FM setzt damit eine Entwicklung in der Arbeitswelt fort: Wer heute einen Job will, muss auffallen.

Etwa 350 Niederländer haben den Sender bislang zur Jobsuche genutzt. "Mehrere hundert" hätten daraufhin eine Stelle gefunden, sagt Smit. Das Interview mit Wendy Brouwer wurde Ende Oktober gesendet. Einen neuen Job hat sie noch nicht, trotzdem ist sie zufrieden mit ihrem Radioauftritt: "Es ist vor allem ein Mittel, um sich selbst im Markt zu platzieren", sagt sie. "Ich will, dass Arbeitgeber mich als Person sehen und nicht nur den Lebenslauf oder das Anschreiben bewerten."

  • Benjamin Dürr (Jahrgang 1988) ist Korrespondent und Auslandsreporter. Er berichtet für SPIEGEL ONLINE unter anderem aus den Niederlanden und regelmäßig aus Afrika.

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