Armutsfalle Schauspielerei Willkommen in der Rollenlotterie

Von Alexander Linden

2. Teil: Charakterkopf Max Riemelt, Regisseur Peter Thorwarth, Schauspieler Christian Kahrmann: "Könntest du nicht vielleicht umsonst...?"


Der Charakterkopf: "Totale Willkür"

Max Riemelt: "Reich bin ich nicht"
Moritz David Friedrich

Max Riemelt: "Reich bin ich nicht"

Max Riemelt sitzt in Kapuzenpulli und Sporthose beim Italiener in der Berliner Torstraße. "Die Welle", "Napola" oder "Mädchen, Mädchen" - er hat große Erfolge als Charakterdarsteller zu verbuchen. "Ich musste noch nie hungern, aber reich bin ich auch nicht", sagt der Vater einer Tochter. Einmal ging er zum Arbeitsamt, um abgesichert zu sein für die Zeit zwischen Drehtagen. "Dort zogen sie mich aus mit Fragen." Nie wieder meldete er sich arbeitslos.

Sorge bereitet Riemelt, 25, die zunehmende Unstetigkeit seiner Branche. So wurde bei einer Produktion die zugesagte Gage mittendrin plötzlich gekürzt, das Drehbuch umgeschrieben. Die Firma erklärte nonchalant, man habe wohl falsch kalkuliert - "ausbaden müssen das die Schauspieler". Im Filmgeschäft herrsche totale Willkür; selbst großer Erfolg sei kein Garant mehr für anschließende Rollenangebote.

Auszuhalten sei das nur, wenn man seinen Job liebe und Erfüllung in der Arbeit finde, sagt Riemelt. Er kann sich noch Prinzipien erlauben: In einer Soap mitspielen wolle er niemals, Geld hin oder her. Dann lieber mal eine gute Komödie, doch "die Stoffe sind oft so seicht, das kann ich nicht ernst nehmen".

Der Regisseur: "Keine Courage"

Regisseur Peter Thorwarth: "Ein, zwei Flops, schon gelten Schauspieler als Kassengift"
Peter Thorwarth

Regisseur Peter Thorwarth: "Ein, zwei Flops, schon gelten Schauspieler als Kassengift"

1999 inszenierte Filmemacher Peter Thorwarth die Räuberpistole "Bang, Boom, Bang". 4,3 Millionen Mark waren ein ordentliches Erstlingsbudget, obwohl es "noch teurer geworden wäre, wenn die Schauspieler nicht auf einen Teil ihrer Gage verzichtet hätten". Den Deal für den Film konnte Thorwarth, 41, noch per Handschlag besiegeln: "Der Verleiher hatte meine Kurzfilme gesehen und gesagt, cool, das gefällt mir, lass uns was starten. Diese Einstellung gibt es heute leider selten." Seit dem Zusammenbruch des Neuen Marktes fehle der Mut zu Experimenten, der Druck auf die Filmbranche sei zu groß. Dabei müsse doch das Kino der "Innovationsmotor der Branche" sein - wenn der abgewürgt werde, "sieht es traurig aus".

Gegenwärtig hält der Regisseur es für schwer, außergewöhnliche Stoffe finanziert zu bekommen. Lieber setze man "auf bewährte Marketingkonzepte"; die Investoren wollten Sicherheit und "große Namen". Thorwarth: "Dabei gibt es in Deutschland, anders als in den USA, maximal eine Handvoll Schauspieler, die das Publikum in die Kinos zieht. Und für die ist es brutal - ein, zwei Flops, schon gelten sie als Kassengift."

Der Solide: "Gagen wie früher ein Anfänger"

Christian Kahrmann: "Immer abhängig von anderen"
Thorsten Jankowski/ unscharf.de

Christian Kahrmann: "Immer abhängig von anderen"

Christian Kahrmann ist ein Freund von Thorwarth und kennt die Konkurrenz um eine Rolle. Dem Schauspieler, bekannt etwa aus der "Lindenstraße" und "Das Wunder von Lengede", geht es noch verhältnismäßig gut, er ist etabliert. Aber auch für ihn hat sich der Markt merklich verschlechtert: "Es ist kaum noch möglich, sich allein von den Film- und Fernsehgagen zu finanzieren, geschweige denn eine ganze Familie."

Man sei "immer abhängig von anderen und bekommt mittlerweile Gagen angeboten wie früher ein Anfänger", sagt Kahrmann, 40. Alter, Erfahrung, Können, das zähle nicht mehr, bei einer Friss- oder Stirb-Mentalität von Produzenten. Und der Nachwuchs höre: "Wir wollen dich, aber wir können dich nicht bezahlen, könntest du nicht vielleicht umsonst…?"

Immer öfter fordern Produzenten Künstler auf, drastische Gagenkürzungen zu akzeptieren oder "auf Rückstellung" zu arbeiten. Das bedeutet: Mal sehen, was der Film so einspielt; je nach Erfolg bekommen die Schauspieler, was übrig bleibt. Also meist viel weniger als die zuvor vereinbarte Gage - ein Glücksspiel. Schauspielern wird das als Chance verkauft, in einer großen Produktion mitzuwirken. Kahrmann: "Junge Leute, die noch keine Filmographie aufweisen können, haben ja gar keine Wahl, als auf diesen Zynismus reinzufallen."

Zugleich werden die Rekrutierungsmethoden hinterhältiger, etwa das E-Casting: Bewerber müssen daheim vor der Webcam eine Szene spielen und auf Websites hochladen, von denen nur wenige wie filmmakers.de oder schauspielervideos.de seriös sind. Caster selektieren dann die Kandidaten. Dass bei der Rollenlotterie auch Abzockfirmen mitmischen, geht unter.

Für Kahrmann bleibt der Beruf "der schönste der Welt, den man nicht weiterempfehlen kann". Was ein junger Mensch, der Schauspieler werden will, tun sollte? "Man braucht Können, Glück, Beharrlichkeit. Ich würde jedem empfehlen, sich nie auf die Branche zu verlassen und ein zweites Standbein zu besorgen." Denn die meisten würden an dem Beruf scheitern.

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insgesamt 118 Beiträge
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Seite 1
moev 12.06.2012
1.
Zitat von sysopNinja Böhlke Ruhm und Glamour? Von wegen: Auf die meisten Schauspieler warten mickrige Gagen und ein unstetes Leben. Wie es in der Traumbranche wirklich zugeht, zeigen Gespräche mit Jungstars wie David Kross und Max Riemelt, mit erfahrenen Darstellern wie Christian Kahrmann und Florian David Fitz. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,838053,00.html
Was soll man sagen? Willkommen in der Wirklichkeit und das Leben ist kein Ponyhof, blablabla Die wenigsten können mit dem was sie gerne möchten ihren Lebensunterhalt bestreiten. Die meisten haben das auch schnell kapiert und machen eine Sache in der sie gut sind, die Geld bringt und die sie vielleicht nicht wirklich mögen und haben ihr Vergnügen dann mit dem verdienten Geld in der Freizeit. Das Arbeit Spaß machen sollte ist ein schöner Vorsatz, aber leider nur selten zu verwirklichen.
existenzrecht 12.06.2012
2. Kulturnation Deutschland - Künstler/Kreative im Hartz4Knast
Auch renommierten Schauspielern wird eine Grundsicherung als Grundvergütung unbezahlt in Anspruch genommener Arbeitsleistungen in Kommunikations- und Sozialisierungsprozessen verweigert.
Positives Denken 12.06.2012
3. Skeptisch
Zitat von sysopNinja Böhlke Ruhm und Glamour? Von wegen: Auf die meisten Schauspieler warten mickrige Gagen und ein unstetes Leben. Wie es in der Traumbranche wirklich zugeht, zeigen Gespräche mit Jungstars wie David Kross und Max Riemelt, mit erfahrenen Darstellern wie Christian Kahrmann und Florian David Fitz. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,838053,00.html
Ich bin da doch ein wenig skeptisch, denn ich würde die betroffenen Schauspieler gerne fragen, warum sie zwischen den TV- und Filmaufträgen nicht in Werbespot mitwirken oder auf der Theaterbühne stehen. Man sollte auch bedenken: es gab wohl kaum so viele Arbeitsmöglichkeiten für Schauspieler in Deutschland wie heute! ARD und ZDF strahlen fast gar keine ausländischen Fernsehproduktionen mehr aus, und auch die Privatsender zeigen sehr viel "made in Germany".
Eluis 12.06.2012
4. Mein Mitleid
Zitat von sysopNinja Böhlke Ruhm und Glamour? Von wegen: Auf die meisten Schauspieler warten mickrige Gagen und ein unstetes Leben. Wie es in der Traumbranche wirklich zugeht, zeigen Gespräche mit Jungstars wie David Kross und Max Riemelt, mit erfahrenen Darstellern wie Christian Kahrmann und Florian David Fitz. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,838053,00.html
hält sich in Anbetracht der gebotenen Darbietungen im GEZ-zwangsgebührenfinanzierten Umfeld doch sehr stark in Grenzen.
sappelkopp 12.06.2012
5. Genau aus diesem Grund...
Zitat von moevWas soll man sagen? Willkommen in der Wirklichkeit und das Leben ist kein Ponyhof, blablabla Die wenigsten können mit dem was sie gerne möchten ihren Lebensunterhalt bestreiten. Die meisten haben das auch schnell kapiert und machen eine Sache in der sie gut sind, die Geld bringt und die sie vielleicht nicht wirklich mögen und haben ihr Vergnügen dann mit dem verdienten Geld in der Freizeit. Das Arbeit Spaß machen sollte ist ein schöner Vorsatz, aber leider nur selten zu verwirklichen.
...sind ja soviele Menschen krank. Weil sie das machen, was sie halbwegs können und was Geld bringt. Dann haben sie Herzinfarkte, Bluthochdruck und Burn-Out und sind über Jahrzehnte unzufrieden, sitzen abends mit 'nem Bier vor dem Fernseher und meinen sie würden leben. Aber das, was sie wirklich gern machen würden, würden sie sogar mit Spaß machen, wären wahrscheinlich glücklicher. Ich habe lieber Spaß und weniger Geld, als nur des Geldes wegen ein Job zu machen, um Dinge zu kaufen, die man eh nicht wirklich braucht. Und an alle Schauspieler: Es ist gut, dass Ihr Eure Träume lebt, denn man lebt nur einmal.
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