Vom Winzer zum Korallenzüchter Herr über tausend Tentakel

Korallen wachsen in der Südsee und am Great Barrier Reef. Oder an der südlichen Weinstraße: Jürgen Wendel produziert die Meerestiere auf seinem Pfälzer Weingut - lukrativ, aber auch ein Wagnis mit hohen Investitionen.

Simon Michaelis

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Im klaren Wasser wiegen sich rote Anemonen, Tausende Tentakel schwingen mit der sanften Strömung. Eine Kardinalsgarnele krabbelt zwischen zwei Steinkorallen hervor. Ausflug in die Südsee? Nein, in eine künstliche Unterwasserwelt an der südlichen Weinstraße. Dort züchtet ein Winzer 35.000 Korallen. Klingt verrückt, ist auf jeden Fall außergewöhnlich. Jürgen Wendel, 37, kann davon leben.

Leinsweiler, ein 400-Einwohner-Dorf in der Pfalz: historische Fachwerkhäuser, romantische Güter, urige Weinkeller. Die Familie Wendel gehört zu den alteingesessenen Familien. Seit Generationen pflanzen und pflegen sie Reben. Derzeit arbeiten Vater, Sohn und eine Angestellte im Betrieb. Doch während Vater Hartmut traditionell Maische für Branntwein ansetzt, mischt Sohn Jürgen Meerwasser.

Insgesamt 18.000 Liter pumpt die Anlage stetig durch ein kilometerlanges Rohrsystem und die riesigen durchsichtigen Acrylglasbecken. 16 flache Aquarien stehen in einer Halle in einem Stahlgerüst vom Boden bis fast zur Decke übereinander. Dort wachsen 35.000 Korallen, insgesamt etwa 100 verschiedene Arten.

Die Zucht zahlt sich erst nach Jahren aus

Seit zehn Jahren verkauft der Winzer Nesseltiere und exportiert inzwischen europaweit. Vom Winzer zum Korallenzüchter: Die Jobs sind ähnlicher, als man denkt. Reben müssen geschnitten und ausgedünnt werden, damit sie gut wachsen. Korallen auch, damit sie sich vermehren. "Im Prinzip ist es, wie wenn ich einen Weinberg pflanze. Ich kaufe ein, investiere Zeit und Geld in die Tiere oder Reben und verdiene erst Jahre später daran", sagt Jürgen Wendel.

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Seine Korallen kosten je nach Art und Größe zwischen 25 und 45 Euro. Auch wenn die Gewinnspanne bei den Korallen meist höher als beim Wein angesetzt ist, trägt der Züchter ein Risiko: "Ein größerer Fehler würde meinen gesamten Jahresverdienst zunichte machen. Aber ich habe das ohnehin nicht gemacht, um Millionär zu werden."

In der Zuchthalle hat Jürgen Wendel ein Gitter voller Fingerlederkorallen aus einem Aquarium gefischt. Für Laien sieht es aus wie ein Bündel schleimiger, pilzartiger Tentakel. Mit der Schere schneidet er in den lebendigen Strauß. Was rigoros aussieht, stiftet Leben: Wendel vermehrt so am Tag bis zu 1000 Weich- oder Steinkorallen.

Ließe er sie wachsen, würde der untere Bereich der Tiere irgendwann nicht mehr genug Licht bekommen und absterben. "So leben sie im Prinzip ewig", sagt Wendel, trennt ein Stück ab, um es später mit einer Nadel auf einem künstlichen Stein zu fixieren. "Fortgeschmissen wird nichts", sagt er mit Pfälzer Dialekt.

"Irgendwann war unser ganzer Keller voller Becken"

Als 13-Jähriger bekam Wendel sein erstes Aquarium, mit 15 machte er seinen ersten Tauchgang: "Die wunderschönen Unterwasserlandschaften faszinierten mich. So etwas wollte ich gern selbst kreieren." Wendel richtete sein erstes Seewasseraquarium ein, bald war "unser ganzer Keller voller Becken".

Vom Hobby zum Beruf war es ein weiter Weg. Nach der Schule machte Jürgen Wendel zunächst eine Ausbildung zum Winzer, dann seinen Meister. Und lernte vieles, was auch ein Korallenzüchter wissen muss - von der Betriebswirtschaft bis zum Marketing. Vor zehn Jahren wagte er den ersten Schritt auf den Korallen-Markt. Viele lachten ihn aus: "Das kannst du vergessen." Doch Wendel glaubte an seine Idee.

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Zwei Jahre später orderten Zoo-Ketten und Großhändler große Mengen seiner Nachzuchten. Anfangs war das nicht so einfach: "Ich habe fünf oder sechs Jahre Produktionszeit, bis ich liefern kann. Ich muss aus einem Tier mehrere Hundert machen, bevor ich die ersten verkaufen kann."Aus wirtschaftlichen Gründen züchtet er ausschließlich Korallen, die vergleichsweise einfach zu halten sind.

Nach drei Jahren zwischen Weinberg und Zuchtbecken der nächste Schritt: Wendel investierte eine Million Euro. Er baute eine neue Unterkunft für sich und eine für seine Korallen, beide direkt ans Weingut angrenzend. Für seine Anlage wählte er hochwertige Komponenten: "Ich habe nur Materialien verwendet, die mindestens 30 Jahre haltbar sind."

Eine Koralle stirbt im schönsten Farbton

Zweimal täglich inspiziert Wendel alle Korallen. Auch die 3000 Fische müssen regelmäßig gefüttert werden. Deren Ausscheidungen dienen den Korallen als Hauptnahrungsquelle. Die Barsche, Clownfische und Garnelen leuchten in knalligen Farben, die Korallen dagegen scheinen damit zu geizen. Warum? "Wenn eine Koralle ganz extrem leuchtet, weiß ich, dass etwas nicht stimmt. Sie stirbt im schönsten Farbton", sagt der Züchter.

Wer seine Korallen kaufe, entscheide sich gegen die Entnahme aus der Natur. Artenschutz sei ein enorm wichtiges Thema, sagt Wendel. Er hat das 60.000-Liter-Aquarium im Darwineum des Rostocker Zoos komplett bestückt und gerade in Rumänien das große Privatbecken eines Kunden eingerichtet. Dort blieb er mit seiner Familie noch ein paar Tage. In der Zeit kümmerte sich eine Angestellte um die Tiere.

Zeit für Urlaub bleibe sonst kaum, "vier Tage sind das höchste der Gefühle". Wendel ist leidenschaftlicher Taucher. Doch seit er Korallen züchtet, hat er keine Zeit mehr, die Tiere in freier Wildbahn zu sehen. "Der Urlaub fehlt mir schon." Expandieren wird er nicht. "Das ist für mich der falsche Weg." Aber er hat einen anderen Plan: "Ich könnte mir vorstellen, in diesem Bereich etwas Größeres aufzubauen, mit Investoren zusammenzuarbeiten."

Dann aber nur als Berater. Für Wendel steht fest: "Bis zur Rente mache ich diesen Job so nicht."

  • Laura Engels
    KarriereSPIEGEL-Autor Simon Michaelis (Jahrgang 1980) ist freier Journalist und lebt in Essen. Für seine Geschichten pendelt er vor allem zwischen den Regionen Rhein-Ruhr, Rhein-Main und Rhein-Neckar.

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