Ermutigung zur Zeitverschwendung Warten Eden

Wenn es mal nicht mehr vorwärts geht, können wir uns maßlos darüber aufregen in unserem durchgetakteten Leben. Das ist ganz falsch, findet Kristin Haug.

Nichts tun
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Nichts tun


Sie sitzen auf einem Bahnhof, müssen in einem Zug ausharren oder sind im Nirgendwo der Provinz gestrandet. Sie würden am liebsten ausrasten, sich beschweren oder weinen. Sie müssen warten, und warten nervt, weil alles plötzlich nicht mehr nach Plan läuft. Sie kommen zu spät, Sie sehen Ihre Familie nicht, Sie können nichts tun, um Ihre Situation zu verändern.

Schuld ist das Sturmtief "Xavier", und das macht sich weder etwas aus Zeitplänen noch aus Ihren Gefühlen. Wenn Sie also nicht gerade eine Nacht in einem Zug schlafen und sich die Toiletten mit hundert anderen Gästen teilen mussten, sich nicht duschen oder Zähne putzen konnten, wie wäre es dann, liebe Pendler, wenn Sie sich mit dem Warten anfreunden?

Warten muss nicht immer schlecht sein, denn Sie bekommen Zeit geschenkt. Diese können Sie natürlich mit Ihrem Smartphone verbringen und, wenn Sie alle Nachrichten verschickt und gelesen, alle Social-Media-Kanäle und Nachrichtenseiten gecheckt und alle Fotos sortiert haben - mal wieder Quizduell spielen.

Wenn Sie richtig Glück haben, ist auch Ihr schnelles Internetvolumen schon aufgebraucht, dann können Sie Ihr Smartphone beiseitelegen und inne halten. Genießen Sie es, nichts zu tun und sich (und das ist das Beste) dafür nicht rechtfertigen zu müssen. Verstehen Sie das Warten als kreative Pause, in der Ihr Leben verschnaufen kann.

Ihre Agenda hat sturmfrei. Freuen Sie sich über einen oder zwei zusätzliche bezahlte Urlaubstage! Die Zeit ist ohnehin verloren, jetzt können Sie sie mit Freude vertrödeln. Wie damals in den großen Sommerferien, als einem sechs Wochen wie ein halbes Leben vorkamen. Die Zeit hatte noch eine andere Dimension, sie musste nicht strukturiert und effizient genutzt werden. Sie konnte mit Kirschkernspucken und Wasserbombenwerfen, mit Freundschaftsbändchen knüpfen und Blumenkränze basteln verbummelt werden.

Kehren Sie die Effizienz um, während Sie warten müssen: Anstatt die Zeit sinnvoll zu nutzen, verplempern Sie sie. Sie können Rollkoffer zählen, sich Fusseln vom Pullover zupfen, über die Sockenmuster anderer Menschen wundern, sich vorstellen, wie Ihre unmittelbare Umgebung aussehen würde, wenn die Zombie-Apokalypse hereingebrochen wäre wie in der US-Serie "The Walking Dead".

Sie können Strichmännchen malen, Papierflieger bauen, Kaugummiblasen zum Platzen bringen, Gespräche belauschen und so tun, als würden Sie woanders hingucken. Lernen Sie Mitwartende kennen und versuchen sie gegenseitig Beruf, Wohnort und Hobbys zu erraten.

Auch zum Nachdenken haben Sie nun Zeit. Keine Angst, Sie müssen nicht über den Sinn des Lebens, über Ihre Karriere oder Zukunft nachdenken. Wenn man wartet, und sich mit dem Warten abgefunden hat, dann brauchen die Gedanken kein Ziel mehr. Sie können hinwandern wo sie wollen, und kommen an ganz anderen Stellen an als sonst.

Denken Sie zum Beispiel an Ihre Weihnachtsgeschenke - endlich mal rechtzeitig. Worüber würden sich die Verwandten und Freunde wirklich freuen? Überlegen Sie sich, wie Sie Silvester feiern wollen oder wohin der nächste Urlaub gehen soll. Planen Sie einen Kindergeburtstag. Das ist noch unterhaltsamer, wenn er gar nicht für ein Kind gedacht ist.

Wann hat man denn sonst Zeit für so was?


Was tun Sie, wenn Sie warten müssen? Schreiben Sie uns: spon.bildung@spiegel.de



insgesamt 12 Beiträge
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erwachsener 06.10.2017
1.
Auch wenn ich es wichtig finde, leerlaufzeiten zu haben, sich sogar manchmal zu langweilen - ich kann der Autorin nicht zustimmen. Ein Sturmtief ist zwar leichter hinzunehmen als der n+1-ste Streik einer Minigewerkschaft, aber: Nein, man bekommt keine Zeit geschenkt. Man bekommt Zeit gestohlen. Lebenszeit, die man mit seiner Familie verbringen wollte. Arbeitszeit, die man bei einem Meeting hätte verbingen sollte, oder in seinem Büro. Nein, es handelt sich nicht um einen Urlaubstag. Im Gegenteil ist der Arbeitnehmer erstmal verpflichtet, einen Weg durch das Chaos zum Arbeitsplatz zu finden, denn man schuldet dem Arbeitgeber Arbeitszeit. Den freien Tag, den man jetzt vielleicht hat, kann man dafür später nicht mehr nehmen. Und schließlich ist es ein Unterschied, ob ich eine freie Zeit so verbringe wie ich möchte, oder ob ich frierend bei immer noch erstaunlicher Windstärke an irgendeinem Bahnhof in Milchkannenhausen stehe.
Olaf Köhler 06.10.2017
2. Wer kann das noch?
Einfach Mal nichts tun? Zeit ist der einzig wahre Luxus heute - doch was machen wir damit? Wir "schlagen sie tot": Irgendwo auf irgendwas warten zu müssen, ohne daran etwas ändern zu können und ohne dabei etwas zu tun zu haben, scheint für viele der schlimmste Albtraum zu sein. Auf dem Weg zur Arbeit und zurück, zum Einkaufen...egal wohin oder woher, es wird gehetzt, gedrängelt, gerannt, auf den verstopften Straßen um jeden Meter "gekämpft" -. bringt zwar nichts, aber man ist ein Stückchen weiter voran gekommen. Mensch, halt inne!, möchte man rufen. Musstest Du bei Rot über die stark befahrene Straße rennen, um die Bahn noch zu kriegen - obwohl in drei Minuten die nächste kommt? Ist es wirklich besser, sich in den überfüllte Zug zu quetschen, als 20 Minuten auf den nächsten zu warten? Hältst Du es denn überhaupt noch aus, einfach Irgendwo (ohne Handy!) zu sitzen? Entdeckt die Gelassenheit, Leute!
Frank_G 06.10.2017
3. Ach wie schön...
... ein Artikel lang "Urlaub", und wenn nur vom Lesen hektischer Artikel, die gar nicht akutell und dezidiert genug sein können :-) !
uksubs 06.10.2017
4. einfach mal
den fernseher und das internet ausschalten - zeit ohne ende
upalatus 06.10.2017
5.
Wartezeiten eröffnen mitunter die interessantesten Perspektiven. Kaum möglich, dass man ganz alleine irgendwo vor sich hinstinken müsste (dafür gibts die Denkminuten täglich vorm Einschlummern). Irgendwas/wer ist immer in greifbarer Nähe. Kann man sich das vorstellen: da hocken ein plus x Leutchen auf irgendwas (zwangsweise) 'ausharrend' wartend, und jeder stolpert gedanklich einsam für sich im jeweils privaten Lebenskosmos inklusive der verdrängten Weihnachtspräsentbeschaffung rum, weil nun mal Zeit dazu ist und spon dazu angeraten hat? Nichts da, da wird ausgibig gequatscht, Kaffee konsumiert, rumgelaufen und geschaut. Die Zeit geht schneller rum als man glaubt, und schon schleift der eigene Hintern wieder auf der hektischen Planungsschiene weiter.
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