Schätze in Krematorien Totengräber dürfen Zahngold nicht für sich behalten

Der Mitarbeiter eines Krematoriums stibitzt das Zahngold der Toten aus der Asche - insgesamt 31 Kilo. Hätte er es seinem Chef aushändigen müssen? Das Bundesarbeitsgericht sagt ja, der Mann muss womöglich eine Viertelmillion Euro zurückzahlen.

Von

Särge: Holz, Leichen und womöglich Edelmetall
DPA

Särge: Holz, Leichen und womöglich Edelmetall


Wenn wir einmal das Zeitliche segnen und unser Leichnam verbrannt wird - wem gehört dann das Gold in unseren Zähnen? Ein Mitarbeiter des Krematoriums in Hamburg-Öjendorf hatte die Frage zu seinem Vorteil beantwortet, zusammen mit ein paar Kollegen. Der Fall wurde nun vor dem Bundesarbeitsgericht verhandelt.

In acht Jahren hatte der Mann aus den Aschekästen seiner Arbeitsstelle 31 Kilo Gold gefischt und verkauft. Die Friedhofsverwaltung forderte deshalb rund 273.680 Euro von ihm zurück. Die Anwälte der Krematoriumsarbeiter hielten entgegen, das Zahngold eines Toten, der zur Einäscherung übergeben wurde, gehöre eigentlich niemandem - der letzte Eigentümer ist ja tot, die Angehörigen haben die Leiche abgegeben. Demnach hätten ihre Mandanten durchaus das Gold behalten dürfen, es würde kein Eigentum des Krematoriums geschädigt.

Doch das hatte schon im vergangenen Jahr das Hamburger Landesarbeitsgericht anders gesehen: Ja, das Zahngold der Eingeäscherten sei zwar herrenlos, aber die Friedhofsverwaltung könne als Geschäftsherr die Herausgabe all dessen verlangen, was der Angestellte vom Chef bekommen habe, um seine Arbeit zu erledigen. Also auch das Gold.

Herrenlos, aber verwertbar

Das war die Frage, die das Bundesarbeitsgericht nun zu prüfen hatte: Dürfen Krematorien das Zahngold einbehalten? Ja, sagten die Richter in Erfurt, verwahren und verwerten dürfen sie es, auch wenn das Gold weiter als herrenlos gilt - echtes Eigentum haben auch die Krematorien daran nicht. Welche Rolle die Angehörigen der Verstorbenen dabei spielen, stand für die Arbeitsrechtler nicht zur Debatte.

Fotostrecke

4  Bilder
Fotograf für Leichen: "Man muss nicht immer alles sehen"
Was fängt man mit so einem Urteil an? Die Entscheidung über die Mitarbeiter muss das Landesarbeitsgericht in Hamburg treffen. Das dürfte sich bestätigt sehen: Der Geschäftsherr hat die Verfügungsgewalt über das Zahngold. Damit muss der Krematoriumsmitarbeiter Schadensersatz leisten. Allerdings forderten die Bundesrichter heute die Hamburger Kollegen auf, die Höhe neu zu berechnen. Mit ein bisschen Glück wird es für den Mitarbeiter nicht ganz so teuer.

Solche Konstruktionen spielen im Arbeitsrecht immer wieder eine Rolle: Selbst Dinge, die ein Chef längst aussortiert hat, darf ein Arbeitnehmer nicht einfach für sich behalten. So etwa lag der Fall vor wenigen Jahren bei einer Altenpflegerin. Sie nahm Maultaschen mit nach Hause, die sonst weggeschmissen worden wären. Ähnlich eine Sekretärin, die eine überzählige Bulette vom Büfett der Geschäftsleitung aß. Beide wurden fristlos gekündigt, was juristisch in Ordnung war: Die Entscheidung darüber, was mit solchen Resten bei der Arbeit geschieht, hat allein der Chef. Im Fall der Bulette immerhin sah der Arbeitgeber ein, dass er zwar juristisch korrekt, aber doch zu hart reagiert hatte.

Versteckte Urnen, geöffnete Särge

Nun geht es beim Zahngold um ganz besondere Reste - und ja auch nicht um Centbeträge. Der Arbeitgeber klagte deshalb nicht nur auf Schadensersatz in sechsstelliger Höhe. Die Totenruhe sei durch die Goldschürferei im Leichenstaub gestört worden, so ein Anklagepunkt bereits im vergangenen Jahr. Mit dieser Begründung sind der Krematoriumsarbeiter und acht Kollegen damals zu Bewährungsstrafen verurteilt worden.

Weil die Besitzverhältnisse bei Zahngold so heikel sind, hat auch die Friedhofsverwaltung den Erlös nicht einfach in die eigenen Kassen geleitet. Das Geld aus Öjendorf wurde der Kinderkrebshilfe gespendet, wiederverkaufte Prothesen sollen die Kosten für Weihnachtsfeiern gedeckt haben. Seit der Fall der Goldräuber die Hamburger Lokalpresse beschäftigte, gibt es eine Dienstanweisung, wonach Goldfüllungen in der Asche zu verbleiben haben. Schließlich darf ein Hinterbliebener davon ausgehen, dass die Urne, die er bekommt, den Verstorbenen komplett enthält.

Arbeitsrechtlich standen die Chancen des Mitarbeiters von Anfang an eher schlecht: Seit Jahren gab es einen Tresor und eine Dienstanweisung, aufgefundenes Gold zu deponieren. 2005 war er nochmals in einem Brief vom Chef aufgefordert worden, keine Wertgegenstände aus der Asche an sich zu nehmen. Er tat es weiter. Der nächste Brief vom Chef war die Kündigung.

Es kommt nicht selten vor, dass im Bestattungsgewerbe gestohlen wird. Erst im Juli verurteilte das Amtsgericht Gießen einen Bestatter, der Särge geöffnet und den Schmuck der Leichen gestohlen hatte. Im April wurde ein Betrüger verurteilt, der für Seebestattungen kassierte, die Urnen aber einfach in einem leer stehenden Haus lagerte. Und ein Bestatter in Rheinland-Pfalz hat nicht die Asche der Toten, sondern mit Sand oder Kies gefüllte Urnen beigesetzt. Er wurde wegen Betrugs und Störung der Totenruhe belangt.

Mit Material von dpa

  • Matthias Kaufmann (Jahrgang 1974) ist KarriereSPIEGEL-Redakteur.

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 54 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
GSYBE 21.08.2014
1. Hätte er es seinem Chef aushändigen müssen?
Seinem Chef? Was ist das denn für eine verquere Logik? Natürlich den Hinterbliebenen/Erben, sollten die nicht vorher verfügt haben, dass es in der Asche und somit in der Urne bleibt.
smartphone 21.08.2014
2.
Die Metalle sind nicht herrenlos - es gibt typischerweise Hinterbliebene ( die oft genug wissen um zB Goldzähne ) denen dieses Material diskret zukommen muß . Es sollte btw zum Besrechspektrum mitdem Bestatter gehören ,was ansonsten mit dem Material geschehen soll.
triple-x 21.08.2014
3. Herrenlos?
Wieso soll das Zahngold herrenlos sein? Das steht doch den Erben zu! Das ist ja ziemlich interessant, was hier für eine Rechtsauffassung vertreten wird...
weserwasser 21.08.2014
4.
Selbstverständlich gehört dieses Eigentum den Erben , ganz sicher nicht den Chef , wenn die Erben wollen das es bei den toten bleibt , kommt das Gold mit ins Grab und Grabräuber werden sich in ein paar Jahren vielleicht freuen - vernünftig wäre es Zahngold zu spenden
bananenrep 21.08.2014
5. Natürlich.....
dem Chef. Viele Krematorien sind staatlich, da muss der Chef (Staat) das bekommen. Angie braucht doch die goldene Krone. Im Leben wie im Tod gehörst Du als Sklave dem Staat. Sonst müßten die Angehörigen doch Steuer auf das Gols zahlen. Ist doch Erbe und Einkommen. Ironie, ich ?
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.