Internationaler Vergleich Jeder zweite Leiharbeiter will weg 

Deutsche Leiharbeiter sind unzufrieden mit ihrem Job - das belegt ausgerechnet die Studie einer Zeitarbeitsfirma. In anderen Ländern hingegen ist das Modell angesehen, dort zahlt die Branche deutlich besser.

Von Helene Endres

Jobsuche auf Zeitarbeitsmesse: Arbeitgeber sind von dem Modell begeistert
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Jobsuche auf Zeitarbeitsmesse: Arbeitgeber sind von dem Modell begeistert


Des einen Freud, des anderen Leid - so könnte man eine weltweite Studie zum Thema Zeitarbeit überschreiben. Darin wird vor allem eines klar: In Deutschland sind Leiharbeiter nicht übertrieben glücklich mit ihrer Arbeit. Jeder zweite der Befragten ist schon während seiner Anstellung dabei, einen neuen Job zu suchen. Kein Wunder, denn weniger als die Hälfte der Befragten empfinden ihre Tätigkeit als positiv.

Ganz anders die Stimmung auf der anderen Seite der Werkbank: Die Arbeitgeber sind begeistert vom Modell der Zeitarbeit. 85 Prozent beurteilen es als positiv. Größte Begeisterung ruft hierbei die Flexibilität hervor, die diese Form der Mitarbeiterrekrutierung mit sich bringt - sie wird von 94 Prozent der Firmen als Hauptmotivation für die Variante Zeitarbeit angegeben. Um das mitgebrachte Know-how geht es den wenigsten: Nur 38 Prozent der deutschen Arbeitgeber glauben, sich durch die Zeitarbeiter neue Expertise in die Firma zu holen.

Erste Priorität: Übernahme in die Firma

"In Deutschland geht man davon aus, dass man eine Festanstellung bekommt. Eine Übernahme in das Unternehmen ist während des Einsatzes das Ziel der Zeitarbeitnehmer", so Ricardo Corominas, Deutschlandchef der Personalberatung Page Personnel und Herausgeber der Studie. "Doch die Zeitarbeitnehmer schätzen auch das Netzwerk, das sie durch die Einsätze aufbauen. Sie verstehen Zeitarbeit als eine Möglichkeit, in wirtschaftlich schwierigen Zeiten am Arbeitsmarkt teilzunehmen."

Aufschlussreich ist es, die internationalen Aspekte der Studie genauer zu betrachten. Denn Zeitarbeit ist nicht Zeitarbeit. "Arbeiten in Deutschland etwa zwei Prozent der Angestellten als Zeitarbeitnehmer, sind es in anderen Ländern wesentlich mehr", so Ricardo Corominas. Die Gründe hierfür sind, dass in südeuropäischen Ländern viele Saisonarbeiter für einfache Arbeiten im Tourismus gebraucht werden; und dass die durch die Wirtschaftskrise gebeutelten Unternehmen froh sind, wenn sie einfach und kostengünstig Personal auf- und vor allem wieder abbauen können.

Auch im Image unterscheidet sich Zeitarbeit stark von Land zu Land: In den Niederlanden, in Großbritannien, in Schweden und in den USA genießt Zeitarbeit einen guten Ruf, in Spanien, Italien und Südamerika ist sie weniger gut angesehen. "Das hat auch viel mit der Geschichte zu tun und Erfahrungen, die ein Land mit der Zeitarbeit gemacht hat. Und natürlich mit den Konditionen", sagt Corominas, der 13 Jahre in Spanien als Personalberater arbeitete. "In Spanien beispielsweise wurde in der Vergangenheit Zeitarbeit ausgenutzt, um Leistung billig einzukaufen, die Beschäftigungsverhältnisse waren prekär, oft ohne Sozialversicherung und schlecht bezahlt. Das hat sich inzwischen geändert - aber dem Image der Zeitarbeit hängt so was noch an."

Vorbild Frankreich

Die strukturellen Unterschiede sind groß: Fest bei einer Zeitarbeitsfirma angestellt zu sein wie in Deutschland, ist unter anderem noch in Italien und den Niederlanden üblich. In anderen Ländern werden die Mitarbeiter von den Agenturen lediglich vermittelt und für den individuellen Einsatz entlohnt. Auch die Bezahlung schwankt stark: Werden die Arbeitskräfte hierzulande zwar nach Tarif bezahlt, aber meist schlechter als die Stammarbeiter, die fest im Unternehmen angestellt sind, bekommen die Leihkräfte in Frankreich einen Aufschlag auf den firmenüblichen Lohn, der ihre Flexibilität belohnen soll. Vielleicht sind deshalb dort auch die Einsätze am kürzesten: Mehr als die Hälfte verlässt den Betrieb nach weniger als drei Monaten wieder. Viele bleiben jedoch und werden in eine Festanstellung übernommen - Zeitarbeit wird dort auch als eine Form von Probezeit gesehen.

Insgesamt wurden von der Personalberatung Page Personnel in Kooperation mit TNS Infratest 11.000 Zeitarbeiter und 2000 Arbeitgeber weltweit befragt, 1500 davon in Deutschland.

  • Helene Endres ist Redakteurin beim manager magazin.

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insgesamt 87 Beiträge
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denkpanzer 15.01.2014
1. optional
Wenn das Modell Leiharbeiter nur zum Ziel hat wenig Geld zu zahlen ist es doch kein Wunder wenn die Arbeitnehmer unglücklich sind. Solange kein Mindeslohn eingeführt wird ist auch keine Änderung in Sicht.
frank1980 15.01.2014
2. Leiharbeit
Kein wunder das in Deutschland die Arbeitgeber die Leiharbeit Positiv sehen, hire and fire. Ist super. Problematisch ist, dass ein guter Teil des Lohns des Mitarbeiters an die Leiharbeitsfirma geht. Der Arbeitnehmer arbeitet für 30% - 50% weniger als ein normaler Mitarbeiter. Super für die Verleihfirma, für den Entleiher... sehr schlecht für den Sklaven. Allerdings ist es tatsächlich so das viele keine andere Wahl haben und auf den späteren Absprung hoffen.
MartinK. 15.01.2014
3. Hmm
Zitat von sysopDPADeutsche Leiharbeiter sind unzufrieden mit ihrem Job - das belegt ausgerechnet die Studie einer Zeitarbeitsfirma. In anderen Ländern hingegen ist das Modell angesehen, dort zahlt die Branche deutlich besser. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/zeitarbeit-ist-in-deutschland-laut-studie-unbeliebt-a-943248.html
Bin Zeitarbeiter und kann das nur bestätigen. Ok ich habs noch gut und bei nem Ingeniersdienstleister angestellt. Aber ne Anstellung direkt bei ner Firma ist dann doch noch etwas anderes. Naja die Bewerbungen laufen ;)
Turin 15.01.2014
4. Branche?
Welche "Branche" ist dienn Arbeitnehmerüberlassung? Die Leiharbeit ist ein Modell, dass in vielen Branchen mittlerweile üblich ist. Aber keine Branche an sich. Und auch hier gibt es hochqualifizierte Akademiker, die "Leiharbeiter" sind. Und damit durchaus zufrieden, zumal ihre Gehälter mehr als branchenüblich durchschnittlich sind. Aber wahrscheinlich hat es sich damit bald eh erledigt. Wenn die GroKo ihre Pläne umsetzt, ist das Modell in D so gut wie tot. Das mag für den Saisonarbeiter, Erntehelfer o.ä. vorerst gut sein, für die hoch qualifizierten Leiharbeiter aber eher schlecht.
gedankenblitz 15.01.2014
5. Die Leute zun mir leid,
natürlich ist Flexibilität ein großer Vorteil, das verstehen alle. Muss man dafür aber Adressen auf Vorrat sammeln, Gutscheine bei Vermittlern ausgeben, potentielle Arbeitnehmer mit Sanktionen durch die Arbeitsagentur bedrohen und zum Schluss um Eingruppierung und Lohnzahlung feilschen. Die Unternehmen bekommen genügend Geld, welches die Leiharbeiter in Ihrer Tätigkeit erarbeiten, dann sollen sie diese wenigstens ohne fette Abfindungen in die Unternehmen wechseln lassen.
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