Neustart als Züchter "Ich mach' jetzt in Würmern"

Als sein Textilgeschäft pleiteging, eröffnete Jürgen Brenneisen einen Versand für Würmer. Im Pferdemist gedeihen seine Mini-Mitarbeiter millionenfach, kiloweise verschickt er sie an umweltbewusste Gärtner. Erst wurde er ausgelacht. Doch die Wurmzucht wird zum Biotrend.

Von Ann-Kristin Mennen

Ann-Kristin Mennen

91, 92, 93 - flink zieht Jürgen Brenneisen Würmer aus dem Kompost und wirft sie in einen weißen Plastikbeutel. "Ganz frische Ware", sagt er. Die Würmer winden sich - 99, 100. Hundert Würmer für sechs Euro, fertig für den Versand. Eine Kleinbestellung, die Brenneisen kostbare Zeit raubt. Lukrativer und gängiger sind Kilobestellungen. "Da zähl ich dann nicht, da wieg ich", sagt der kleine Mann mit dem Schnauzer.

Vor zwei Jahren ging Brenneisen, 60, mit einem Textilgeschäft in der Oranienburger Innenstadt pleite. Schon oft war er selbständig, und oft ist er gescheitert. Im Internet suchte der Brandenburger wochenlang nach einer ungewöhnlichen Geschäftsidee und wurde auf US-Seiten fündig: Er beschloss, Wurmfarmer zu werden.

Heute hat Brenneisen kaum freie Zeit, Zwölf-Stunden-Arbeitstage sind nicht ungewöhnlich. Bestellungen gehen täglich auf seiner Homepage ein, aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Als einer von bislang noch wenigen deutschen Farmern seiner Art verschickt Brenneisen Tausende Würmer pro Tag. Darunter sind Riesen-Rotwürmer als Köder für Angler oder als Futtertiere für Schildkröten und Kiwis.

Geruchlose Müllvernichtung

Verkaufsschlager aber ist der Kompostwurm: Abfallverwerter und Düngerproduzent in einem. Den verkauft Brenneisen an Gärtnereien und Pferdehöfe, die mit den Würmern ihre Mistberge vernichten. Doch auch Privatleute finden zunehmend Gefallen an der natürlichen Vernichtung ihres Biomülls. Von einem Kubikmeter Kompost lassen 1000 Würmer und ihre Abkömmlinge nach vier Monaten nur noch 20 Prozent übrig - völlig geruchlos.

Verwendung finden die Würmer auch dort, wo sie ursprünglich herkommen, im Erdreich. Martin Langhoff ist der Inhaber des Großhandels Superwurm und der Pionier unter den deutschen Wurmfarmern: "Die meisten Gärten haben kaum noch Würmer", erklärt er. Schuld daran seien chemische Dünger und die Gartenbesitzer selbst: Sie entfernen das organische Material, das die Würmer brauchen, etwa den Rasenschnitt nach dem Mähen.

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Von Beruf Ameisenhändler: Martin and the Ants
Der gelernte Software-Entwickler Langhoff setzte bereits vor zehn Jahren auf das Geschäft mit Würmern. Aus einer Garagenzucht wurden Industriehallen, in denen seine Tiere mechanisch mit speziellem Wurmfutter gefüttert werden. Auch die lästige Ernte der Würmer und Wurmeier hat Langhoff längst automatisiert: Ein spezielles Trommelsieb filtert die Würmer aus dem Substrat, eine Kokonerntemaschine trennt die Kokons von der Erde. Die Wurmeier werden dabei mit Luftdüsen ausgeschossen.

Größter Arbeitgeber: Der Farmer beschäftigt Millionen Würmer

Langhoff verschickt vor allem Eier, viele davon ins Ausland, besonders in südliche Regionen. "Wo urbane Landwirtschaft betrieben wird, ist humusreicher Boden oft knapp", erklärt Langhoff. "Und Wurmhumus ist der fruchtbarste Boden überhaupt."

Das Interesse an den attraktiven Ausscheidungen der kleinen Müllschlucker wächst weltweit, weiß Alfred Grand. Der Österreicher verkauft Bauanleitungen von professionellen Wurmkompostierungsanlagen. Aktuell verhandelt er mit der Türkei und mit Indien: "Die Türken wollen mit Hilfe der Würmer ihre Gemüseabfälle loswerden, die Inder den vielen Elefantenmist und andere organische Abfälle."

Auch in Deutschland werde die Bedeutung des Kompostwurms weiter wachsen, ist Jürgen Brenneisen überzeugt. Als er vor eineinhalb Jahren selbstbewusst verkündete: "Ich mach' jetzt in Würmern", lachten Freunde und Familie über ihn. Dass sein Geschäft aber derart schnell in Gang kam, überrascht selbst seinen Gründer: Aus einem Grundstock von 20.000 Würmern wurden schnell Millionen. "Ich bin jetzt der größte Arbeitgeber in Brandenburg", sagt Brenneisen und grinst.

"Tot oder lebendig"

Untergebracht sind seine Arbeiter in wild zusammengezimmerten Holzverschlägen, riesigen Kompostbehältern. Brenneisen hebt eine der grünen Plastikplanen an. Ein Schwarm Gärfliegen versperrt kurz die Sicht, dann kommen Tausende Würmer zum Vorschein. Sie kriechen über schwarze Bananenschalen und welke Salatblätter: "Ein Paradies für die."

Die Essensabfälle bekommt der Farmer aus Supermärkten, kostenlos. Drei flache Komposthaufen in seinem Garten werden mit Pferdeäpfeln versorgt. Hauptaufgabe des Farmers: Die richtige Menge an Futter nachlegen. "Ein Wurm frisst am Tag die Hälfte seines Eigengewichts, man darf es also nicht übertreiben", erklärt er. Wird der Haufen zu hoch oder im Innern zu warm, schadet das den Würmern.

Die ideale Temperatur, das beliebteste Essen, die richtige Feuchtigkeit - Brenneisen weiß, wann so ein Wurm gut arbeitet. Nur wie es seinen Würmern wirklich geht, weiß er nie: "Ich hab keine Ahnung, ob ein Wurm krank ist oder Hunger hat. Ich sehe nur, ob er tot ist oder lebendig."

Und damit seine Kunden keine toten Würmer im Briefkasten finden, verschickt Jürgen Brenneisen seine Wurmpakete nicht bei Temperaturen über 25 Grad. Denn dann überstehen Kompostwürmer die bisweilen tagelange Reise im Plastiksack nicht. "Eigentlich verbietet die Post generell den Versand von lebenden Tieren", sagt Brenneisen. "Aber den Wurm zählen die zum Glück nicht als Tier."

  • Ann-Kristin Mennen ist freie Journalistin und lebt in Lüneburg.

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insgesamt 11 Beiträge
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Seite 1
Kaworu 23.09.2012
1.
Warum muss ich an dieser Stelle an den einen Asterix-Händler mit dem Holzwurmhändler denken?
hako42 23.09.2012
2. Achtung Scams!
Die "Kompostwürmer" sind ein beliebtes Medium für Schneballsysteme und Scams - insbesondere in Ungarn 1989 but immer wieder auch in den USA (z.B. B&B Worm Farms 2003) und sonstwo. Eine Anfangsausstattung an Würmern und eine Anleitung zur Anlegung von Wurmfarmen wird zu völlig überzogenem Preis an das Opfer verkauft - zusammen mit dem Hinweis dass sich die Zahl der Würmer alle paar Monate verdoppelt (traumhafte Rendite) und einer Abnahmegarantie für Würmer oder direkt für die verarbeitete Erde. Die Abnahmegarantie wird natürlich nur so lange eingehalten wie das System wächst und sie direkt an das nächste Opfer als Anfangsausstattung weiterverkauft werden können. Nach einiger Zeit bricht das System vorherhsehbar zusammen, die Wurmfarmer bleiben auf ihrer "Investition" sitzen (und realisieren, dass sie auf dem "echten" Markt für Würmer nicht annähernd die Preise verlangen können, auf denen die ihnen präsentierten Kalkulationen basieren) und die Firma die das ganze Spektakel organisiert hat erklärt Insolvenz nachdem alle Gewinne & Assets außer Reichweite des Gesetzes geschafft wurden.
leser67 23.09.2012
3. Kommt mir bekannt vor
Schon 1994 im Film Dumm und Dümmer eröffneten die beiden unterbelichteten Filmhelden Lloyd und Harry ihr Wurmgeschäft namens "Ich hab Würmer" ;-) Gute Idee
spon-1311930078720 23.09.2012
4. Wurmig
Die Kompostwürmer sind der geräuschloseste Beitrag zum Umweltschutz und effektiver als die Dampfplauderer im Bundestag.
albert schulz 23.09.2012
5. Sensationell
Würmer kann man seit über zwanzig Jahren in jeder Raiffeisenfiliale kaufen. Aktiv werden sie bei frischen Abfällen und bei ausgerotteten, weil sie bei Temperaturen über 30° verenden, und auch in kalten Wintern. Während der chemischen Zerfallsprozesse kann der Kompost Temperaturen von 70 bis 100° erreichen, wobei sämtliche Mikroorganismen absterben. Unter zwanzig Grad nimmt ihre Aktivität zunehmend ab. Man muß also die drei Chargen (frisch, heiß, weitgehend verrottet) nahe beieinander oder übereinander lagern, damit sich die Würmer immer in einem ihnen genehmen Teil aufhalten können. Hier vermehren sie sich auch, und zwar nicht zu knapp. Im Grunde sind große Haufen die beste Möglichkeit für ihr Überleben, weil sich immer Bereiche ausbilden, in denen ein Überleben möglich ist, also in kalten Wintern. Im Normalfall findet man die Würmer übrigens im weitgehend verrotteten Boden. So wahnsinnig ergiebig ist das Kompostieren leider nciht. Bei 1300 m² hatte ich zwar ein paar Schubkarren im Jahr, aber das meiste ist Luft, und verteilt ist es nichts. Der Würmer verkürzen das Reifen des Komposts, also braucht man nicht so viel Platz.
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