Arbeitszeit-Report Zwei von drei Arbeitnehmern machen Überstunden

Die meisten Beschäftigten in Deutschland bleiben regelmäßig länger im Büro. Viele bekommen die Überstunden weder bezahlt noch durch Freizeit ersetzt. Vor allem ältere Arbeitnehmer klotzen richtig ran.

Von Silvia Dahlkamp

Studie zum Stress im Job: Mit den Jahren nimmt die Arbeit immer mehr zu
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Studie zum Stress im Job: Mit den Jahren nimmt die Arbeit immer mehr zu


Hand aufs Herz: Kommen Sie jeden Abend pünktlich aus dem Büro? Sitzen dann gemeinsam mit ihrer Familie am Abendbrottisch und haben auch noch fünf Minuten Zeit für den Nachwuchs? Wenn nicht: Trösten Sie sich, Sie liegen voll im Trend.

Das geht aus dem Arbeitszeitmonitor 2015 hervor, den die Gehaltsdatenbank Gehalt.de am Donnerstag veröffentlicht. Eins der Ergebnisse: Fast zwei Drittel aller Berufstätigen sitzen regelmäßig länger als vereinbart im Büro (64 Prozent). Jeder Vierte bekommt zum Dank höchstens ein Schulterklopfen. Und: Mit den Jahren und der Erfahrung nimmt die Arbeit nicht ab, sondern zu. Am meisten arbeiten Unternehmensberater.

Geregelte Arbeitszeiten, Acht-Stunden-Tage, Überstundenausgleich - während Berufsanfänger unter 20 Jahren häufig mit einem geregelten Nine-to-five-Job ins Berufsleben starten, sieht das zehn Jahre später schon ganz anders aus.

Über die Hälfte der untersuchten Personen arbeitet mehr, als es vertraglich vorgesehen ist

Das Diagramm zeigt in dunkelblauen Balken die Verteilung der vertraglich geregelten Arbeitszeiten, wohingegen die hellblauen Balken die tatsächlich geleistete Arbeitszeit darstellt. Beide Parameter ergeben aufsummiert jeweils 100 Prozent.
Drei Viertel aller untersuchten Arbeitsverhältnisse haben eine Wochenstundenbasis von 36 bis 40 Stunden.
52 Prozent arbeiten mehr als 40 Stunden die Woche, obwohl nur knapp 10 Prozent eine vertragliche Arbeitszeit von mehr als 41 Stunden hat.
Für die letzten drei Kategorien lassen sich keine vertraglichen Arbeitszeiten finden, da diese die gesetzlich vorgeschriebene Obergrenze für die Wochenarbeitszeit von 48 Stunden überschreiten würden.

Wer viele Überstunden macht, bekommt nicht zwingend ein höheres Einkommen oder einen Freizeitausgleich

Viele Arbeitnehmer haben keine entsprechende Ausgleichsregelung vereinbart.
Mit zunehmender Anzahl der Überstunden sinkt der Anteil derer, die einen Ausgleich für zusätzlich geleistete Stunden erhalten.

Männer leisten eher Überstunden als Frauen

In der Gruppe der Arbeitnehmer/-innen ohne Überstunden ist das Verhältnis von Männern zu Frauen noch relativ ausgeglichen
Mit zunehmender Anzahl an geleisteten Überstunden nimmt der Anteil der Frauen deutlich ab.
In der Gruppe derjenigen, die mehr als 26 Überstunden wöchentlich leisten, befinden sich Männer in der überwiegenden Mehrheit.

Mit zunehmendem Lebensalter steigt die Anzahl der geleisteten Überstunden

Die wenigsten Überstunden werden in der Altersklasse unter 20 Jahren gemacht. Die meisten Überstunden machen die über 59-Jährigen, dazwischen nimmt die Zahl der Überstunden kontinuierlich zu.
Ein plausibler Grund ist die Karriereentwicklung: mit zunehmenden Alter steigen Qualifikation und Berufserfahrung. Arbeitnehmer können verantwortungsvolle Positionen übernehmen. Das bedingt eine Zunahme an Überstunden.

Mit zunehmendem Lebensalter sinkt der Anteil an Arbeitsverhältnissen, für die ein Überstundenausgleich gewährt wird

In den ersten Berufsjahren werden bei über der Hälfte der Angestellten die Überstunden ausgeglichen, entweder mit Freizeit oder mit Gehalt.
Dieser sinkt mit zunehmenden Lebensalter kontinuierlich auf 41,5 Prozent, im Durchschnitt sind es 49,9 Prozent.

Je größer das Unternehmen, desto mehr Überstunden

Bis zu einer Firmengröße von maximal 50 Angestellten steigt die Vertragsarbeitszeit, danach sinkt sie fortlaufend mit zunehmender Mitarbeiterzahl. Insgesamt hält sich die Veränderung jedoch im überschaubaren Rahmen.
Die Zahl der Überstunden hingegen steigt mit zunehmender Mitarbeiterzahl permanent und im relevanten Ausmaß an.

In den Branchen mit den meisten Überstunden wird zwischen 10 und 15 Prozent mehr gearbeitet als vertraglich vereinbart

In Unternehmen mit zehn Branchen mit den meisten geleisteten Überstunden werden durchschnittlich 5,49 Überstunden geleistet; das sind 1,67 Stunden bzw. 44 Prozent mehr als der Durchschnitt aller Branchen.
Arbeitnehmer arbeiten im Durchschnitt zwischen einem halben und einem dreiviertel Arbeitstag pro Woche mehr als vertraglich vereinbart – das entspricht einer prozentualen Mehrarbeit von zehn bis 15 Stunden bezogen auf eine 40-Stunden-Woche.
Spitzenreiter sind Unternehmensberatungen, in denen sechs Überstunden pro Woche geleistet werden. Das entspricht einem Aufschlag von mehr als 50 Prozent auf den Durchschnitt aller Branchen.

In den meisten Branchen werden geleistete Überstunden nicht mit einer höheren Anzahl an Urlaubstagen kompensiert

In den Top 10 der Branchen mit den meisten Urlaubstagen werden durchschnittlich 29 Tage gewährt, das sind 1,2 Tage bzw. 4,1 Prozent mehr als im Durchschnitt aller Branchen.
Bemerkenswert ist, dass keine Branche 30 Tage erreicht, obwohl in etwa 50 Prozent aller Arbeitsverhältnisse diese festgeschrieben sind.
Zudem ist auffällig, dass von den Branchen mit den meisten Überstunden sich nur eine in der Top 10 der meisten Urlaubstage wiederfindet - die Schifffahrt.

Ostdeutschland: niedrigste Anzahl an gewährten Urlaubstagen, am meisten Überstunden

Bezogen auf die PLZ-Regionen werden in Deutschland im Durcscnitt 6,07 Überstunden pro Woche geleistet und 27,8 Urlaubstage gewährt.
Die meisten Überstunden werden im Osten Deutschlands geleistet, hier ist auch die Anzahl der gewährten Urlaubstage am niedrigsten.
Eine Ausnahme bildet die PLZ-Region 6, in der ebenfalls relativ viele Überstunden geleistet, jedoch auch mehr Urlaubstage gewährt werden.
Die wenigsten Überstunden werden im Süden und in der Mitte Deutschlands geleistet; dabei wird in der PLZ-Region 7 die höchste Anzahl an Urlaubstagen gewährt.

Höheres Gehalt bedeutet in der Regel auch mehr Überstunden

Bei der Betrachtung der Höhe des Gehaltes und der Anzahl der geleisteten Überstunden ist ein eindeutiger Zusammenhang zu erkennen: Je höher das Gehalt, desto mehr Überstunden werden geleistet.
In den höchsten Gehaltsklassen wird pro Woche mehr als ein zusätzlicher Arbeitstag von den Arbeitnehmern geleistet (ausgehend von einer 40-Stunden-Woche).
Ebenso steigt die Anzahl der geleisteten Überstunden signifikant und stetig an, von der geringsten bis zur höchsten Gehaltsklasse findet mehr als eine Vervierfachung statt.

Mit steigendem Gehaltsniveau werden Überstunden immer seltener ausgeglichen

Je höher das Gehalt, desto geringer der Anteil der Arbeitnehmer, die einen Überstundenausgleich erhalten (rote Kurve) beziehungsweise mit mehr Gehalt abgegolten bekommen (gelbe Kurve).
Gleichzeitig leistet aber mit zunehmendem Gehaltsniveau praktisch jeder Mitarbeiter zahlreiche Überstunden (grüne Kurve).

Über 40 Prozent aller Angestellten bleiben pro Tag im Schnitt eine Stunde länger, 16 Prozent sogar zwei Stunden. Vier Prozent aller Arbeitnehmer gaben an, dass sie sogar eine 65-Stunden-Woche haben. Dabei kommen in großen Firmen und Konzernen im Schnitt mehr Überstunden zusammen als bei Mittelständlern.

Im Alter von 59 Jahren haben die meisten endlich den Überstundengipfel erklommen. Doch kurz vor der Rente wird es nicht etwa ruhiger, im Gegenteil: Dann stehen gerade Altgediente besonders unter Strom, klopfen vier bis fünf Überstunden die Woche oder noch mehr. Artur Jagiello, Sprecher von Gehalt.de: "Viele haben eine hohe Hierarchieebene erreicht und tragen mehr Verantwortung."

Und Verantwortung frisst Zeit: Während die jungen Kollegen meist noch mehr Geld oder Freizeit bekommen (über 50 Prozent), müssen die alten Hasen in der Regel auf einen Ausgleich verzichten. "Anspruchsvolle Posten sind in der Regel besser bezahlt", erklärt Jagiello, "da gibt es selten eine Überstundenregelung."

Der Letzte macht das Licht aus

Gehalt.de verglich für die Untersuchung die Daten von rund 270.000 Arbeitnehmern, die alle in der Regel zwischen 36 und 40 Stunden in der Woche arbeiten.

Spitzenreiter bei Überstunden sind Unternehmensberater, von ihnen kommt fast keiner pünktlich nach Hause. Ihre Sekretärinnen, Angestellte, Büroboten arbeiten durchschnittlich jede Woche sechs Stunden mehr, als es der Arbeitsvertrag vorsieht. Die Chefs selbst schalten als Letzte spät am Abend die Lichter aus. Würden sie ihre Überstunden zählen, kämen sie jede Woche im Schnitt auf acht Stunden oder auch mehr. Es folgen die Mitarbeiter im Hotel- und Gaststättengewerbe mit einem Plus von 5,5 Stunden; Angestellte im Konsum- und Gebrauchsgüterbereich bringen es auf 5,2 Stunden. Der branchenübergreifende Durchschnitt liegt bei 3,8 Stunden.

"Ich sehe meine Kinder auch nur im Urlaub."

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Mann oder Frau, wer kann sich schlechter von der Arbeit im Büro loseisen? Im Geschlechtervergleich gehen Frauen deutlich früher aus dem Büro als Männer. In der Gruppe mit bis zu fünf zusätzlichen Stunden in der Woche kommen Frauen auf 40 Prozent und Männer auf 60 Prozent. Beschäftigte mit 26 bis 30 Überstunden pro Woche sind dagegen zu über 80 Prozent männlich.

Mehr Überstunden bedeuten nicht automatisch einen größeren Ausgleich. Im Gegenteil: Knapp die Hälfte der Beschäftigten mit bis zu fünf zusätzlichen Stunden pro Woche erhält einen Ausgleich vom Unternehmen, meist in Form von Freizeit - die anderen gehen leer aus. Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer mit 16 bis 20 Überstunden werden noch seltener für den Mehraufwand entschädigt. Hier liegt der Anteil bei lediglich 18 Prozent.

  • KarriereSPIEGEL-Autorin Silvia Dahlkamp (Jahrgang 1967) arbeitet in einer Hamburger Redaktion und daneben als freie Journalistin.

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insgesamt 71 Beiträge
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Seite 1
condor99 02.07.2015
1.
Grund wird wohl der Fachkräftemangel und die überdurchschnittliche Bezahlung sein da kann sich ein Arbeitnehmer, insbesondere ein Älterer, eben keine Fehler leisten. Da will man nicht als Faulenzer wahrgenommen werden.
pv51 02.07.2015
2. die frage ist doch
Warum gibt es keine gesetzliche Regelung zu Überstunden? Als Arbeitnehmer hat man schlechte Karten gegenüber der Firma. Außerdem sollte diese Regelung für alle gelten und nicht einzelne AN benachteiligen oder bevorzugen. Das käme sicherlich auch den Familien zugute. Obama scheint das Thema jetzt angehen zu wollen. Gibt es entsprechende Aktivitäten in der EU?
Pfeiffer mit drei F 02.07.2015
3.
Der Gehaltsunterschied zwischen Männern und Frauen liegt übrigens zum Teil daran, dass Männer eben länger arbeiten und daher höhere Gehälter durchsetzen (mein übrigens auch das Statistische Bundesamt)
Schwabbelbacke 02.07.2015
4. Überstunden sind Wettbewerbsvorteile
Zitat: Im Alter von 59 Jahren haben die meisten endlich den Überstunden-Gipfel erklommen. Das liegt daran, dass wer in diesem hohen Alter noch Arbeiten darf, dermaßen unter druck steht, um nicht gekündigt zu werden. Zitat: erhält einen Ausgleich vom Unternehmen, meist in Form von Freizeit - die anderen gehen leer aus. es ist ein Unding, Überstunden als reine Freizeitausgleich zurück zugeben. Die schadet die allgemeinheit, führt zu Wettbewerbsverzehrungen, und gibt Arbeitslosen keine Chancen. Es sollte gegengesteuert werden...Arbeitszeiten auf 20 Stunden die Woche Reduzieren, mehr Einstellen....aber das würde die des Staates "Heiligen" Anlegern stören, machen die ja nicht so viel Gewinne. Freiwillig Überstunden machen ist okay,....aber viele Unternehmen nutzen die schamlos aus, weil ein hartz 4 System nicht nur Lohndruck erzeugt, sondern mit den Weiterbildungen bzw. Ausbildungen den Arbeitsmarkt schaden, und mit dazu beiträgt, das viele Arbeitnehmer diesen ungleichen Kampf nur mit "freiwilligen" Überstunden und Lohnverzicht sich zu helfen wissen....
mipez 02.07.2015
5.
Ist ja schön, dass SPON noch immer der Auffassung ist, in Deutschland gäbe es nur Büro-Jobs.
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