13.08.2012 – 18:33 Uhr

Auf-den-Dächern-Festival 2012



Die Bands

Trail of Dead - Conrad Keely

Ihre Gemeinde gilt als streng gläubig, dabei vereint sie Menschen von sehr unterschiedlicher Herkunft: Neo-Prog-Jünger zählen dazu, Leute, die mit dem Begriff "Indie" mehr verbinden als den jüngsten Brit-Pop-Hype, und auch aufgeschlossene Metaller (das Szene-Zentralorgan "Rock Hard" nannte sie einmal "eine der bewundernswertesten Rockbands der Stunde"). Die Texaner …And You Will Know Us by the Trail of Dead, gegründet 1994, wechseln so elegant wie kaum eine andere Band zwischen Pathos und Ironie. Sie errichten meterdicke Gitarrenwände und verzieren sie dann mit grazilen Melodiebögen, ihr Album "Source Tags & Codes" von 2002 gilt als eines der großen Rock-Werke der Dekade. Auch live sind sie ein Ereignis; wie etwa beim Hamburger Dockville im Jahr 2011, wo Trail of Dead als Headliner am späten Sonntagabend die regenmüden Besucher mit Wucht zu neuem Leben erweckten. Im Oktober erscheint ihr achtes Album: "Lost Songs". Conrad Keely, Sänger, Gitarrist und mit Jason Reece der kreative Kern von Trail of Dead, spielt auf dem ADD-Festival ein exklusives Solo-Set - als einziger Künstler nicht auf einem der drei Dächer, sondern in der Public Viewing Area, auf sicherem Berliner Boden.

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Max Herre

"HipHop ist zurück" titelt das Szene-Blatt "Juice" - um zu vermelden, dass der HipHop den Herre wieder hat. Mit dem Freundeskreis landete Max Herre einen der größten Rap-Hits der deutschen Pop-Geschichte: Über 250.000 mal verkaufte sich 1997 "A-N-N-A". Doch dann betitelte die "Bravo" den Stuttgarter als "Jesus von Benztown", und ihm wurde es zu bunt. Herre zog sich zurück - und 2001 nach Berlin, mitsamt seiner Frau, der Sängerin Joy Denalane. Als Solokünstler gab Herre eher den Singer-/Songwriter. Das ist auch auf "Hallo Welt!" zu hören, Soloplatte Nummer drei. Doch Herre lässt verlauten, er sei zu den Lieben seines Lebens zurückgekehrt: zu Denalane, von der er kurz getrennt war. Und zum Rap. Nach Jahren, in denen Gangster-Posen alles plattmachten, passt der sanftmütige Herre mit seinem Pop-Gespür wieder bestens in die heimische HipHop-Landschaft.

Max Herre: Über Rap und Revolution
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Max Herre exklusiv: "Aufruhr"
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Fotostrecke: Der Herr Herre im Bild
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Mia

15 Jahre Mia.: Sie wurden als deutschnational kritisiert und betonten, "definitiv links" zu sein. Sie starteten als Elektro-Punks und landeten 2004 beim Vorentscheid zum Eurovision Song Contest. Sie sangen eine Ökostrom-Hymne und die "taz" nannte sie die "dümmste und nervigste Band Berlins". Zuletzt: längere Pause. Auf dem neuen Album "Tacheles", dem fünften, klingt die einst so rotzige Sängerin Mieze Katz zerbrechlich wie nie zuvor; in Interviews erzählte sie von Schicksalsschlägen. Doch dann, der Song heißt "Brüchiges Eis", kracht in die intime Stimmung der Effekt von, ja, brechendem Eis. So sind Mia.: Widersprüchlich, aber stets mit dem Willen zur großen Geste. Die manchmal auch zu groß ist.

Auf den Dächern Festival 2012: Mia redet Tacheles
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Der Festival-Fragebogen von Mia
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Fotostrecke: Berliner Schnauzen
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Amanda Mair

Manchen jungen Frauen gibt's der liebe Gott im Schlaf. Amanda Mair etwa, 17 Jahre alt, Schülerin aus Stockholm. Hat eine finnische Mutter und einen österreichischen Vater, der ihre Karriere nicht nur unterstützt, sondern als Manager gleich selbst in die Hand genommen hat. Er dürfte auch bei der selbstbewussten Geste die Finger im Spiel gehabt haben, für die Single "Sense" Bob Dylans "Subterrean Homesick Blues" zu zitieren. Auf einem der selbstgemalten Schilder, die Mair da hochhebt, steht übrigens: "Who is Kate Bush?" Dabei besteht keineswegs Verwechslungsgefahr, obwohl auch Mair am Klavier selbst komponiert und mit heller Stimme vorträgt. Ihr leichtfüßiger Pop tänzelt eher auf den Pfaden von Dusty Springfield, Fleetwood Mac oder den Kings Of Convenience. Da könnte Großes heranwachsen.

Amanda Mair beim ADD: From Stockholm with Love
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Der Festival-Fragebogen von Amanda Mair
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Amanda Mair: "Sense"
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Amanda Mair: "Skinnarviksberget"
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Fotostrecke: Ein Schulmädchen aus Stockholm
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Two Door Cinema Club

Drei Jungs, drei Gitarren - und keine Schnörkel. Die Musik von Two Door Cinema Club (TDCC) kennt nur eine Richtung, und die heißt "geradeaus!" Der jubilierende Gitarrenpop der drei Nordiren (die sich aus Schulzeiten kennen) ließ früh aufhorchen. Noch vor Erscheinen ihres Debüts wählte sie die BBC zu einem der Newcomer des Jahres 2010. Mit "Tourist History" erfüllten Two Door Cinema Club dann alle Hoffnungen: Ihr Sound, geprägt durch Alex Trimbles Sehnsuchts-Stimme und Sam Hallidays fein ziselierte Lead-Gitarre, klingt ebenso frisch wie ausgereift. Wie tanzbar das Ganze ist, beweisen sie weltweit auf Festivals, ausverkauften Touren - und auf ihrem zweiten Album "Beacon".

Der Festival-Fragebogen von Two Door Cinema Club
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Fotostrecke: Drei Jungs, drei Gitarren
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Ghostpoet

Der Ödnis, die er in seinen Texten beschreibt, ist Obaro Ejimiwe alias Ghostpoet entflohen, als er aus Coventry nach London zog. In der abgewirtschafteten Ex-Industrie-Metropole inmitten Englands wuchs der Mann mit nigerianischen und dominikanischen Wurzeln mit typischer No-Future-Fatigue auf. Viele Songs auf "Peanut Butter Blues And Melancholy Jam" (2011) handeln vom Morgengrauen, wenn wieder mal der Kampf gegen die Langeweile in einer Nacht im Pub verloren ging. Die britische Presse zog prompt Vergleiche mit Tricky und The Streets, das Debüt wurde für den renommierten Mercury Prize nominiert. HipHop, TripHop oder Hipster-Gefrickel? Egal. Ghostpoet ist einer der spannendsten neuen Künstler Großbritanniens, der Club-Klänge und Sozialprosa zu einem schlafwandlerischen Sound der Straße montiert.

Ghostpoet im Video: Live auf dem Hamburger Dockville
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Der Festival-Fragebogen von Ghostpoet
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Ghostpoet im Porträt: Blues vor dem Bankomaten
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Fotostrecke: Der Düster-Dichter
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Leslie Clio

Nicht oft entwächst dem Underground ein Talent, das die große Bühne verdient hat. Leslie Clio ist so ein Fall. Wer's nicht glaubt, möge sich ihre Single zu Ohren führen, die derzeit im Radio rauf und runter läuft: "I Told You So" siedelt selbstbewusst im Reich des Soul und zeigt, dass zwischen Amy McDonald oder Adele Platz für eine Deutsche sein könnte, der man die Herkunft aus Berlin freilich nicht anhört. Es spricht für sich - und für Clio -, dass sie bald im Vorprogramm von Joss Stone auftreten wird. Und es spricht auch für Clio, dass Nikolai Pothoff ihr Debüt produziert hat. Der Tomte -Bassist feilt keine Ecken ab. "I Told You So" mag beschwingt klingen. Durch die Ritzen aber dringt die Dunkelheit, die Soul ausmacht. Ob Clio das Versprechen halten kann? Wird ihr Album verraten, das im Herbst erscheint.

Fotostrecke: Wo Berlin seine Seele findet
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Philipp Poisel

Weiches Gesicht, weiche Texte, weicher Gesang. An kaum einem jungen deutschen Musiker scheiden sich die Geister so sehr wie an Philipp Poisel. Und sie scheiden sich streng nach Geschlecht. Mädels spüren den Poeten, Jungs wittern den Poser. Spätestens seit dem Album "Bis nach Toulouse" gilt der Schwabe als Großmeister der Gefühligkeit, die notfalls auch "GZSZ"-kompatibel ist. Wohler dürfte er sich bei Matthias Schweighöfer fühlen, für dessen Film "What a Man" Poisel den Soundtrack um eine Ballade bereicherte. Mag ja sein, dass ihm das Hochschulstudium verwehrt blieb, weil er - ausgerechnet! - in der Aufnahmeprüfung in Musik scheiterte. Scheitern ist aber sympathisch, zumal es über sein Talent als Songwriter weniger ausssagt als sein Erfolg auf der Bühne. Mentor Max Herre weiß das - er kennt das Gefühl, wenn sich Geister scheiden.

Fotostrecke: Poet oder Poser?
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Die Orsons

Sie sind vielleicht nicht "die fantastischeren Vier" oder "die fetteren Brote", aber eine Hoffnung des hiesigen HipHop. Die Orsons setzen statt auf künstlichen Sozialrealismus lieber auf Liebe und die Wirkung eines Witzes, wie ihre Albentitel verraten. Das Debüt hieß "Das Album", die aktuelle Platte heißt allen Ernstes (!) "Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit, in Ewigkeit, Orsons".

Ein größeres Publikum konnte sich mit den Qualitäten des Quartetts im Vorprogramm von Fettes Brot vertraut machen, ein noch größeres im Vorprogramm von Herbert Grönemeyer. Auch Über-Vater Max Herre schätzt ihre Musik, die von den Orsons übrigens gar nicht als HipHop beschrieben wird. Sondern als "R'nB mit schnellen elektronischen Elementen". Amen.

Fotostrecke: Die wollen doch nur spielen
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Cro

Cro lieferte den Sound zum Sommer 2012: melodiös, poppig, leicht. Ein Jahr zuvor kannten nur Szene-Kenner den Stuttgarter, ein YouTube-Clip brachte ihn zum Chimperator-Label, wo sein Debüt "Raop" erschien. So nennt Cro seinen Stil - ein Mix aus Rap und Pop, aus weichem Sprechgesang und launigen Samples.

Das Album raste an die Spitze der Charts, das "Easy"-Video machte bei YouTube mehr als 25 Millionen Klicks: Cro alias Carlo Waibel war ein Star. Die Panda-Maske trägt der 20-Jährige, um sein Privatleben zu schützen. Vermummte Rapper kannte man bisher ja eher aus Berlin: siehe Sidos Totenkopf-Gesicht. Die Drogen-/Gewalt-/Sex-Attitüde aus der Hauptstadt ironisiert Cro allerdings bestenfalls: Ein Mord? - "würd ich mich nie trau'n". Waffen? - "Scheiße Mann, ich hab noch keine". Die Botschaft: gute Laune statt Gangsterposen.

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Cro im Porträt: Der Mann mit der Maske
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Citizens!

"Wir wollen, dass unser Debüt klingt wie eine Greatest-Hits-Platte": Mit markigen Worten treten die Londoner Citizens! an, um den Pop zurückzufordern. Zurück wohin? Nun ja, ins klassische Terrain weißer Britenjungs, wo zackige Rhythmen, melancholische Melodien und geistreiche Texte umeinander tanzen.

Der "NME", das Zentralorgan für jugendfrischen Indie, findet, der Song "Caroline" klänge "als hätten die Magnetic Fields beschlossen, sie müssten wirklich mal so groß wie die Killers werden". Produziert hat das Album "Here We Are" Alex Kapranos von Franz Ferdinand. Der Mann weiß, wie etwas eckiger Pop BIG wird. Und "Pop ist kein schmutziges Wort für uns, sondern ein heiliges". Geloben die Citizens!.

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Bonaparte

"Wir leben für den Live-Moment", sagt Bonaparte-Sänger Tobias Jundt. Typisch für eine Band, bei deren Gigs die Luft brennt und die sich so weltweiten Untergrundruhm erspielt hat. Und untypisch. Denn Klischees gibt es von Bonaparte sonst keine. "Anti Anti" sang das zehnköpfige Kollektiv in seinem ersten Hit 2008. Seitdem bleibt man der verbeulten Linie treu: Offene Türen werden zugeschlagen und der Hintereingang gestürmt, stets maximal kostümiert, mit Schminke auf der Haut und Aufrührertum im Herzen. Mit Bonparte auf die Barrikaden?

Ja. Aber erst mal auf Berliner Häuser. Beim Auf-den-Dächern-Festival stellen Jundt und Jünger ihr neues Album "Sorry, We're Open" vor.

Fotostrecke: Für Schaulustige
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Y’akoto

"The love of my life pushed me down the valley/ Disappeared and never showed up again/ And now he's in love with a very old lady/ A woman ten years older than me." Wer solche Texte schreibt, will mit Gefälligkeit nicht dienen. Nicht nur das Titelstück ihres Debüts "Babyblues" kommt ohne aufwallende Streicher oder blitzende Bläser aus. Y'akoto aus Hamburg schätzt hingetupften Purismus, zumal ihre wirklich schwer verrauchte Stimme in karger musikalischer Umgebung am besten zur Geltung kommt. Piano, Gitarre, Stimme. Und Schmerz. Was sonst braucht der Soul der ehrwürdigen Nina-Simone-Schule? Vielleicht die richtigen Geschichten - wie Y'akoto sie erzählt. Von "Kamba", dem Kindersoldaten. Nein, keine leichte Kost. Aber Realität im Leben einer Frau, die in Togo, Kamerun und dem Tschad aufgewachsen ist.

Fotostrecke: Gar nicht mal gefällig
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Wo? Wann? Wie genau?

Drei Dächer braucht das ADD-Festival. Die Fernsehwerft am Berliner Osthafen bietet davon zwei, 50 Zuschauer finden hier Platz. Auf der Arena am gegenüberliegenden Spreeufer steht die dritte Stage. Alle Bühnenhäuser bieten einen Panoramablick auf die Oberbaumbrücke. Die Tickets für die Dächer sind leider bereits vergeben worden - per Verlosung.

Zeitgleich steigt in Nähe der Fernsehwerft-Bühnen eine Party auf dem Boden. An der Stralauer Allee 8a in Friedrichshain veranstalten SPIEGEL ONLINE und tape.tv ein Festival-Fest, unter anderem mit Screens, die alle Konzerte live übertragen. Das Gelände bietet Platz für 800 Besucher. Auch die Liste für den Zugang zum Festival-Ground ist jetzt leider geschlossen.

Die Übertragung auf SPIEGEL ONLINE beginnt um ca. 15 Uhr auf dieser Seite. Unsere Zuschauer erwartet eine ca. vierstündige Live-Sendung mit allen Auftritten in voller Länge, mit Interviews und kurzen Features. Durch die Sendung führen Anne Backhaus und Donnie O'Sullivan. Unterstützt wird unser Moderatoren-Duo von Selcuk Erdogan und Thorsten Dörting (bitte hier klicken für mehr Infos zur Sendung) .

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