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03.11.2000
 

Televisionen

Susanna, die Schmerzensreiche

Von Christian Bartels

Sexualität 2000: Sat.1 schickt die "Heilige Hure" Susanna Simon in einen Swingerclub, der aussieht wie bei Kubrick, Dominique Horwitz glänzt derweil in der ARD als Transsexueller. Die SPIEGEL-ONLINE-Fernsehfilmvorschau.

(Fast) wie bei Kubrick: Susanna Simon in "Mord im Swingerclub"
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SAT1

(Fast) wie bei Kubrick: Susanna Simon in "Mord im Swingerclub"

Unter den Schauspielern, die die Fernseh-Fiktionen bevölkern, besitzen viele vor allem die Qualität, dass ihre immer wieder auftauchenden Gesichter nicht störend auffallen. Häufig heißen sie Markus oder Jennifer, und es fällt niemandem auf, wenn sie irgendwann gar nicht mehr auftauchen. Große Stars werden die, die zu Unrecht omnipräsent erscheinen: So kann man noch immer in jedem Smalltalk zum Thema "deutscher Film" mit der Klage punkten, dass Katja Riemann ja nun wirklich in jeder Beziehungskomödie mitspiele, obwohl seit Jahren alle Beziehungskomödien ohne Katja Riemann stattfinden und deswegen aber auch nicht besser sind.

Unter den reinen Fernseh-Darstellern gelingt es nur wenigen, sich mit einer starken Rolle ins Zuschauergedächtnis einzubrennen. Glückt es ihnen, sind sie die originären Stars im TV-Movie-Betrieb, die jede Szene beherrschen, in der sie auftreten: Leute wie Susanna Simon, die in RTLs "Die heilige Hure" von der Nonne zur Domina wurde und dieses verklemmt-provokant zwischen Kitschkatholizismus und Sadomasochismus schwelgende Machwerk zum mutmaßlich einzigen deutschen Fernseh-"Kultfilm" gemacht hat.

Seither ist Susanna stets die Schmerzensreiche - in der anspruchsvollen Uwe-Johnson-Verfilmung "Jahrestage" (nächste Woche in der ARD) wie auch in "Mord im Swingerclub" (Di., 7.11., 20.15 Uhr, Sat.1). Hier spielt sie die strenge Staatsanwältin mit dem hochgesteckten Haar, die anfangs unerschrocken durch ein Grusel-Parkhaus stöckelt, in dem Hunde unheimlich bellen und es aus Rohren dampft wie in der Bronx. Daheim im hell erleuchteten Designer-Haus dann, das sie seit der Trennung vom untreuen Gatten allein mit zwei Papageien bewohnt, wird sie heimlich von einem Unbekannten fotografiert: Keine Frage, man befindet sich in einem Thriller.

"Enthüllung einer Ehe": Roman (D. Horwitz) und Jana (N. Hoger) in der Krise
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ARD

"Enthüllung einer Ehe": Roman (D. Horwitz) und Jana (N. Hoger) in der Krise

Einmal aber erlaubt sich der Film einen Schlenker in die Bilderwelten des großen Kinos. Katja hat nämlich eine Schwester von gewaltiger Gegensätzlichkeit (Susannas Schwester Maria Simon), die erkennt, dass die Staatsanwältin weniger vögelt als ihre Vögel und sie daher in einen Swingerclub ausführt. Skulpturen im Garten, Augenmasken wie im venezianischen Karneval, elegante Dekadenz auf dem Parkett, sanft goldener Jugendstil vom vorletzten Fin de Siècle: Alles sieht so aus wie in jenem Schlösschen am Rande New Yorks, in das es Tom Cruise in Stanley Kubricks "Eyes Wide Shut" verschlägt. Sat.1 beweist eindrucksvoll, dass keine Ikone des internationalen Kinos zu heilig ist, um vom deutschen TV-Movie isoliert und adaptiert zu werden.

Dann wird die Staatsanwältin kompromittierend fotografiert, die Schwester ermordet, und es gilt den Mörder zu raten. Humbug also (Regie: Hans Werner, Buch: Christina Demke, Sebastian Rix), der Susanna Simon Gelegenheit zum Ausspielen ihrer Stärken gibt: Angst und Unerschrockenheit und Angst aus großen Augen. Schön außerdem, dass unsere brodelnde Weltstadt Berlin auch, was das Niveau ihrer Swingerclubs betrifft, zur Weltspitze zählt.

So spektakulär Sat.1 sexuelle Sensationen verspricht, so grundehrlich, sensibel und unspekulativ erzählt Michael Verhoeven in "Enthüllung einer Ehe" (Mi., 8.11., 20.15 Uhr, ARD) vom Phänomen der Transsexualität. Durchaus auch schmerzensreich verkörpert Dominique Horwitz den Studienrat Roman, der mit seiner Frau Jana (Nina Hoger) und zwei Kindern vor den Toren Stuttgarts nur scheinbar eine glückliche Familie bildet. Den Lippenstift, den sie in seiner Jacke findet, deutet Jana als Indiz für einen Seitensprung. Sie folgt Roman und ist ganz schön überrascht, ihm im Selbsthilfezentrum der Transen als Frau zu begegnen.

Fühlt sich unwohl in seinem Körper: Dominique Horwitz in "Enthüllung einer Ehe"
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ARD

Fühlt sich unwohl in seinem Körper: Dominique Horwitz in "Enthüllung einer Ehe"

Sehr intensiv beschäftigt sich der Film mit der Beziehung der beiden. Die jahrelang getäuschte Jana stellt Romans Liebe natürlich in Frage, er empfindet sie dennoch und will das mit Sätzen zum Ausdruck bringen wie "So wünsch' ich mir meinen Körper, so wie deinen!": Das ist großes Drama, exzellent gespielt nicht nur von Horwitz, sondern auch von Nina Hoger. Sie verkörpert die sich herantastende Stellvertreterin des Publikums mit berückender Normalität. Auch starke tragikomische Szenen gibt es: zum Beispiel als ein in seiner Trunkenheit wie Mike Krüger dreinschauender Monteur den transsexuellen Roman erst verführen will und dann verdrischt.

Mitunter aber mangelt es der SWR-Produktion an Intensität: Wie die Kinder ihres Vaters Transsexualität erkennen und empfinden, reißt der Film nur kurz an und blendet dann aus. Offenbar wollten sich die Filmemacher (Regie: Michael Verhoeven, Buch: Nicole Walter-Lingen und Michael Verhoeven) vor keiner Verstrickung drücken, fanden aber längst nicht für alle Szenen Zeit und mussten sich daher am Ende arg hetzen. Hier hätte sich die ARD mit jedem dramaturgischem Recht mal einen Zweiteiler gönnen können.

Außerdem neu:

Sa. 4.11. 20.15 Uhr, ZDF: "Stubbe - Von Fall zu Fall: Baby-Deal" (Regie: Thomas Jacob, Buch: Michael Illner) Kommissar Stubbe (Wolfgang Stumph), Sachse in Hamburg, kommt dem Handel mit osteuropäischen Kindern auf die Spur.

So. 5.11. 20.15 Uhr, ARD: "Polizeiruf 110: Die Macht und ihr Preis" (Regie: Hans-Erich Viet, Buch: Edmund Grote und Hans-Erich Viet) Der Schweriner Hauptkommissar Hinrichs (Uwe Steimle) stößt in einer idyllischen Kleinstadt auf Korruption.

Fr. 10.11. 20.15 Uhr, ARD: "Der schwarze Spiegel" (Buch und Regie: Reiner Boldt) Verwitweter Küchenmöbelfabrikant (Peter Bongartz) heiratet Callgirl (Sonja Kirchberger), was in seiner Familie keinen Jubel auslöst.

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