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22.12.2000
 

Der Traum vom Mars (I)

Der Aufbruch ins All als kulturelles Projekt

Von Hans-Arthur Marsiske

Visionen für die nächste Generation. Warum eine bemannte Mission zum roten Planeten nicht als rein wissenschaftliches Projekt durchgeführt werden darf.

Zwischen Forscherdrang und gesellschaftlicher Sehnsucht: Der Mars
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NASA

Zwischen Forscherdrang und gesellschaftlicher Sehnsucht: Der Mars

An der Frage, ob wir Menschen zum Mars schicken sollten, scheiden sich die Geister. Vor allem junge Leute, die zu spät geboren wurden, um die bemannten Mondflüge noch mitzuerleben, drängen darauf, sich in der Raumfahrt neue, ehrgeizige Ziele zu setzen. Ihnen wird von den Älteren zumeist entgegen gehalten, dass es auf der Erde vorerst genug zu tun gäbe. Wie müsste eine bemannte Mars-Mission aussehen, um auf breite Unterstützung rechnen zu können? Sollte es dabei in erster Linie um naturwissenschaftliche Forschung gehen oder müsste sie von vornherein als breit angelegtes, kulturelles Projekt der gesamten Menschheit konzipiert werden?

Die Sinfonie vom Aufbruch ins All

Apollo ist Geschichte. Im Rückblick erscheinen die bemannten Mondlandungen wie das furiose Finale des ersten, durchweg prestissimo gespielten Satzes der großen Sinfonie, die vom Aufbruch der Menschheit ins All handelt.

Forschung: "Polar Lander" auf der Mars-Oberfläche (Nasa-Grafik)
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REUTERS

Forschung: "Polar Lander" auf der Mars-Oberfläche (Nasa-Grafik)

Es folgte ein nachdenkliches Andante, bei dem der militärische und wirtschaftliche Nutzen der Raumfahrt im Vordergrund stand. Die Zahl der beteiligten Instrumentalisten erhöhte sich, die Stimmführung wurde komplexer. Allmählich schälte sich dann mit der Internationalen Raumstation ISS ein gemeinsames, wenn auch von Dissonanzen und rhythmischen Unebenheiten geprägtes Thema heraus. Und während dies noch seiner Vollendung entgegen geht, stimmen die ersten Musiker bereits ihre Instrumente für den dritten Satz: die Landung von Menschen auf dem Mars.

Wenn es nach musikalischen Gesetzmäßigkeiten geht (die ja letztlich nur das wirkliche Leben widerspiegeln), dürfte dieser Satz wieder etwa schneller, in einem munteren Allegro etwa, gespielt werden. Entwürfe für die Partitur liegen bereits vor. Allerdings fehlt es zur Zeit noch an einem Dirigenten, der den Takt vorgibt. Auch das Publikum zeigt bislang nur verhaltenes Interesse.


Seit einiger Zeit zeichnet sich indessen ein Umschwung ab. Beobachtungen unbemannter Raumsonden und Untersuchungen von Mars-Meteoriten haben neue Hinweise auf flüssiges Wasser und möglicherweise sogar Spuren organischen Lebens erbracht und den roten Planeten stärker ins Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit gerückt. In Raumfahrtkreisen wird immer lauter und offensiver über eine bemannte Mars-Mission nachgedacht. Mittlerweile hat Nasa-Chef Dan Goldin die Internationale Raumstation ganz offiziell zu einer Art Trainingslager für eine solche Mission erklärt. Und die 1998 gegründete Mars Society, zu deren prominentesten Mitgliedern der Filmemacher James Cameron ("Titanic", "Terminator") gehört, will den Flug zum Mars notfalls auf ausschließlich privatwirtschaftlicher Basis durchführen.

Schritte auf dem Mars: Astronautin (Nasa-Grafik)
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NASA

Schritte auf dem Mars: Astronautin (Nasa-Grafik)

Aber noch beschränkt sich die Begeisterung für den Mars weitgehend auf Techniker und Wissenschaftler. Als Argumente für eine bemannte Mission wird die Aussicht auf neue Erkenntnisse über die Entstehung des Sonnensystems und die Existenz außerirdischen Lebens genannt. Der Schriftsteller Brian W. Aldiss und der Physiker Roger Penrose legen in ihrem Roman "Weißer Mars" sogar nahe, den Mars ausschließlich Wissenschaftlern vorzubehalten.

So faszinierend wissenschaftliche Forschungen auf unserem Nachbarplaneten sein mögen - als alleiniger oder hauptsächlicher Grund für eine Entsendung von Astronauten dorthin dürften sie kaum ausreichen, um die nötige gesellschaftliche Unterstützung für ein solches Mammutprojekt zu gewinnen. Wenn ein bemannter Flug zum Mars eine ähnliche Begeisterung entfachen soll wie das Apollo-Programm in den sechziger Jahren, dann nur als kulturelles Projekt der gesamten Menschheit.

Der Entschluss, zum Mars zu fliegen, sollte als Entschluss gefasst werden, unseren Nachbarplaneten, wenn möglich, permanent zu besiedeln. Er sollte von dem Willen getragen sein, die Menschheit auf ein neues Niveau zu heben, sie zu einer wahrhaft kosmischen Zivilisation reifen zu lassen. Das allein wäre ein angemessener Abschluss der Sinfonie vom Aufbruch ins All - und könnte zugleich der Auftakt sein zu einer beispiellosen kulturellen Blüte.

Weiter zu Teil 2

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