Von Sabine Danek
Sie lächeln von Bürowänden herab, zieren Autowerkstätten und zwinkern Familien am Frühstückstisch zu: Gemalte Kalenderschönheiten sind fester Bestandteil der indischen Alltagskultur. In Millionenauflage produziert, beschwören sie Schönheitsideale, umschmeicheln die männliche Libido - und greifen dabei Themen aus Familie, Freizeit, Politik und Religion auf. Verpackt in schönste Farben und Formen visualisieren die Kalenderblätter, was die Volksseele bewegt. Sie zeigen Indira Ghandi als Mutter Indiens, beschäftigen sich mit der Mitgift, preisen mit Hilfe von Schnellkochtöpfen und Kühltruhen die Statussymbole der Mittelschicht an - und zwingen die Götter aus dem Olymp in durchaus irdische Gefilde zurück.
Der Phantasie sind dabei keine Grenzen gesetzt. Das Gebot "Du sollst Dir kein Bildnis machen" kennt der Hinduismus ebenso wenig wie Berührungsängste zwischen Gottheiten und Erdenbürgern. Hatte Shiva einst zehn Arme und ritt auf einem Löwen in die Stadt hinein, aalt sich die Fruchtbarkeitsgöttin Lakshmi heute schon mal im bauchfreien Shirt vor indischer Landschaft. Sie wedelt mit Ähren und hält eine Sichel in der Hand, während im Hintergrund ein Traktor seine Kreise zieht und die Segnungen der Technik demonstriert. Ihrem weihevollen Gehalt schadet die forsche Modernisierung kein bisschen. Kalenderbilder sind ein fester Bestandteil hinduistischer Schreine, werden verehrt und beschworen und wandeln sich mit der Anbetung von der Massenware zum Heiligenbild.
Aus dem Besitz der Soziologin Patricia Uberoi, die seit 40 Jahren in Indien lebt und seit 30 Jahren die einheimische Plakatmalerei sammelt, stammen die Ausstellungsstücke im Ausstellung im Österreichischen Museum für Angewandte Kunst (MAK). Sie beschränkt sich auf Kalenderblätter von 1960 bis heute, geht dabei aber nicht chronologisch vor, sondern hat die "Ikonen des Weiblichen" in Themengruppen unterteilt. Sie beginnt mit der Frau als untergebener, treusorgender Gattin - und begleitet ihre Entwicklung über die Rolle als tugendhafte Retterin, dem Objekt der Begierde bis hin zur modernen, arbeitenden Frau. Sie zeigt die poppigen Darstellungen der Ramayana-Mythen, einer Art indischer Nibelungen-Sage, die durch die Kalendermalerei so populär wurde, dass in den achtziger Jahre eine Fernsehserie folgte.
Dass die indischen Kalendermaler von künstlerischer Attitüde seit jeher weit entfernt sind, liegt in der Natur der Sache. Die Aura des Einmaligen interessiert sie genauso wenig wie das Copyright. Sie übermalen bereits vorhandene Bilder, kopieren und zitieren. Mit der Computertechnologie hat sich ihre Arbeit aber noch einmal drastisch verändert. Wie einfach ist es, Fotografien von Filmstars mit ein paar zusätzlichen Armen in Götter-Bildnisse zu verwandeln, alte Drucke mit neuen Farben zu versehen - und sie so billig wie häufig zu reproduzieren. Für die meisten Kalendermaler, die bis vor zehn Jahren noch in Werkstattgemeinschaften und Familienbetrieben gearbeitet haben, bedeutete die neue Technik das Aus. Doch zur Zeit erlebt die traditionelle Kalendermalerei eine Renaissance. Nachdem die Ausstellung mit großem Erfolg in Neu Delhi, Bombay und Kalkutta gezeigt wurde, stieg die Nachfrage nach handgemalten Motiven wieder an.
"From Goddes to Pin-up: Ikonen des Weiblichen in der indischen Kalendermalerei". Bis 22. April 2001 im MAK (Österreichischen Museum für Angewandte Kunst), Wien. Mittwoch bis Sonntag: 10 bis 18 Uhr.
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