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05.03.2001
 

Pop-Kultur

Tanz den Baader-Meinhof!

Von Wiebke Brauer

In diesem Monat ist das neo-feministische Lifestyle-Magazin "Tussi Deluxe" zum ersten Mal am Kiosk erhältlich. Den zugkräftigen Themenschwerpunkt bildet die RAF, Modestrecke inklusive.

RAF-Modestrecke in der "Tussi Deluxe": Findest Du den Schleyer?
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RAF-Modestrecke in der "Tussi Deluxe": Findest Du den Schleyer?

Es war einmal ein Fanzine namens "Tussi Deluxe" mit einer Auflage von 600 Stück. Das mochten viele lesen, deswegen wurde es ab April letzten Jahres 75.000 Mal gedruckt und lag dann unentgeltlich beim Szene-Friseur aus. Heute heißt es genau so wie damals, kostet aber satte sieben Mark und liegt lifestylegerecht im Regal zwischen "Glamour", "Wallpaper" und "Emma". Der Unterschied: Über die "Tussi" regen sich alle auf.

Gründe, sich über das Magazin zu ereifern, gibt es genug, im positiven wie im negativen Sinne. Mit der "Tussi Deluxe" ist immerhin ein Frauen-Magazin auf den Markt gekommen, das ohne den obligatorischen männlichen Chef und noch dazu fast ohne Hierarchie auskommt. Besonders interessant ist die Tatsache, dass sich die vier festen Redakteurinnen von "Tussi Deluxe" Fanzine-gemäß noch immer selbst als Zielgruppe betrachten, obwohl sie nun den kommerziellen Marktplatz betreten haben. Sie schreiben über das, was sie interessiert, und das reicht vom Frühjahrsputz über Film, Kosmetik und Kult bis zum Kochtipp. Dieser Themen-Spagat liest sich nicht ohne eine durch Lesegewohnheiten bedingte Irritation, macht aber tüchtig Freude, wird doch damit endlich "Die Frauenzeitschrift-Leserin an sich" begraben, die - so hört man - ja immer nur damit beschäftigt ist, für die große Liebe abzunehmen.

So weit, so revolutionär. Den wirklich großen Wirbel aber gibt es um das so genannte "Thema Deluxe", die "RAF-Parade". 22 Seiten sind diesem Sujet gewidmet, auf acht Seiten werden mit nachgestellten Bildern der Schleyer-Entführung und des toten Andreas Baader Schuhe beworben. Da stehen die Entführer neben dem Mercedes mit offener Kofferraumklappe, und man versucht wie in der "Brigitte" auf der Kinderseite ("Findest du die Maus?") zu entdecken, ob eine Leiche im Wagen liegt: Findest du den Schleyer? Eine Seite weiter: Das Baader-Model liegt in seinem Blut, die Schluppen gibt's bei Woolworth.

"Tussi Deluxe" mit klangvollen Rubriken im Inhaltsverzeichnis: "Pop, Polemik, Pragmatik, Progesteron, Personality"
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"Tussi Deluxe" mit klangvollen Rubriken im Inhaltsverzeichnis: "Pop, Polemik, Pragmatik, Progesteron, Personality"

Ein anderes, ehemaliges Lifestyle-Magazin namens "Max" machte sich die Modestrecke gleich zum Thema und ging der Frage nach, wie heute die 30-Jährigen mit dem deutschen Herbst umgehen. Interessanter aber als die dort aufgeführten RAF-Disko-Projekte und RAF-T-Shirts, (übrigens auch ein Angebot der "Tussi Deluxe Familien-Produktpalette", mit "extrem geilem Silberglitter-Glamour-Druck"), ist die Frage, ob Pop-Kultur auch Grenzen kennt. Folgt man dem Kritiker Georg Seeßlen, ist dem nicht so: "Es kann nicht nur alles Pop werden, Pop will auch alles werden", schrieb er einmal. Pop-Kultur im RAF-Kontext ist demnach ein geschmacksblinder Bandwurm, der sich die Leichen einverleibt und als seichten Selbstzweck wieder ausscheidet. Das stinkt natürlich zum Himmel, besonders dann, wenn man beim Durchblättern im Hinterkopf hat, dass Heft-Macherin Cynthia Blasberg ihre Modestrecke mit dem Argument verteidigte, die Schleyers würden schließlich nicht zur Zielgruppe von "Tussi Deluxe" gehören.

Auch im Heft zu finden ist das "Super-Poster-Fahndungsplakat". "Wenn man Lust hat, kann man sich das gerne aufhängen", so "Tussi"-Redakteurin Katja Vaders. Auf Nachfrage erklärt sie, dass jetzt genug Zeit vergangen ist: "Wir sind selber nicht so schreckensmäßig mit dem Thema konfrontiert worden wie unsere Eltern". Zudem meint Vaders, es sei es eine Art und Weise, auch jenen Menschen das Thema nahe zu bringen, die nicht daran interessiert sind. Da liegt die Frage nahe, ob in 30 Jahren T-Shirts mit Judensternen bedruckt werden müssen, um politisch Uninformierte über das Dritte Reich ins Bild zu setzen. Wie trefflich, dass obiges Seeßlen-Zitat aus einem Beitrag stammt, der die Verbindung Pop-Kultur und Faschismus thematisiert, der Titel: "Blut und Glamour". Vaders hält dagegen: "Vielleicht liegt es daran, dass wir eher links gerichtet sind als rechts." Außerdem ließe sich der linke Terror nicht mit dem rechten vergleichen. Ach so. Die RAF-Opfer wären demnach also auch linker als die der rechten?

Zugegeben, das der Modestrecke angegliederte Informationsmaterial zum Thema Deutscher Herbst ist erschöpfend, "Tussi Deluxe" hat sich viel Mühe gemacht. Aber wird es auch jemand lesen? Vaders: "Damit, dass wir versucht haben, Informationen zu dem Thema zu liefern, haben wir unser Möglichstes getan, die Leute zum Nachdenken anzuregen. Wenn sie das nicht wollen, dann kann man dagegen auch nichts machen". Abgesehen davon, so Vaders, hätten sie sich des Themas nicht angenommen, um einen Trend zu setzen. "Das wird auch bei unserem nächsten Thema nicht der Fall sein, wenn wir über Frauen und Gewalt sprechen. Da wird es dann auch keine Modestrecke geben."

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