Von Sabine Danek
"Bruder Poul sticht in See" lautet der Titel Cosima von Bonins Ausstellung. Doch sehr weit scheint Bruder Poul nicht gekommen zu sein. Sein weißes Segelboot ist im ersten Stock des Kunstvereins gestrandet, es ist auf die Seite gekippt und sein Mast hat sich in der Decke verkeilt. Besonders seetüchtig war das Boot von Anfang an nicht. Der Rumpf hat statt eines Einstiegs eine hochglanzlackierte weiße Fläche, die wie ein Gemälde scheint. Doch wer war Bruder Poul und was hat ihn aufs Meer getrieben?
Fragile Wandbeschriftungen verlieren sich in Andeutungen. In einem alten Gedicht ist von einem Schiff die Rede und von einem Spinner mit grauem Bart, ein anderes erzählt von England und Fernweh. Beide Texte führen zu Poul Gernes (1925-1996), einem dänischen Künstler, der einst mit der Ausstellung eines Bootes provozierte, mit abstrakten Farbkompositionen Erfolge feierte und sich anschließend aus dem Kunstbetrieb zurückzog, um Wandmalereien für Krankenhäuser, Psychiatrien und Gymnasien zu entwerfen.
24 seiner "Zielscheiben"-Bilder hat Bonin in Bootsnähe aufgehängt, für sie ist der Däne ästhetisches und vor allem soziales Vorbild, ihn in ihre Ausstellung mit einzubeziehen ist typisch für die Arbeitsweise der Kölnerin. Denn ganz allein ist die Künstlerin selten zu haben, eine Einzelausstellung fast unmöglich, als autarkes Genie, das ganz aus sich selbst schöpft, steht sie seit jeher nicht zur Verfügung.
1990 ließ Bonin gasgefüllte, bunte Luftballons aufsteigen, die Namen, Geburtsdatum und den Titel der ersten Ausstellung einer Reihe von Künstlern trugen, "die wir gut fanden". Auf den ersten Blick eine willkürliche Ansammlung, auf den zweiten eine Liste der Künstler aus Harald Szeemanns legendärer "When-Attitudes-Become-Form"-Schau von 1969. Zu ihrer Einzelausstellung beim "1. Grazer Fächerfest" trat sie 1995 mit ihrem "schönsten Fächer" an, mit Freunden und Künstlerkollegen und ließ sie Ausstellungen, Konzerte, Performances und Club-Abende ausrichten, die Veranstaltungsreihe "Glockengeschrei nach Deutz - das Beste aller Seiten" inszenierte sie als kulturellen Marktplatz mit Lesungen, Film- und Kunstpräsentationen. Ein Konzept, das Bonin auch im Kunstverein verfolgt.
Sie entwirft Bezugssysteme, legt Vorbilder offen und beschwört den Einfluss ihrer Weggefährten. In einer so genannten Black Box werden Filme von Freunden, von Poul Gernes und Per Kirkebey und anderen gezeigt, es werden Vorträge gehalten und am 5. Juli wird Bonin gemeinsam mit Dirk von Lowtzow Musik auflegen und das Geheimnis der Stoffbahnen, die an der Decke der Black Box aufgerollt sind, lüften.
Einmal mehr lockt sie den Besucher auf eine Schnitzeljagd, bei der sie geschickt Fährten legt, zur Recherche und Auseinandersetzung einlädt, die Neugierde herausfordert. Was haben ihre berühmten überlebensgroßen Stoffpilze, die am Eingang stehen, dort zu suchen, worauf verweist die Wandmalerei, die parallel zur Elbe steht und die Fassade eine Ozeandampfers zeigt, "Titanic"-Romantik inklusive? Der Weg ist das Ziel, der Austausch das Ideal, an der Kasse liegt eine Referenzmappe aus, die Quellen und Lebensläufe bietet, Anregungen aus dem Internet, Artikel, Statements und ein Drehbuch.
So intelligent verästelt Bonins künstlerisches Bezugssystem ist, so phrasenhaft war ihre Eröffnungs-Perfomance. Von hölzernen Katapulten schossen Kapitän, Matrose und Maat bunte Stoffdecken Richtung Schiffsrumpf - großes Rätselraten, verhaltener Applaus. Doch wen stört das. In Gedanken waren die Bonin-Anhänger schon auf dem Weg in den Golden Pudel Club. Auf der Suche nach Bruder Poul, beim künstlerischen Austausch, sozialen Geplänkel, oder sie wippten einfach mit dem Fuß zur Musik der Kölner DJ's ARJ Snoek und Neon Leon. Natürlich Freunde Cosima von Bonins, die sie zur Eröffnung geladen hat.
Cosima von Bonin - Bruder Poul sticht in See. Kunstverein Hamburg; 26. Mai - 5. August 2001
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