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30.05.2001
 

Dr. Mitte

Berlin, Hamburg, Warschau?

Von Jürgen Laarmann

Der Umzug der größten deutschen Plattenfirma Universal nach Berlin macht die Hauptstadt zur wichtigsten Musikmetropole, in Hamburg betrachtet man die Entwicklung mit Argwohn. Doch das Klima in Berlin verschlechtert sich.

Keine zwei Monate ist es her, dass Plattenboss Tim Renner den Umzug von Universal Records von Hamburg nach Berlin im Jahr 2002 bekannt gab. Um seine Entscheidung zu begründen, präsentierte er einen Videofilm, der noch heute die Gemüter erhitzt.

In ihm wurde Hamburg als dümpelnde Stadt der Vergangenheit und Berlin als leuchtend-strahlende Zukunftsmetropole verkauft, die in einer Reihe mit Paris und London zu sehen sei. Die meisten Hansestädter empfanden dieses Werk als puren Affront - der Betriebsrat von Universal schätzt, dass über 80 Prozent der Mitarbeiter des Unternehmens lieber in Hamburg geblieben wären.

Und so regt sich, nachdem der Umzug nach Berlin beschlossene Sache ist, ein "Hamburg - Jetzt erst recht!"-Gefühl bei den Zurückbleibenden und den Companies der Musik- und Medienindustrie, die an der Alster zu bleiben beabsichtigen.

Katastrophenmeldungen aus der Hauptstadt werden genüsslich zur Kenntnis genommen. Von Sechs-Milliarden-Finanzlöchern bis zu Kolibakterien in Berliner Badeseen: Wann immer sich die Hauptstadt desaströs präsentiert, wird in Hamburg mancherorts hämisch geschmunzelt.

Der wirtschaftliche Nutzen des Umzugs wird ohnehin in Frage gestellt. "Ich weiß nicht, ob es Sinn macht, dass sich in Berlin alle auf den Füßen herumstehen", meint Birgit Müller vom Musik-Promotion-Büro Octopussy, das vor zwei Jahren von Frankfurt nach Hamburg zog.

Gerade in der Hamburger HipHop-Szene, inzwischen nicht nur trendsetzender, sondern millionenschwerer Umsatzgarant der Branche, wächst die Abneigung gegen den Berlin-Hype. Manche Acts, die bislang bei Universal beheimatet sind, ziehen in Erwägung, nach Ablauf ihrer Verträge zu Hamburger Labels zu wechseln.

Auch Pop-Unikum Andreas Dorau, derzeit wieder in Vertragsverhandlungen mit Universal, definiert sich über seine Berlin-Abneigung: "Da möchte ich nicht mal übernachten."

Der Hamburger Musikanwalt Jörn Zimmermann geht noch einen Schritt weiter: "Wir werden uns noch sehr genau überlegen, in welcher Ost-Metrople wir wieder ein Office aufmachen, und sondieren die Lage genau. Vielleicht ist in einigen Jahren Warschau oder Prag viel opportuner." Seine Kanzlei unterhielt bereits kurzzeitig von 1996 bis 1997 eine Berliner Dependance, um sich dann wieder Richtung Hamburg zu orientieren.

Auch einer der Hauptgründe von Universal Chef Renner für den Umzug - das "tolle liberale Berliner Nightlife mit all seinem Kreativpotenzial" - gilt als überholt. Zunächst wurde der halblegale Club 103 im Herzen der Stadt vom Gewerbeaufsichtsamt geschlossen. Dann folgte im deutschlandweit bekannten Technoclub Casino eine beeindruckende Drogenrazzia. Hunderte von Polizisten stürmten den Laden in Friedrichshain, hielten Personal und Gäste stundenlang fest, durchsuchten jeden Millimeter und jede Körperöffnung. Anderen Technoläden sind ähnliche Aktionen bereits angekündigt.

Auf den Zufahrtsstraßen zu den Discotheken Berlins wird massiv der neue "Drugvipe" erprobt - ein Achselschweiß-Tester, der Drogengebrauch aller Art feststellen kann. Auch von Nicht-Drogennutzern wird dieses Verfahren nicht als Bereicherung ihres Nachtlebenvergnügens angesehen. Innensenator Werthebach, bekannt durch Love- und Fuck-Paradenverbote und seine Reform der Berliner Verwaltungssprache, legt harte Hand an, um die Hauptstadt clean zu halten.

So hält sich das Mitgefühl der Hamburger darüber in Grenzen, dass Universal noch keinen Standort für die Berliner Firmenzentrale bekannt geben konnte. Das offenbar von der Geschäftsleitung favorisierte Gebäude in der Speicherstadt, verkehrsgünstig im Bezirksdreieck zwischen Kreuzberg, Treptow und Mitte gelegen, befindet sich in kulturellem Brachland und wird von den von Shopping-Möglichkeiten und der Gastronomie rund um den Hamburger Hauptbahnhof verwöhnten Universal-Mitarbeitern als deutlicher Komfortverlust gesehen.

Das von den Mitarbeitern favorisierte Gebäude im Zentrum von Mitte, die alten Räumlichkeiten der Post in der Oranienburgerstraße, müsste hingegen vollständig entkernt werden. Abgesehen von einem nicht unbeträchtlichen Kostenaufwand wäre hier der geplante Umzugstermin in circa einem guten Jahr zeitlich kaum zu realisieren.

Außerdem liegt dieser Standort im Regierungsbezirk. Der Hamburger Zimmermann unkt: "Spätestens, wenn Stoiber gewählt wird und allen Klischees des Hart-Durchgreifens Rechnung trägt, wird sich mancher an die Reeperbahn zurücksehnen."

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