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10.06.2001
 

Kunstbiennale

Odyssee im Techno-Palast

Von Sabine Danek

Künstliche Erlebniswelten, wabernde Klänge und animierte Bilderfluten: Die Biennale von Venedig will sich einmal mehr als modernste Länderkunstschau der Welt präsentieren.


Biennale in Bildern: Farbrausch in Venedig



Monströs: Riesenskulptur des Australiers Ron Mueck
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AFP

Monströs: Riesenskulptur des Australiers Ron Mueck

Mehr als 30 Länder präsentieren ihre Künstler in der Lagunenstadt - und viele von ihnen kämpfen darum, in der Masse Kunst nicht unterzugehen. Spanien setzt dabei auf klingende Glasballons, Großbritannien auf Humor, die USA auf ihren Installations-Star Robert Gober und Finnland auf einen großen Holztunnel, der in eine beschallte Sackgasse führt.

Für Interesse am deutschen Pavillons sorgt schon allein die Warteschlange. Wer Pech hat, muss drei Stunden anstehen, bevor er Gregor Schneiders "Haus ur" betreten kann. Der Gang durch eine Rauchglastür führt in ein Labyrinth aus verwinkelten Zimmern, schmalen Durchgängen und Kriechtunneln, die Erklärung "Auf eigene Gefahr" hat man bereits am Eingang unterschrieben.

Es ist eine Reise durch eine bedrohlich verschachtelte Psyche und ein gelungener Kommentar zu dem deutschen Pavillon, der 1938 erbaut, ein Monument der Nazi-Architektur ist. Bereits im Vorfeld galt Schneiders doppelbödige Installation als Favorit, am Samstag wurde sie mit dem Goldenen Löwen als bester Länderpavillon ausgezeichnet.

Provokant: "La Nona Ora" vom Italiener Maurizio Cattelan
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AP

Provokant: "La Nona Ora" vom Italiener Maurizio Cattelan

Für ein Kunsterlebnis anderer Art sorgen Janet Cardiff und Georges Bures Miller, die mit der körperlichen Erfahrbarkeit von Geräuschen experimentieren. Den kanadischen Pavillon haben sie dafür in ein "Paradise Institute" verwandelt. Freizeitparks wie Disneyland lassen grüßen, ihr wohl inszeniertes Entertainment- und Sicherheitsprocedere wird mit feiner Ironie zitiert: Die Begrüßung ist euphorisch, es wird vor Sicherheitsrisiken gewarnt und die Besuchergruppe mehrmals durchgezählt, bevor sie den Projektionsraum betreten darf.

Sobald die Kopfhörer sitzen, entpuppt sich der "Kunst-Ride" als geschickte Akustik-Installation. Während auf der Leinwand ein Bösewicht einen Spion verfolgt, raschelt in den Ohren Popcorn und schwirren Wortfetzen herum, eine imaginäre Nachbarin bietet ihr Getränk an, der Leinwand-Bösewicht sitzt einem plötzlich im Nacken - und wenn ein virtueller Besucher aufsteht, wackelt der Kinositz.

Der Mensch als Schaustück: "Untitled" von Ron Mueck
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REUTERS

Der Mensch als Schaustück: "Untitled" von Ron Mueck

Auch das österreichische Projekt Granular Synthesis versucht, Kunst körperlich erfahrbar zu machen. Doch wie schmal der Grad zwischen hintersinniger Installation und grellbunter Inszenierung ist, beweist gerade ihr Pavillon. Zwischen Farbprojektionen und wabernden Geräuschen ist nicht mehr entstanden als ein Techno-Palast für Kunst-Groupies, von einer PR-Agentur geschickt lanciert und in allzu reichlichem Infomaterial wortreich verklärt.

"Plateau der Menschheit" hat der künstlerische Leiter Harald Szeemann die diesjährige Biennale nicht ohne Pathos betitelt, in seiner perfekt inszenierten Sonderschau im ehemaligen Waffendepot Arsenal aber wird er diesem Anspruch gerecht. In einer grossen Auswahl an Video- und Fotoarbeiten und großflächigen Installationen werden alle Lebenslagen vielfältig beleuchtet. Menschen fliegen durch die Luft, werden beim Schlafen auf öffentlichen Bänken oder im heimischen Bett beobachtet, auf Gruppenportraits inszeniert, bei Unfällen und nach einer Umweltkatastrophe gezeigt oder als tragikomische Bürohelden belächelt.

Santiago Sierra zahlte 200 dunkelhaarigen Männern 30.000 Lire dafür, dass sie sich die Haare blondieren, Brit-Art-Queen Georgina Starr schickt kleine Mädchen über den Catwalk, während Francesco Vezzoli die Model- und "Blow up"-Legende Veruschka als lebende Skulptur inszeniert. Nicht alle der Arbeiten können überzeugen, aber die thematische Variation des Themas besticht. Keine Spur vom vielbeschworenen Abgesang auf den menschlichen Körper in Zeiten des Cyberspace. Mit Ron Muecks 4,90 Meter hohen Skulptur eines geheimnisvollen Jungen macht Szeemann seinen Standpunkt bereits am Eingang der Ausstellung klar.

La Biennale di Venezia, 49th International Exhibition of Art, Venedig, 10. Juni bis 4. November

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