Von Helmut Sorge

"Er sieht Ali verdammt ähnlich": Smith und Ali bei der Oscarverleihung 1997.
Nur wenige Menschen sind so populär wie Muhammad Ali. Er ist eine Symbolfigur für seinen Sport, seine Rasse und den Widerstand gegen die Mächtigen Amerikas, die ihm 1967 seinen Boxweltmeister-Titel im Schwergewicht aberkannten und ihn einsperren wollten, weil er sich geweigert hatte, im Vietnamkrieg zu kämpfen.
Die Welt kannte ihn als Cassius Clay, "mein Sklavenname", wie er damals in einem SPIEGEL-Gespräch zu Protokoll gab. Seine Fans nannten ihn "The Lip", weil er voraussagte, in welcher Runde er seine Gegner auf die Bretter schlagen würde, und diese Prognose mit selbst erdachter Poesie begleitete. Als der Boxer 1962 einmal Los Angeles besuchte, traf er an einer Straßenecke zufällig den Photografen einer schwarzen Wochenzeitung, Howard Bingham. Dem gefiel der Boxer aus Kentucky, und er führte ihn durch L.A. Seither sind Bingham und Ali unzertrennlich. Ali nennt Howard "Bill", und Howard nennt Ali "Bill", verbale Dokumentation von Gleichberechtigung. Sogar auf einer der Hochzeitsreisen Alis reiste Bingham mit. "Nichts, eigentlich nichts", bestätigt der Ali-Schatten, könne ihn davon abbringen, seinen Freund zu begleiten.
Anlässlich einer Gala zur Wahl des Weltsportlers in der Wiener Oper musste auch Bingham einen Smoking anziehen. Im Koffer entdeckte er 20 Minuten vor dem Festakt statt zwei schwarzen Lackschuhen nur einen. Versehentlich hatte er, in einem Beutel verpackt, einen Tennisschuh mitgenommen. Ali/Bill drängte, also trat Bingham mit seinem ungleichen Schuhpaar auf. Erstaunten Fragern erklärte er: "Dies ist die neue Mode in L.A.". Bei diesem Fest photografierte Bingham auch Barbara Becker und ihre Söhne mit Muhammad Ali, Erinnerungen die er nicht vermarktet, sondern archiviert. Ali hatte, zufällig, im selben Hotel wie Barbara und Boris gewohnt und nachfragen lassen, ob er die Kids nicht mal kennen lernen dürfe.
Der Photograf will sich an Ali nicht bereichern, 1994 hat er einen Bildband veröffentlicht, "Muhammad Ali, a Thirty Year Journey", mehr nicht. Er ist, bestätigte "Sports Illustrated" in einer Titelgeschichte 1998, "the best of friends". Wen, wenn nicht ihn, kann ein Regisseur wie Michael Mann ("Miami Vice", "Heat"), der zurzeit einen 109 Millionen Dollar teuren Spielfilm über Ali dreht, besser befragen? Also haben die Sony-Studios Bingham einen Job als Executive Producer angeboten und Ali selbst als Berater verpflichtet.
Der Champ und Frau Lonnie haben das Drehbuch gelesen, gelegentlich war Ali sogar bei den Dreharbeiten dabei. In Miami etwa, wo Cassius Clay 1964 im legendären "5th Street Gym" mit dem ebenso legendären Angelo Dundee trainiert hat. Auch Dundee stieg noch einmal in den Ring, um den Ali-Darsteller Will Smith ("Wild Wild West") in den Kampfstil der Boxlegende einzuweihen.
Bingham, im Film dargestellt von Jeffrey Wright, machte die gesamte filmische Reise in die Vergangenheit mit: Den K.o. gegen Sonny Liston in der 7. Runde ihres Kampfes in Miami Beach von Februar 1964, der Cassius Clay erstmals zum Weltmeister machte; oder auch der "Rumble in the Jungle", Alis Kampf gegen George Foreman von 1974 in Zaire (K.o.-Sieg in der 8. Runde).
Noch hat Bingham, "die freundlichste Person im Sport, wenn nicht der freundlichste Mensch auf dieser Erde" ("Sports Illustrated") die ersten "Rushes" (Schnellprints des Films während der Produktion) nicht gesehen, ist aber schon jetzt sehr angetan von der Ali-Darstellung Will Smiths. Auch Angelo Dundee lobt Smith, der sich ein Jahr lang körperlich und seelisch auf die anspruchsvolle Rolle eingestellt hat: "Er sieht Ali verdammt ähnlich." Die US-Premiere des Streifens, schlicht "Ali" betitelt, ist für den 7. Dezember angesetzt.
Wird der Film ein Erfolg? Das Sony-Studio versuchte, das eigene Risiko schon vor Beginn der Dreharbeiten zu vermindern: Michael Mann und Will Smith waren bereit, die Kosten aus eigener Tasche mitzutragen, ausländische Investoren sicherten sich die internationalen Vertriebsrechte. Die Furcht vor einem Flop scheint berechtigt: "Hurricane", ein 1999 produzierter Film über den zu Unrecht wegen Mordes eingekerkerten Boxer Rubin "Hurricane" Carter, wurde, obgleich Publikumsliebling Denzel Washington die Hauptrolle spielte, ein finanzieller Misserfolg.
Dennoch ist Boxen offenbar "in" in Hollywood. Ein weiterer Film ist in Vorbereitung, der von dem angeblich von der Mafia manipulierten Kampf zwischen Ali und Sonny Liston handelt. Paramount will unterdessen das Leben der Box-Managerin Jackie Kallen verfilmen. Als mögliche Hauptdarstellerin wird Meg Ryan gehandelt. An Muhammad Alis globalem Ruhm, so ein Ondit am Sunset Boulevard, will offenbar auch der deutsche Taschen Verlag mitverdienen. Der Ali-Vertraute Bernie Yuman, auch Manager von Siegfried und Roy, den bayerischen Evergreens der Zauberei in Las Vegas, hat sich mit Benedikt Taschen angeblich über ein opulentes Ali-Buch geeinigt, das im kommenden Jahr auf dem Markt kommen soll.
Robert De Niro, Mark Wahlberg sowie Tom Sizemore wollen derweil einen Film über das Leben des ehemaligen Weltmeisters Vinnie Curto namens "On to my Feet", realisieren. De Niro will die Rolle des Ali-Trainers Dundee übernehmen.
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