Hamburg - Regierung und Medien versuchten, die Öffentlichkeit wie Unmündige zu behandeln, kritisierte die Autorin in einem Beitrag für die "Frankfurter Allgemeine Zeitung". Die Regierung suggeriere den Menschen mit Hilfe der Medien, alles sei unter Kontrolle. Die Einstimmigkeit der realitätsverzerrenden Rhetorik sei "einer Demokratie unwürdig".
Noch nie sei Amerika so weit von der Wirklichkeit entfernt gewesen, wie am vergangenen Dienstag. "Das Missverhältnis zwischen den Ereignissen und der Art und Weise, wie sie aufgenommen und verarbeitet wurden, auf der einen Seite und dem selbstgerechten Blödsinn und den dreisten Täuschungen praktisch aller Politiker (...) und Fernsehkommentatoren (...) auf der anderen Seite, ist alarmierend und deprimierend", schreibt Sontag weiter.
Nach Ansicht von Sontag, die zahlreiche Bücher zur Medienkritik verfasst hat, hätten sich die Stimmen zu einer Kampagne verdichtet, mit der die Öffentlichkeit "verdummt" werden solle. Wo sei die Einsicht, fragt Sontag, dass es sich bei der Terror-Attacke nicht um einen Angriff auf "Zivilisation", "Freiheit" oder die "freie Welt" handele; sondern "um einen Angriff auf die Vereinigten Staaten, die einzig selbsternannte Supermacht der Welt; um einen Angriff, der als Konsequenz der Politik, Interessen und Handlungen der Vereinigten Staaten unternommen wurde"?
Vielen Amerikanern sei überhaupt nicht mehr bewusst, dass das US-Militär noch immer Bomben auf den Irak werfe. Vergeltungsschläge aus dem Himmel seien "feige", nicht allerdings die Attentäter, die bereit gewesen wären, selbst zu sterben, um andere zu töten. Sontag: "Wenn wir von Mut sprechen, der einzigen moralisch neutralen Tugend, dann kann man den Attentätern - was immer sonst auch über sie zu sagen wäre - eines nicht vorwerfen: dass sie Feiglinge seien."
Alle Amerikaner müssten jetzt gründlich Nachdenken: Über das "kolossale Versagen der amerikanischen Geheimdienste, die Zukunft der amerikanischen Politik besonders im Nahen Osten und über vernünftige Verteidigungsprogramme für dieses Land".
"Wir haben einen Präsidenten, der uns wie ein Roboter immer wieder versichert, dass Amerika nach wie vor aufrecht steht." Die Regierung versichere, alles werde in Ordnung kommen. "Nichts ist in Ordnung", meint Susan Sontag, 68, die mit Büchern wie "In America", "Der Liebhaber des Vulkans" oder "Aids und seine Metaphern" bekannt geworden ist.
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