Frankfurt am Main - Der 72-jährige Habermas plädierte in der Frankfurter Paulskirche vor rund 1000 Gästen, darunter Bundespräsident Johannes Rau und Kanzler Gerhard Schröder, für einen größeren gesellschaftlichen Respekt vor religiösen Sichtweisen. Auch für eine weitgehend säkularisierte Gesellschaft sei es vernünftig, "von der Religion Abstand zu halten, ohne sich deren Perspektive zu verschließen". Dies zeige sich in der Auseinandersetzung mit dem islamisch begründeten Terrorismus als auch bei der Gentechnik-Debatte.
Der Westen habe im Prozess der Säkularisierung, also der Trennung von Kirche und Staat, die Religion an den Rand gedrängt, sagte Habermas. "Als sich Sünde in Schuld, das Vergehen gegen göttliche Gebote in den Verstoß gegen menschliche Gesetze verwandelte, ging etwas verloren." Wolle sich die Gesellschaft nicht von "wichtigen Ressourcen der Sinnstiftung abschneiden", müsse sie sich "einen Sinn für die Artikulationskraft religiöser Sprachen bewahren".
Nach den Worten von Habermas ist am 11. September beim Angriff auf die "kapitalistischen Zitadellen der westlichen Zivilisation" die Spannung zwischen säkularer Gesellschaft und Religion "explodiert". Wer einen Krieg der Kulturen vermeiden wolle, müsse sich bewusst machen, dass auch das Abendland die von der Säkularisierung hinterlassenen Probleme noch nicht gelöst habe. Der wichtigste lebende Vertreter der "Frankfurter Schule" sieht die Wurzeln des Terrorismus vor allem in "Gefühlen der Erniedrigung" und weniger in der Armut der Menschen in der Welt.
"Der prägendste deutsche Philosoph der Epoche"
Habermas, der 52. Träger des renommierten Preises, erhielt die mit 25.000 Mark dotierte Auszeichnung als Anerkennung seiner weltweit geschätzten Gesellschaftstheorien. Er ist laut Jury ein Zeitgenosse, der den Weg der Bundesrepublik "ebenso kritisch wie engagiert begleitete, der mehr als einer Generation die Stichworte zur geistigen Situation der Zeit vermittelte und der von einer weltweiten Leserschaft als der prägende deutsche Philosoph der Epoche wahr genommen wird".
Die Laudatio hielt auf Habermas Wunsch der Leiter des Hamburger Instituts für Sozialforschung, Jan Philipp Reemtsma. Dieser würdigte Habermas als "den Philosophen der Bundesrepublik Deutschland". Seine Werke seien eine "komplexe Diagnose der Chancen und Risiken" unserer Zeit. Immer wieder habe Habermas auch in politische Debatten eingegriffen, sagte Reemtsma. Das reiche von der Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit in der frühen Bundesrepublik bis zum Streit um die Gentechnologie und ihre Folgen für die moderne Gesellschaft.
An dem von ungewöhnlich strengen Sicherheitsmaßnahmen begleiteten Festakt nahmen neben Rau und Schröder unter anderem auch Bundestagspräsident Wolfgang Thierse, Außenminister Joschka Fischer. Finanzminister Hans Eichel sowie Kulturstaatsminister Julian Nida-Rümelin teil. Vor der weiträumig abgeschirmten Paulskirche protestierten Demonstranten gegen die US-Militärschläge in Afghanistan.
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