Hamburg - Als "zynisch und menschenverachtend" kritisierte der Weiße Ring die Äußerungen des Oetker-Entführers Zlof in der ARD-Sendung, die am Freitag um 21.45 Uhr ausgestrahlt werden soll. "Es ist einfach unfassbar, dass einem Rechtsbrecher, der seinem Opfer einen lebenslangen Schaden zugefügt hat, eine solche von Gebühren- und Steuerzahlern finanzierte Plattform geboten werden soll", heißt es in einer am Donnerstag veröffentlichten Erklärung unter Hinweis auf die Äußerungen des Oetker-Entführers Dieter Zlof in der Sendung.
Zlof dürfe das Fernsehen "schamlos und weitgehend unkommentiert zur Verharmlosung seiner abscheulichen Tat nutzen". Der von Eduard Zimmermann gegründete Weiße Ring, der nach eigenen Angaben rund 70.000 Mitglieder hat, hatte bereits vor einigen Tagen in einem Brief die ARD-Intendanten gebeten, die Ausstrahlung der Dokumentation des Norddeutschen Rundfunks (NDR) zu verhindern.
Der damals 24 Jahre alte Industriellensohn Richard Oetker war im Dezember 1976 in der Nähe von München entführt worden. Für seine Freilassung zahlte die Familie Oetker 21 Millionen Mark. Zwei Jahre später wurde Dieter Zlof festgenommen. In einem Indizienprozess wurde Zlof zu 15 Jahren Haft verurteilt. Als er 1997 in England nach Verbüßung seiner Tat einen Teil des Lösegelds umtauschen wollte, erhielt er dort nochmals zwei Jahre Haft. In der NDR-Dokumentation nimmt Zlof erstmals im Fernsehen zu seiner Tat Stellung. Für die Familie des Angehörigen spricht August Oetker, Bruder von Richard Oetker, der selbst nicht vor die Kamera treten wollte.
NDR-Intendant Jobst Plog wies die Kritik des Weißen Rings zurück. In einem Brief an dessen Vorsitzenden Wolf Weber betonte Plog, dass der Film zeige, dass Zlofs Pläne allesamt fehlgeschlagen seien. In die Dokumentation seien die Familie des Opfers sowie dessen Arzt und Anwalt einbezogen worden. Richard Oetker sei zudem persönlich beim Schnitt des Films dabei gewesen.
Zum selben Thema strahlt der Privatsender Sat.1 am kommenden Sonntag und Montag (11./12. November) den zweiteiligen Spielfilm "Tanz des Teufels" aus. Regie bei dem 12 Millionen Mark (6,14 Millionen Euro) teuren Film führte Peter Keglevic. In der Rolle Richard Oetkers ist Sebastian Koch zu sehen. Christoph Waltz spielt den Entführer Zlof. Über diese - immerhin fiktionale - Aufbereitung der damaligen Ereignisse äußert sich der Weiße Ring geradezu lobend: "Dieser Film bietet die große Chance, die Situation eines Opfers, beispielhaft für das Leid vieler Betroffener, nachdrücklich ins Bewusstein der Menschen zu rufen", heißt es in einer Erklärung auf der Website der Organisation.
Der medienpolitische Sprecher der Union im Bundestag, Norbert Lammert, erklärte am Donnerstag, dass sich die Verfilmungen "hart an der Grenze des Persönlichkeits- und Opferschutzes" bewegten. "Ich bezweifle, ob solche 'Jubiläumssendungen' notwendig und angemessen sind", sagte Lammert. Die Schutzrechte seien bei der dokumentarischen und erst recht fiktionalen Behandlung von schwerer Kriminalität so wichtig, da deren Opfer nach den erlittenen Qualen nicht wiederholt zum Gegenstand öffentlicher "Vorführung" gemacht werden dürften.
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