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21.12.2001
 

Mankell-Verfilmung

Wonne-Grusel mit Wallander

Von Christian Bartels

Es ist dem ZDF hoch anzurechnen, dass es seine Kommissar-Wallander-Filme nicht mit deutschen Schauspielern besetzt hat. Mehr als gruselige Sozialkrimis mit integriertem Hui-Buh-Effekt bieten aber auch die Schweden nicht. Die (vorerst letzte) SPIEGEL-ONLINE- Fernsehfilmvorschau...

"Die falsche Fährte": Kommissar Wallander (Rolf Lassgard) hat die Scheußlichkeiten seines Jobs satt
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ZDF / Nils Bergendal

"Die falsche Fährte": Kommissar Wallander (Rolf Lassgard) hat die Scheußlichkeiten seines Jobs satt

Klar, der Krimi als solcher, in Buch- oder Filmform, ist ein wertvolles Genre. Er funktioniert nur in demokratischen Gesellschaften, weil er jenseits aller politischen und sozialen Schranken die Gerechtigkeit als solche fördert. Es ist also kein Wunder, dass alte Linke wie Brecht und Benjamin Krimis gelobt haben, obwohl die einzelnen Autoren von ihrer Transportleistung für die bürgerliche Aufklärung zumeist keine Ahnung hatten.

Allerdings ist der Krimi ein auch im unangenehmeren Sinne bürgerliches Genre. Eines, mit dem sich der Bürger gerade in dieser Jahreszeit gern behaglich aufs Sofa setzt, ein gutes Glas Wein in Reichweite, und sich dann angesichts von Verbrechen wohlig gruselt wie schon seine Vorfahren vor 100 Jahren. Selbstverständlich haben sich die Maßstäbe verändert. Einst reichten Hunde, die in Mooren spukten, oder Morde unter Lords im Herrenclub. Heute weiß man, dass überall Serienkiller lauern, in Hollywood, im Lokalteil. Da braucht es zur Gruselerzeugung schon andere Kicks.

Mordopfer: Biedere Splatter-Szenen mit integriertem Huch-Effekt
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ZDF / Nils Bergendal

Mordopfer: Biedere Splatter-Szenen mit integriertem Huch-Effekt

Zum Beispiel einen älteren Herren, der in lauer Sommernacht im Mondenschein am Sandstrand ins Meer hinein uriniert - was vielleicht ja für ältere Herren das absolute Gefühl der Freiheit und des Einklangs mit Natur sein mag -, und nicht ahnt, dass hinter ihm ein wild geschminkter Teenager mit einer Axt in der Hand heranschleicht. Dann erhebt der Junge die Axt und haut sie dem flüchtenden Alten in den Rücken, was gerade noch zu sehen ist. Mit einem Messer skalpiert er ihn, was aber nicht mehr zu sehen ist, nur noch zu hören. Hui-Buh, so was aber auch...

Womit wir beim schwedischen Kriminalschriftsteller Henning Mankell angelangt sind, dessen Romane in ihren besten Momenten halb so spannend sind wie die Sechziger-Jahre-Krimis seiner Landsleute Sjöwall/Wahlöö, aber doppelt bis dreimal so lang, also ihren vielen, vielen Käufern viel Zeit-Totschlag, pardon: Unterhaltung fürs Geld bieten. Die schwedisch-deutsche TV-Verfilmung des Mankell-Romans "Die falsche Fährte" zeigt nun das ZDF (Fr. 28.12., 22.15 Uhr) in drei einstündigen Teilen (weitere Folgen am 29. und 30.12).

Tätermotiv mit sozialkritischem Subtext: Stefan (Henrik Persson) mordet als Indianer Geronimo
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ZDF / Nils Bergendal

Tätermotiv mit sozialkritischem Subtext: Stefan (Henrik Persson) mordet als Indianer Geronimo

Im Anschluss an die Mordszene sieht man den Täter mit dem Moped durch die Stadt fahren, dazu spielt eine akustische Gitarre angenehme Töne. Das Leben geht schließlich weiter für alle, die nicht gerade ermordet wurden: Wohltemperiertes Gruselfernsehen für bewusste Verbraucher leistet der Film von Leif Magnusson (Regie) und Mankell (der selbst das Drehbuch schrieb). Der "comic relief" klappt fast immer, mal mehr, mal minder makaber: Eben noch hat der junge Killer seinem fiesen Vater Säure in die Augen gespritzt, da zerdrückt Wallander (Rolf Lassgard) in Großaufnahme ein Spiegelei. Eine exzellente Provokation, so was. Peter Greenaway wäre entzückt.

Wir wollen aber nicht ungerecht sein. Der Film hat gegenüber seiner Romanvorlage mehrere Vorzüge. Nicht nur, dass sein Wille zu großen, Kunst-sein-wollenden Bildern dem Publikum von der ersten Szene an ins Gesicht springt. Weil Mankells am alten Edgar-Wallace-Stil orientierte Perspektive - seitenweise wird aus der Sicht des Mörders erzählt, ohne dass dabei seine Identität enthüllt wird - sich visuell nicht reproduzieren lässt, verzichtet der Film eleganterweise auf solch krampfhafte Verrätselung der whodunit-Frage. Stattdessen springt er zwischen Szenen, in denen der Mörder beim Mordvorbereiten und Morden zu sehen ist, und Szenen, in denen der Kommissar beim Mordaufklären zu sehen ist, in behäbigem Wechsel umher. Der Kommissar sei es müde, ja hasse es, sich mit den Scheußlichkeiten befassen zu müssen, mit denen sich zu befassen seine Pflicht ist, erläuterten die schwedischen Mankell-Interpreten bei der Präsentation in Hamburg. Um der Gerechtigkeit Willen: Die Müdigkeit des Kommissars herauszuarbeiten und auf den Zuschauer zu übertragen, ist ihnen gelungen.

Der Autor und sein Protagonist: Henning Mankell (l.) und Wallander-Darsteller Lassgard
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ZDF / Nils Bergendal

Der Autor und sein Protagonist: Henning Mankell (l.) und Wallander-Darsteller Lassgard

Und auch die wertvolle Botschaft bleibt erhalten. "Wir sollten unsere Kinder besser behandeln", formulierten die schwedischen Interpreten. Wenn 15-jährige Mädchen sich selbst verbrennen, wenn Teenager sich als Indianer schminken und ältere Herren skalpieren - dann muss das Motiv ganz schön stark sein und also Schlimmes passiert sein. Dass er sich derlei denken soll, schwant dem aufgeklärten Bürger gewiss. Zu sehen sind einstweilen aber nur biedere Splatter-Szenen mit integriertem Huch-Effekt.

So ist dieser Mankell-Krimi ein Vorwand für Gebührenzahler, die sich genieren, vor banalen Krimis auf der Couch zu sitzen, sich aber gern mal anspruchsvoll gruseln wollen und daher freuen, wenn Thriller-Belletristik zu sozialkritischer Hochliteratur, beziehungsweise Hochliteratur-Verfilmung, hochgejubelt wird, die einen Beitrag zur Verbesserung der Gesellschaft leistet. Das Management solcher Vorwände beherrschen Mankells Medienverbundkrimis perfekt.

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