Von Werner Theurich
Eigentlich versprach das derzeit omnipräsente Thema Angst durchaus Zündstoff, zumal die Gastgeber Peter Sloterdijk und Geisteskollege Rüdiger Safranski für ihr Debüt-Thema keine abgehobenen Fach-Koryphäen eingeladen hatten. Übertrieben abstraktes Insider-Geschwall wollte man, dem grobkörnigen Medium Fernsehen zu Liebe, wohl vermeiden. Immerhin galt es, Marcel Reich-Ranickis Literatur-Boxring nachzueifern, wo oftmals TV-gerecht die verbalen Fetzen geflogen waren. Bergsteiger Reinhold Messner und Pfarrer Friedrich Schorlemmer als Gäste sollten sich zumindest mit dem Phänomen Furcht auskennen, doch angesichts der allgemeinen, sich schnell ausbreitenden Sanftmut des "philosophischen Quartetts", konnte dem Talkshow-gestählten und Entertainment-vergifteten Fernsehzuschauer schnell Angst und Bange werden.
Nachdem die Kamera anfangs professionell und kühl die noblen "Glashaus"-Hallen (VW baut hier unter der Woche Luxusautos) abgefahren hatte, spielte sich die Optik anschließend bald wieder in gewohnte Gesprächsrunden-Ästhetik ein. Das bewährte Kreisen um Köpfe: Hier war es das angemessene Stilmittel, ging es doch um geschliffene Gedanken und nicht um verbale Schläge. Sloterdijk keuchte ein wenig abgehetzt, als er sein Intro-Statement in bester Biolek-Manier ablas, ein Hauch von Premierenfieber. Routiniert stellte er dann jedoch seinen Partner Rüdiger Safranski mit dem Zusatz "Hanser Verlag" vor, worauf der sich mit dem Hinweis "Suhrkamp Verlag" bezüglich Sloterdijk revanchierte. Aha. PR-Angst gab's zumindest nicht, willkommen im Club.
Auch anschließend kannten die Freundlichkeiten keine Grenzen, als man sich mit Reflektionen zum Phänomen Bungee-Jumping kopfüber in die Thematik stürzte. Dabei erwies sich der als "Angst- und Stresssucher" vorgestellte Reinhold Messner schnell als gewieftester Teilnehmer der Studiorunde. Er stirnrunzelte sich durch die Sachfragen, während die anderen drei meist leicht entrückt bis dezent verdöst ihre eigene, innere Angstreise absolvierten. Und da alle höchst kultiviert miteinander umgingen, konnte der Yeti-Forscher, Bergmeister und Europapolitiker Messner auch bald auf Autopilot schalten und aus seinem exzellenten Fundus aus Talkshow-Versatzstücken passende Statements zum Thema des Abends absondern.
"Angst"-Gast Messner: Philosophisches Konzept ausgehebelt
Gastgeber Sloterdijk gab sich redlich Mühe, dem Thema hin und wieder doch noch eine sanfte Theoriespritze zu verpassen, es blieb jedoch bei homöopathischen Dosen. Immerhin: Die Fach- und Fremdwörter-Quote blieb erfreulich niedrig, überfordert wurde hier gewiss niemand. Auch nicht von Sloterdijks Philosophie-Compadre Safranski, der die Diskussion geschickt über Biologie, Anthropologie, Psychologie - irgendwas vergessen? - ach ja: Theologie, bis hin zur tagesaktuellen Arbeitsplatz-Angst anschob. Der fröhliche Friedrich Schorlemmer beschwor dazu pflichtschuldig die Macht der (Fernseh-)Bilder, die mit ihrer suggestiven Kraft die neuzeitlichen Ängste schüren und manipulieren. Damit war das dann auch abgehakt.
Spätestens zu diesem Zeitpunkt, einer gute Dreiviertelstunde nach Beginn der Sendung, dürften die TV-Zuschauer einer ähnlich friedlich-schläfrigen Grundstimmung anheim gefallen sein wie die Diskutanten, die in der Tat eine gänzlich neue Art von Talkshow präsentiert hatten: Dösen auf hohem Niveau. So angenehm und kultiviert es auch ist, wenn jeder den anderen ausreden lässt und keiner gezwungen wird, sein Gegenüber nach Politikerart niederzubrüllen, so sehr wünscht man sich doch ein wenig Kontroverse. Wir warten also begierig auf den von Peter Sloterdijk im Vorwege versprochenen intellektuellen Kopf-Sex. Und bloß keine (Quoten-)Angst: Wir schalten wieder ein!
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