• Drucken
  • Senden
  • Feedback
22.01.2002
 

Trickspezialist Volker Engel

Ein Leben nach dem Oscar

Von Helmut Sorge

1997 gewann der deutsche Visual-Effects-Spezialist Volker Engel einen Oscar für seine Arbeit an Roland Emmerichs Action-Spektakel "Independence Day". Der Beginn einer wunderbaren Karriere? Vielleicht. Engel blieb auf dem Boden der Tatsachen und dreht vier Jahre nach dem Durchbruch seinen ersten eigenen Film...

Keine Palme. Kein Strauch. Kein Neonlicht. Weder ein McDonald's noch eine Pizzeria. Asphaltierte Straßen, wie mit einem Lineal gezogen. Flache Gebäude. Parkplätze, Autos. Stille, Leere. Nüchternes, trostloses Los Angeles, ein typisches Industriegelände in der Nähe des Flughafens LAX.

In einem dieser ebenso typischen Flachbauten bietet sich ein unerwarteter Kontrast: Phantasien made in Hollywood, digital realisierte Träume: Miniaturbrücken, Miniaturdschungel. Die Welt des Volker Engel. Volker who? Engel, Oscar-Preisträger anno 1997, ein Jahr danach Bundesverdienstkreuz, inzwischen Honorar-Professor - und neuerdings Filmproduzent. Eine deutsche Hollywood-Karriere - noch eine. In Bremerhaven an der Waterkant hat Engel, Jahrgang 1965, das Tüfteln gelernt, seine kindlichen Träumereien mit Lego-Steinen entwickelt und sich für Disneys Zeichentrickfilme interessiert. Fußball? Keine Zeit für solche gewöhnlichen Späße. Engel machte Filme. Seinen ersten Projektor, die erste - gebrauchte - Super-8-Kamera kaufte er vom Konfirmationsgeld.

Bei einem Schülerfilmfestival in Hannover führte er seinen ersten, vier Minuten langen Film vor, das "Wüstenrennen". Die Zuschauer trampelten mit den Füßen - Begeisterung. Der Jung-Filmer, der seine Produktion mit 15 Mark Taschengeld finanzierte, hatte Blut geleckt. Den endgültigen Schub brachte schließlich "Star Wars", die unglaubliche, trickgesteuerte Reise in eine neue Kinomärchenwelt. Erstmals hörte Engel zu jener Zeit die Berufsbezeichnung "Visual Effects Supervisor", allein der Klang faszinierte ihn - seine Zukunft nahm Konturen an. Resultat: Nicht einmal zwei Jahrzehnte nach diesen Jugendträumen hatte er das New Yorker Empire State Building und das Weiße Haus auf Schutt und Asche reduziert - Außerirdische wollten die Weltmacht erobern, doch das amerikanische Empire schlug zurück: Roland Emmerichs "Independence Day", der Engel (als Emmerichs Spezialeffekte-Koordinator) zu Oscar-Ehren brachte.

Vor der Entscheidung der Academy dämpfte der Norddeutsche seine Erwartungen mit Selbstgesprächen: "Nun mal langsam." Er wollte "nicht enttäuscht dasitzen, wenn ich ihn nicht bekomme". Einen Zettel mit den Namen jener fünf Personen, bei denen er sich bedanken wollte, hatte er gleichwohl in die Tasche gesteckt - vorsorglich. Der Oscar steht nun in seinem Büro auf einem Regal, Ehrenplatz. Ja, das war "schön damals", sagt Engel in jener begrenzten Begeisterung, die den in Wattnähe Geborenen eigen ist. Der 36-Jährige ist sich selbst treu geblieben, bescheiden, selbstkritisch und nüchtern. Die Oscar-Verleihung ist Vergangenheit, ebenso wie "Independence Day". Geschichte, Glorie von gestern.

Die "schrecklichen Bilder" der September-Attentate haben Trickspezialisten Engel bewegt, doch erst bei der Frage eines Reporters nach der visuellen Parallelität zwischen "Independence Day" und dem Einsturz der Twin Towers ist ihm die Überschneidung von Phantasie und Wirklichkeit bewusst geworden. Seitdem ist ihm klar, wie auch seinem Freund, dem "Independence Day"-Regisseur Roland Emmerich, dass die angedachte Fortsetzung des Mega-Erfolges "auf lange Zeit vom Tisch" ist.

Engel bei der Arbeit zu "Godzilla"
Zur Großansicht
Volker Corell

Engel bei der Arbeit zu "Godzilla"

Volker Engel gilt, nach seiner Arbeit an "Universal Soldier", "Independence Day" und "Godzilla" als eines der Genies der Visual-Effects-Zunft. Tatsächlich kann er über den Computer seine E-Mails abrufen, die Software-Programme freilich, an denen die Digital-Künstler in seinem nahezu fensterlosen Flachbau arbeiten, beherrscht er selber nicht. Engel hat zwar nach der Premiere von "Godzilla" eine Auszeit genommen, "um die kreativen Batterien wieder aufzuladen", doch er hat nie die Worte des Kollegen und Oscar-Preisträgers für "Sound Effects", Ben Burtt, vergessen, der ihn davor gewarnt hat, sich "auf den Lorbeeren" des Erfolgs auszuruhen: "Einige von uns haben das nach dem ersten 'Star Wars'-Film gemacht und sind dabei in ein tiefes Loch gefallen."

Engel hat also in den "Ferien" fleißig an einem Drehbuch geschrieben und mit seinem Kollegen Marc Weigert eine eigene Produktionsfirma gegründet, Uncharted Territory, "weil man irgendwann nicht mehr abhängig sein will von den Träumen und Entscheidungen anderer". Zu Emmerich, so sagt er, verbindet ihn eine "tiefe Freundschaft", aber auch mit ihm hat Engel seit mehr als drei Jahren nicht gearbeitet. Er wollte nicht "hängen bleiben" als "Visual Effects Supervisor" und "wie ein Nomade von Projekt zu Projekt" ziehen. Trickspezialisten, die nach den "Titanic"-Dreharbeiten von ihrer Firma Digital Domain entlassen worden waren und bei Engel für "Godzilla" anheuerten, haben ihm über den Druck und die miese Stimmung bei der "Titanic"-Arbeit berichtet und in seiner Entscheidung bestärkt: "Was die ertragen mussten, hätte ich nie hingenommen."

Das muss er wohl auch nie mehr. Engels erster Film, "Coronado", ist abgedreht. Engel selbst ist Produzent. Im Herbst soll der Abenteuerfilm, so die Hoffnung, in die Kinos kommen: Eine schöne Blonde, unerschrocken und treu obendrein, sucht, unterstützt von einem Urwald-erfahrenen Reporter, im - fiktiven - zentralamerikanischen Land Coronado nach ihrem verschollenen Verlobten. Der Weg zu ihm ist - Indiana Jones lässt grüßen - von so manchem Drama überschattet: Brücken stürzen ein, Tiefflieger jaulen über den Regenwald, die Machthaber sind - wie sollte es anders sein - korrupte Machos, deren schwarze Haare glänzen, als seien sie mit Olivenöl gewaschen.

Rund 600 Einstellungen in "Coronado" haben die "compositing artists", die Digitalkünstler auf ihren Bildschirmen gezaubert. In "Independence Day" reichten vor vier Jahren 390 "shots", um Amerika ins Chaos zu stürzen. Engel, Meister des Understatements, ist sicher: "Die Leute werden sich wundern, welche Wirkung wir mit einem bescheidenen Budget erreicht haben." Im April, so der Plan, ist der Film vollendet, geschnitten von einem Experten, den Engel bei "Independence Day" kennen lernte - "Coronado" ist sein erster Hollywood-Spielfilm. Auch der Regisseur, der Schweizer Claudio Fäh, ist ein Novize. Der Absolvent der Filmschule der University of California in L.A. (UCLA) hatte vor seiner - zufälligen - Begegnung mit Engel einige Kurzfilme gedreht. Den Nachwuchsproduzenten schreckt das nicht: Hatte ihm nicht auch Roland Emmerich vor rund zwölf Jahren in Stuttgart eine Chance gegeben? Ihm, dem Studenten für Grafik und Design an der Staatlichen Akademie für Bildende Künste?

  • 1. Teil: Ein Leben nach dem Oscar
  • 2. Teil

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
alles aus der Rubrik Gesellschaft

© SPIEGEL ONLINE 2002
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH









TOP



TOP