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Architekturkritik Oben besser als unten

Warum in Norman Fosters Reichstags-Spektakel ausgerechnet der Plenarsaal die langweiligste Rolle bekommt.

Sir Norman Foster unter seiner genialen Kuppel
AP

Sir Norman Foster unter seiner genialen Kuppel

Berlin - Das Beste vorweg: Dem Ritter des kühl klaren High-Techs, dem britischen Architekten Sir Norman Foster, ist etwas gelungen, was nicht zu erwarten war: eine neue Sinngebung und ein kleines Spektakel aus Glas, Raum und Genie. Nein, nicht der Plenarsaal, sondern die Kuppel ist es, die alle in Schwärmen bringt. Fortan werden Hunderte von Besuchern täglich in der monumental hohen Eingangshalle mit gläsernen Aufzügen in die schönste aller Aussichtskuppeln fahren. Daß zu ihren Füßen ein deutsches Parlament tagt, werden sie vergessen.

Ein gläsernes Ei hat der englische Architekt den Deutschen ins Nest gelegt, und mit einer typisch britischen Pointe aus einem deutschen Parlament einen Freizeitpark gemacht. Dies ist das Beste, was dem Reichstag passieren konnte:

Schöne Aussichten: Die Kuppel ist der Höhepunkt in Fosters Architekturspektakel
REUTERS

Schöne Aussichten: Die Kuppel ist der Höhepunkt in Fosters Architekturspektakel

Foster brachte den Reichstag weg von der Ernsthaftigkeit und machte ihn zu einem Gebäude, in dem man gern nach oben strebt und den Ballast der Geschichte unten zurückläßt. Das alles in klarer, zeitgemäßer Architektursprache.

Leider gilt die Leichtigkeit nicht allen Bauteilen. In den unteren Etagen für Präsidium, Lobbys, Fraktionsäle und den Plenarsaal ist es selbst einem brillianten Architekten wie Foster schwer gefallen, das Alte kongenial mit Neuem zu verbinden. Alte Sandsteinwände und neue Marmorböden vereinigen sich statt dessen unter dem Prädikat staatstragend. Man wird hier mehr schreiten als im Bonner Bundestag, der eher beschwingte. Die neuen Treppen, Galerien, Türen oder Fenster passen sich an. Ordnung und Akkuratesse in den Nichtfarben unterkühlter technischer Ingenieursromantik sind dem Architekten Foster wichtige Tugenden. Aber manchmal wird das Maß der Erträglichkeit überschritten. In den nur von Oberlicht erhellten Gemeinschaftszellen, die Fraktionssitzungssäle heißen, würde selbst eine Einstandsparty zur Pflichtveranstaltung.

Mehr Licht! Der neue Plenarsaal mit altem Adler
AP

Mehr Licht! Der neue Plenarsaal mit altem Adler

Und das Herz, der Plenarsaal? Der zweite Versuch gelang schlechter als der erste. Der Berliner Plenarsaal ist eine endgültige Huldigung an den gläsernen Bundestag des Architekten Günter Behnisch, weil Bonn ein Spielbein ist und Berlin nur wie das Standbein wirkt: weniger licht, transparent und elegant. Das Ergebnis ist dennoch so, daß wir mit diesem Reichstag die nächsten 100 Jahre gut verbringen können - eine staatstragende Heimat für Deutsche mit hohem Freizeitwert. Die Parlamentarier werden sich an diese neue Popularität gewöhnen müssen.

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