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27.02.2002
 

Zeitgeist

Die Prada-Meinhof-Bande

In Filmen, Theaterstücken und Szene-Boutiquen feiert der RAF-Terrorismus der Siebziger eine Wiederkehr als Pop-Phänomen. Der bewaffnete Kampf wird zum Kult, RAF-Chef Andreas Baader zum coolen Fashion-Helden: Die Kinder der neuen Mitte proben den radikalen Chic.

RAF-Paar Baader, Ensslin im Frankfurter Kaufhausbrand-Prozess (1968): Abenteuer der Selbstanmaßung
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RAF-Paar Baader, Ensslin im Frankfurter Kaufhausbrand-Prozess (1968): Abenteuer der Selbstanmaßung

Das Böse ist immer und überall ­ diesen nüchternen Befund erhob der österreichische Philosoph Konrad Paul Liessmann auf den "Mainzer Tagen der Fernsehkritik" des ZDF, die sich vergangene Woche mit der "Macht der Bilder" nach den Terrorattacken des 11. September beschäftigten. Die "Achse des Bösen" (George W. Bush) ­ eine glatte Untertreibung also. Schlimmer noch: Das Böse, so der Denker aus Wien, sei weithin faszinierend, weil es jene tief verwurzelte Kierkegaardsche "Angstlust" auslöse ­ die Angst vor dem Abgrund und zugleich die geheime Lust, sich in ihn zu stürzen.

Dass das Böse, wenn es nur weit genug weg ist, aber auch total lustig und süß sein kann, hip, cool, echt geil und voll fett ­ das zeigt sich in der einstigen deutschen Hauptstadt des Bösen: in Berlin. Rund um den Hackeschen Markt blüht derzeit das Andenken an die "Rote Armee Fraktion" (RAF), die in den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts mit Bomben und Parolen, Schnellfeuerwaffen und kaum verständlichen Manifesten den Staat herausgefordert hatte.

In gut sortierten Berliner Boutiquen findet der autonome Schnäppchenjäger zum Beispiel eine ansprechende Militärjacke mit Patronentaschen schon für 65 Euro, die auch noch einen schönen Schriftzug aufweist: "Prada Meinhof". Das passende sexy T-Shirt ziert eine stilisierte Kalaschnikow, wogegen ein modischer Pullunder das ausdrucksstarke Motiv einer Handgranate trägt.

Passionierte Couch-Potatoes gönnen sich das abwaschbare Sofakissen mit der Aufschrift "Terror", und auch die Apokalypse-Fraktion kommt auf ihre Kosten: "The End" steht auf einem Kaschmirpullover für läppische 510 Euro.

RAF goes Pop. Die Historisierung des bewaffneten revolutionären Kampfs mündet in seine postmoderne Ästhetisierung. Politik wird zum Zitat, Leidenschaft zur Coolness, Klassenkampf zum Kult: Mörder werden Mode. Der Mythos vom Kampf der "sechs gegen sechzig Millionen" lebt. "Fetischisierung" und "Verdinglichung" wären die soziologischen Begriffe gewesen, mit denen die Revolutionäre von einst diesen bizarren "gesellschaftlichen Prozess" bezeichnet hätten, der sie nun zu Comicfiguren macht.

Im letzten Sommer bereits titelte die "Financial Times" in einem Artikel über "Red Army Fashion" und "Terrorist Chic": "The Baader-Meinhof gang has become cult in Germany." Die neudeutsche Zeitgeist-Illustrierte "Max" hatte da noch ganz unschuldig und maliziös gefragt: "Ist Terror cool?"

Doch die Antwort lag genauso im pseudomilitanten Wind des Zeitgeists wie die Fotostrecke der Düsseldorfer Zeitschrift "Tussi Deluxe", die unter massivem Modeleinsatz die guten alten RAF-Symbole zum ultra-angesagten Modedesign umdeutete: Porsche-Macho und RAF-Gründer Andreas Baader posierte in scharfen Woolworth-Pantoffeln, und Jan-Carl Raspe lungerte dekorativ vor einem schicken Mercedes, in dessen Kofferraum der entführte und später ermordete Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer lag.

Womöglich stand hier die dänische Modezeitschrift "Damernes Verden" Pate, die schon 1997 eine fiktive Farbreportage ­ "Die Mutter der Revolution" ­ über Ulrike Meinhof gedruckt hatte. Ein Foto zeigte einen konspirativen RAF-Treff im Café, dazu der Bildtext: "Eine Manifestation wird geplant, die klar herausstellen soll, dass es zu wenig Frieden in der Welt gibt. Ulrike trägt einen gelben Overall aus Baumwolle und Polyamid von Diesel für 1199 Kronen. Andreas eine gestreifte schwarze Strickjacke mit Polokragen von Martinique ..." Zum Stammheimer "Schauprozess" von 1975 heißt es: "Ulrike ruft mit schwacher Stimme: Es lebe die Revolution! Sie trägt ein grün-orange kariertes Hemd von Transit." Am Ende: "Sie nahm sich das Leben. Ihr blankes Diesel-Hemd in 100 Prozent Polyamid ist lila-gelb kariert."

Vielleicht werden die empfindsamen Modeexperten in wenigen Jahren auch den Terrorangriff auf das World Trade Center individualästhetisch rekonstruieren: Diesel "Osama" ­ das ultimative Hemd für Investmentbanker zwischen dem 70. und 90. Stockwerk.

Kein vergleichbar dümmlicher Zynismus, aber auch kein Zufall war es, dass einer der vier deutschen Wettbewerbsfilme zur Berlinale 2002, der im Frühsommer in die Kinos kommt, im aktuellen RAF-Retro-Trend lag: "Baader" von Christopher Roth, eine Bonnie-&-Clyde-Story zwischen Fiktion und Wirklichkeit, die in einer "unschlüssigen Halbdistanz, irgendwo zwischen Imitation und Fake, zwischen Tatsachentreue und Stilisierung" hin und her schwankt, wie Stefan Reinecke in der "taz" schrieb.

Und tatsächlich, eine Art "Bleierne Zeit", Titel eines programmatischen Films von Margarethe von Trotta über die Ensslin-Schwestern aus dem Jahr 1981, legt sich hier eher über die Zuschauer des braven zweistündigen Werks: Selbst RAF-Ikone, Turbo-Guerrilla und Frauenheld Andreas ­ "Das ist Fotzenlogik!" ­ wirkt hier wie eine Mischung aus depressivem Aldi-Filialleiter mit Schnauzer und Hitradio-FFH-Moderator für die Morgenschiene zwischen sechs und neun.

  • 1. Teil: Die Prada-Meinhof-Bande
  • 2. Teil

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