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Zeitgeist Die Prada-Meinhof-Bande

2. Teil

RAF-inspirierte Website: Wunderbare Freiheit

RAF-inspirierte Website: Wunderbare Freiheit

Nach der Hausbesetzer-Klamotte "Was tun, wenn's brennt?" mit Til Schweiger, nach dem RAF-Roadmovie "Die innere Sicherheit" von Christian Petzold, nach Andres Veiels eindrucksvollem Doku-Drama "Black Box BRD", Gerd Conradts Dokumentarfilm über Holger Meins ("Starbuck"), Heinrich Breloers "Todesspiel" und Volker Schlöndorffs poetischer Stasi-RAF-Novelle "Die Stille nach dem Schuss" ist "Baader" ein weiterer Versuch, den eigenartigen Geist einer Epoche einzufangen, die zur jüngsten Zeitgeschichte gehört und doch so fern, fremd und surreal scheint wie die Schlacht um Verdun 1916.

Natürlich will auch das Theater dabei sein beim rasenden RAF-Revival-Festival: Ein Stück namens "Stammheim Proben" erlebte gerade seine umstrittene Berliner Uraufführung in den "Sophiensælen" ­ "Die Stille nach dem Stuss", urteilte ein Kritiker sarkastisch ­, nur wenige Tage bevor eine Szenenfolge unter dem Titel "Stunde Null ­ das neue Berlin" Ende dieser Woche in der Treptower "Arena" das Licht der Welt erblickt.

Darin vertont im grandiosen Finale "Versöhnung und Apotheose" Andreas Baader ein Jugendgedicht von Josef Stalin ­ natürlich mit Unterstützung eines Gospelchors der amerikanischen Streitkräfte.

Bei derart grenzenloser Witzischkeit verwundert es nicht, dass der vierte Akt unter dem subversiven, nachgerade Schlingensief-verdächtigen Motto steht: "Endlich ein Teil der Maschine. Ein Requiem von Andreas Baader".

Conferencier des volkstümlich-multimedialen Abends mit "absurder Komik" (Eigenwerbung) ist der Schauspieler Ben Becker, der schon als Franz Biberkopf in "Berlin Alexanderplatz" aufdringliche Coolness mit Hang zum proletarischen Lokalkolorit bewies.

Wie um die Ernsthaftigkeit dieser Renaissance tiefdeutschen Humors zu unterstreichen, hatte sich der Autor und Regisseur des urkomischen Mega-Projekts, Joachim Peter, Jahrgang 1966, beizeiten an FDP-Chef Guido Westerwelle gewandt, um ihn als "Berater und Sponsor für die Gründung einer reformierten RAF" zu gewinnen, die doch "im Ganzen eine junge, sympathische Truppe im Stil der Zeit" sei.

Die Nähe zur FDP belegten unter anderem die erfreuliche "Anpassungsfähigkeit an schnell wechselnde Wohn- und Arbeitsplätze, die Mobilität der Baader-Meinhof-Gruppe im Allgemeinen", die "schlanke Betriebsführung" und "verfrühte Globalisierung".

Die popästhetische Renaissance der RAF ist offenkundig ein Reflex auf die große gesellschaftliche Leere nach dem Bankrott der geschichtsoptimistischen Utopien und Visionen. Obwohl das "Ende der Geschichte", wie Francis Fukuyama dekretiert hatte, keinesfalls eingetreten ist, fehlt doch die einstige Überzeugung der "Stadtguerrilla", dass Geschichte zu "machen" sei, dass gesellschaftlicher Fortschritt und die Befreiung der Menschheit von allen Übeln in eins fallen ­ dass "die Geschichte" genau diesen Sinn habe.

Der postmodern skeptische Pragmatismus mit Markenbewusstsein und Mallorca-Urlaub hat solche Transzendenz längst verloren. Er ist auf sich selbst zurückgeworfen, auf die neue alte Mitte der Zivilgesellschaft, die ihre Probleme im normalen, alltäglichen, überwiegend unspektakulären Streit zu lösen hat.

Deshalb sucht die geschichtslose "Generation Golf", die mit "Wetten, dass ...?" und Loriots Gummi-Ente in der Badewanne aufgewachsen ist, heute ihre eigene Abenteuerlust, die wunderbare Freiheit zur ­ wenn's sein muss ­ bösen Tat auch schon mal im Wahn der alten RAF-Kader, revolutionäre Subjekte zu sein: Täter mit klarem Weltbild.

Eine Art emotionale "Starkstromleitung" führt, wie die Zürcher "Weltwoche" formulierte, von den wirklichen Ereignissen zu ihrer historistischen Kolportage, bei der es eben nicht um historisch-kritische Reflexion oder irgendeine politische Wahrheit geht, sondern um Erlebniswerte und Gefühlsintensität.

Das gilt inzwischen für den Holocaust und Hitler ebenso wie für 1968 und den Terrorismus, Stichwort "Deutscher Herbst": Geschichte wird zu "History". Prof. Dr. Guido Knopp serviert in Endlosserie.

Dem Patchwork der Emotionen entspricht der eklektische Zeichenwirrwarr: vom T-Shirt bis zur Bühnenshow. Selbst in Christopher Roths "Baader" folgen die Dialoge ­ soweit sie nicht aus Stefan Austs Standardwerk "Der Baader Meinhof Komplex" abgekupfert sind ­ meist dem reinen Dada-Prinzip, bei dem auch geübte Hermeneutiker ins Grübeln geraten. Es stimmt zwar, was Daniel Cohn-Bendit seinen von der unsäglichen Sprache irritierten Söhnen erklärte ("Aber so war der Umgangston damals"), doch ein Spielfilm darf die Charaktere eben nicht zu Sprechpuppen degradieren, die in nachgebauten historischen Kulissen isolierte Textfragmente ausstoßen ­ Zitate von Zitaten, die eher als Recycling-Material für Videoinstallationen brauchbar sind.

Ulrike Meinhofs berühmte Baader-Apotheose, die schon Anklänge an Leni Riefenstahls "Triumph des Willens" aufwies ­ "So ist Andreas der Guerrilla, von dem Ché sagt, dass er die Gruppe ist" ­, kann ohne den komplizierten historischen Kontext von Generationenkampf, nachgeholtem Antifaschismus und totalitärer Apokalypsefixierung gar nicht verstanden werden.

Das aber ist das Kennzeichen der assoziativ-zeichenhaften RAF-Mythisierung: Selbst authentische Sätze klingen nach Plastik, politischer Horror nur noch hübsch verrückt und wahrhafter Führerkult nach Robin Hood ­ alles ist nur der Kick für'n Augenblick.

"Ich weiß gar nicht, ob die RAF eine politische Gruppe war", resümierte Astrid Proll, einst selbst RAF-Mitglied. "Sie war eher so etwas wie die Selbstanmaßung einer ganzen Generation."

Es ist exakt dieses kollektive Abenteuer der frechen Selbstanmaßung, die Andreas Baader bis hin zum Märtyrertod auslebte, das bis heute, in wellenförmigen Erregungskurven, die unheimliche Faszination der RAF ausmacht.

Das Böse ist, anders als der Philosoph glaubt, eben keineswegs bloß immer und überall. Manchmal ist es sogar ein kostbares Gut.

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