Von Helmut Sorge
Hollywood hat derzeit nur eines im Sinn - it's "Oscar time". Allein zwei Gentlemen, Partner des weltweiten PricewaterhouseCoopers-Steuerberatungs- und Buchhaltungskonzerns, wissen schon am Freitag vor der Oscar-Show, ob nun Halle Berry Mutter, Ehemann, dem lieben Gott und dem Zufall für die Ehrung danken muss, oder die Kollegin Sissy Spacek ihre Tränen aus den Augen oder den "Oscar" an den Busen drückt.
Greg Garrison, einer der zwei Gentlemen, hat die Auszählung der Stimmzettel seit nunmehr sieben Jahren unter Kontrolle. Er schweigt. Selbstredend, denn die Ungewissheit selbst ist das Drama, der "Hype", der die Einschaltquoten in die Höhe treibt, den Kartenverkauf an den Kinokassen und das Anzeigengeschäft der Fachblätter "Hollywood Reporter" und "Variety". Die Oscar-Sieger bleiben freilich nur ein Geheimnis für Erdverbundene. Die Geister, die Engel, irgendwo im Universum, haben ihren irdischen Stellvertretern die Namen der Geehrten längst anvertraut: Die Psychics, die Wahrsager von Hollywood, blättern in ihren Tarot-Karten, blicken verklärt in ihre Glaskugeln oder auf Kristalle und empfangen, gleich menschlicher Radar-Stationen, die Strömungen von irgendwo, die die Wahrheit enthalten, die Konturen der Zukunft, die Namen der Oscar-Gewinner.
Der "Bodhi Tree Bookstore" an Hollywoods Melrose Avenue ist einer der bekanntesten Esoterik-Läden der Stadt. Hier gibt es New Age Literatur, durch die Hollywood-Stars wie Goldie Hawn oder ihr Lebenspartner Kurt Russell blättern, Buddhismus, Telepathie, Hypnose, Tranceübungen, Hexenkunst, Aurasoma, Yoga, Heilsteine, Räucherstäbchen. Werbung für "Rebirthing" oder "Sacred touch Meditation", für die "Kanalisierung des göttlichen Lichtes" oder für eine Prophetin, die angeblich mit dem Erzengel Gabriel kooperiert - warum auch nicht? "Brainwave Session" erwünscht? Kein Problem. "Metaphysical Chiropractice", ein "Kursus der Wunder", ebenfalls im Angebot, wie auch "Past Life Therapy". Und wenn das die Seelenlage auch noch nicht in die Waagerechte bringt, bleibt immer noch das "Trommeln für Heilung", wohl nach dem Motto: Wer das aushält, muss gesund sein.
Auch Michael hat seinen Arbeitsplatz in diesem, von allen schönen Geistern befallenen "Bodhi Tree". Michael ist weiß gekleidet und trägt einen großen Bergkristall als Anhänger um den Hals, fünf Silberringe stecken an seinen Fingern, das blonde Haar hat er zu einem Zopf zusammengebunden. Ein Psychic, zu dessen treuen Gefolgsleuten auch Hollywood-Stars zählen. Calista Flockhart etwa, Courtney Love oder Milla Jovovich. Oder vielleicht einer der Oscar-Nominierten? Michael schweigt. Der ehemalige Massagetherapeut aus dem konservativen Kartoffelstaat Idaho blickt in die Unendlichkeit, lässt die Signale über sich ergehen und dann hat er einen Namen erfasst: Denzel Washington. Oscar-Gewinner? "Vielleicht", "womöglich", "Ja, der könnte es werden".
Michael ist ausgebucht. Er führt eine Warteliste wie viele andere Hellseher in der Stadt: Am Sunset, in Malibu, an der Melrose Avenue, überall flackern die Neon-Lichter im Herzschlag-Rhythmus: "Psychics", "Reader", "Clairvoyant". Die Zukunft, hier und jetzt. Omas Erbschaft? Die Frau hat einen Lover? Antworten für fünf Dollar oder 100. Das Leben vorgezeichnet im Kartenspiel. Keine Psychologen-Couch mehr, kein qualvolles Gespräch mit dem eigenen Ich. Statt Couch Kristall. Was Leo Tolstoi vor 150 Jahren in seinen Tagebüchern notierte, dass nämlich so manchen Menschen das künftige Leben mehr interessiert als das gegenwärtige, ist in Hollywood wahrer denn je: mehr Psychics als Schönheitschirurgen. Nicht über Nasenkorrekturen, Brustvergrößerungen und Fettabsaugen tratschen die von ihren Falten längst befreiten Ladys der Beverly-Hills-Society, sondern über ihren Wahrsager oder Astrologen, den vielleicht schon Nancy Reagan zu Amtszeiten ihres tüddeligen Ronald konsultierte.
Längst reicht der Psychologe allein nicht mehr aus - Psychics und "Shrinks", so die etwas abfällige Bezeichnung für die Psycho-Dokotoren, abgeleitet vom Kopfschrumpfen ("to shrink Heads"), sind in einem pas des deux der Seele verbunden. Die Engel werden angerufen, die Toten über irdische Medien konsultiert. John Edward, ein ehemaliger Tanzlehrer, ist mit seiner TV-Sendung "Crossing Over" zu einem Quoten-Phänomen geworden, so populär ist er bei den Ratlosen, dass jetzt sogar eine Seifenoper mit ihm in Planung ist.
Edward, der Eintänzer, der Bücher mit tiefschürfenden Titeln wie "Was wäre, wenn Gott die Sonne ist" verfasst, lässt in "Crossing Over" längst Verblichene wieder auferstehen - allerdings vorerst nur verbal. Er kontaktiert die Toten im Jenseits und seine Fans schluchzen über die Botschaften, die aus Himmel oder Hölle zumindest das Ohr von Edward erreichen. Im Trend war eine Zeit lang auch Miss Cleo, die den Kabel-TV-Zuschauern, für 4,99 Dollar pro Minute die Zukunft versprach und inzwischen von einer bescheidenen Wohnung auf eine Ranch umziehen konnte - 300 Millionen Dollar Jahresumsatz machen's möglich. Ein Problem hat Cleo, die eigentlich Youree Dell Harris heißt, jedoch nicht vorhergesehen: Die Justiz ermittelt gegen sie, weil sie nicht nur höchst persönlich die Zukunft deutet, sondern ihre Prognosen gerne auch mal angeblich ebenso hellseherischen Telefonistinnen überlässt.
Irdische Helfer mit Kontakten zur Unter- oder Oberwelt sind derzeit allerorts zu finden: Online-Psychics bieten ihre Weisheiten für 1,99 Dollar pro Minute an, die Cyber Psychics, die mit der irdischen Angelina auf der Fairfax Avenue konkurrieren, mit Rose, dem Psychic Spiritualist am Pico, mit Sister Lina an der Normandie Avenue oder mit dem "Gypsi Tea Room" an der San Vincente. Tracy ist Wahrsagerin im "Tea Room". Wie Papa, ein Inder, und wie Mama, eine Kanadierin. Für 30 Dollar sagt die Zigeunerin, wie's morgen sein wird. Sie selbst hat ihre Zukunft auch schon entdeckt: Die Hellseherin will Physiotherapeutin werden. Vorerst sitzt sie aber tagtäglich hinter dem Glastisch, auf dem ihr Handwerkszeug liegt: Tarotkarten und eine von Cola-Dosen und Kartoffelchips umringte Kristallkugel.
Das dunkle Haar der Wahrsagerin ist mit roten Spangen zusammengehalten, die zu den Tönen der Räumlichkeiten passen: dunkelrote Samtvorhänge, ein kleines Sofa, zwei Stühle, mit Leoparden-gefleckten Kissen belegt. Ihre Wimpern sind ebenso aufgeklebt wie die knapp drei Zentimeter langen Acrylfingernägel, mit denen sie die Karten über den Tisch schiebt. Sie bleibt dabei so unverbindlich wie Tante Frieda, wenn sie im Kaffeesatz rührt. Selten wagen die Zukunftsdeuter so klare Prognosen wie jener obdachlose Psychic, der der Reporterin Laurie Kerrigan (Angelina Jolie) im Hollywood-Film "Life or something like it" (US-Premiere im April) erklärt, sie werde in einigen Tagen sterben. Was tun? Sie versucht ihr Leben, ihre Werte zu korrigieren. Das weltliche Dasein im Konkurrenzkampf mit der Ewigkeit.
Manche ihrer Kollegen, weiß Suzannah Galland, werden von ihrer Klientel als "moralische Aufrüster" zweckentfremdet: Sie wollen Zuspruch und Hoffnung. Die ehemalige MTV-Mitarbeiterin und TV-Produzentin, die schon als Kind im heimatlichen London die Fähigkeit spürte, "Botschaften zu empfangen und zu deuten", vermarktet sich nicht als Psychic sondern als "Metaphysical Counselor". In ihrem im mexikanischem Stil gebauten Haus unweit des Sunset plätschert ein Springbrunnen, ist der Vorplatz mit bunten Keramikkacheln ausgelegt. Weder Kristallkugeln noch schwarze Katzen gibt es in der Wohnung dieser Wahrsagerin. Eine Buddhafigur, mehr nicht. Eine von ihr geschrieben und besprochene CD, "Quest For An Angel" liegt auf dem Sofatisch. Suzannah Galland, urteilte unlängst das Society-Magazin "Details", ist "eine der zehn wichtigsten Dinge, die man haben sollte, wenn man in L.A. lebt."
Sie ist ein bisschen Betschwester, ein wenig Psychologin. Sie kann "Gedanken lesen", in das "Hirn eindringen" und aussortieren, was aus der Vergangenheit, dem letzten Leben, festsitzt und belastet - die telefonische Vergangenheitsbewältigung lässt sie sich mit 200 Dollar pro Stunde honorieren. Madame Galland ist gleichwohl oft ausgebucht. Diskret huschen Hollywood-Schöne in ihre Bleibe. Sie serviert Tee, hört zu und interpretiert. Sie glaubt, "einen sechsten Sinn" zu haben, aber wie das alles funktioniert, mit dem Sinn, den Stimmen aus dem Irgendwo, kann sie wissenschaftlich nicht deuten: "Das ist weder logisch noch einfach zu erklären."
Dennoch: Nicht nur das FBI setze Pychics ein, wenn den Fahndern Spuren und Phantasien ausgehen, sondern, da ist Madame sicher, auch das Pentagon: So genannte "remote Viewers" hätten sich in der Vergangenheit auf sowjetische Stützpunkte "eingedacht" und den Generälen den Abschuss von Raketen gemeldet, bevor noch die Spionagesatelliten der National Security Agency (NSA) Alarm schlugen. Wenn schon die Militärs den Psychics trauen, argumentiert Suzannah Galland, dann sollte man "an unserer Seriosität und Fähigkeit überhaupt nicht zweifeln."
In Hollywood sind Skeptiker aber ohnehin in der Minderheit. Schöne Menschen, die im Trend bleiben wollen, müssen im Yoga von irdischen Banalitäten ablassen, mit den Engeln Zwiegespräche führen und die Niederschläge des Lebens mit dem tröstlichen Gedanken hinnehmen, dass zumindest unser Bewusstsein den Tod überlebt. Der greise Papst in Rom symbolisiert im "New Age" die Vergangenheit, der Dalai Lama und seine Apostel hingegen das Licht und die Weisheit der Ewigkeit. Das passt in diese Filmstadt, die Metropole der geschändeten Seelen, unendlichen Illusionen und geknickten Egos. Wer kann den Hunderttausenden von verunsicherten Darstellern, Autoren, Regisseuren besser den Weg in eine hoffnungsvollere Zukunft weisen als die Psychics, von denen manche ihre Antworten aus Grimms Märchen beziehen. Doch Hollywood duldet Menschen, so Suzannah Galland, die "slightly wacky" sind, leicht verrückt.

Ex-Präsident Reagan: Fliegende Untertassen gesichtet
Reagan, ehedem ein Hollywood-Star, sprach aus persönlicher Erfahrung. Bevor er zum Gouverneur von Kalifornien gewählt wurde, beobachtete er angeblich zusammen mit Frau Nancy fliegende Untertassen. Was ist, im Vergleich damit, schon eine Oscar-Wahl? Kinderei. Wie es in diesem Jahr in Hollywood aussehen wird, hat das im nördlichen Kalifornien verlegte Branchenblatt "Psychic Reader" schon im Januar verkündet: Tom Cruise bleibt durch einen weiteren Beziehungsskandal in den Schlagzeilen. Kollegin Julia Roberts übernimmt eine neue Hauptrolle - als Wahrsagerin. Das zumindest behaupten die Geister. Und die müssen es wissen.
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