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Zeitgeist Vier Jahre Rot-Grün - war da was?

Wenige Monate vor der Bundestagswahl stellen nicht nur Intellektuelle die Frage: Vier Jahre Rot-Grün ­ ja und? Merkwürdig blass und flüchtig erscheint die gesellschaftliche Bilanz der regierenden Ex-68er. War die Schröder-Ära nur eine Episode des Zeitgeists?

Wahlsieger Schröder (1998): Zarte Aufbruchsstimmung
DDP

Wahlsieger Schröder (1998): Zarte Aufbruchsstimmung

Ein Gespenst geht um in Deutschland: Kein anschwellender Bocksgesang à la Botho Strauß, kein Pim Fortuyn oder Le Pen, auch kein Haider oder Berlusconi ­ es ist der leise Abgesang auf Rot-Grün, das stille Schwinden einer kleinen Hoffnung, die Prophezeiung vom vorzeitigen Ende der Schröder-Ära.

Knapp vier Jahre nach dem triumphalen Sieg der Enkel Willy Brandts über den ewigen Kanzler Helmut Kohl machen sich ­ von links bis rechts ­ Unzufriedenheit und Enttäuschung, Ärger und Griesgrämigkeit, Überdruss und Ratlosigkeit breit. Auf Hochzeiten und Theaterpremieren, in Wohnküchen und Debattierzirkeln wird geraunt, gestaunt und spekuliert. Kann das wahr sein: Stoiber ante portas? Die zarte Aufbruchstimmung von 1998 jedenfalls ist restlos verflogen. Schröders Versprechen, den Reformstau zu lösen, frischen Wind ins Land zu bringen und eine neue gesellschaftliche Dynamik zu entfalten, scheint in den Augen vieler Wähler gebrochen ­ vor allem in der Wirtschafts- und Sozialpolitik.

Nun sind "Verkrustung", "Stillstand" und "Schlusslicht" die Kampfparolen des politischen Gegners, und Kanzlerkandidat Edmund Stoiber, vom rechten Stotter- Ede zum milden Mann der Mitte gereift, schlüpft in die Rolle des flachgelutschten, chancenreichen Herausforderers ­ so wie weiland Gerhard Schröder. Verkehrte Welt.

Noch ist die Bundestagswahl vom 22. September nicht entschieden, doch die Stimmung ist schlecht in der neuen Mitte. Und Stimmungen, das lehrt die Erfahrung in der Mediendemokratie, sind Wechsel auf die Zukunft, so unsicher sie sein mögen. Gerade intellektuelle Sympathisanten jener Regierung, in der die Kohorte der Alt-68er dominiert, sind enttäuscht vom mangelnden Mut ihrer Alters- und Kampfgenossen am Kabinettstisch.

Sie vermissen, was vor bald vier Jahren der Historiker und Publizist Gerd Koenen noch tapfer erhoffte: so etwas wie "soziale Phantasie", um aus den "geistig-moralischen Schrebergärten" auszubrechen ­ jene Mischung aus Wirklichkeitssinn und Ideenreichtum, die Politik erst von der reinen Verwaltung des Status quo und seiner ideologischen Legitimation unterscheidet.

Dabei beklagen sie ja nicht vorrangig einen "Verrat" vermeintlich linker Ideale, sondern, eher im Gegenteil, das Scheitern gegenüber den dringenden Forderungen der Realität; galt doch im Herbst 1998 endlich, was der Autor Friedrich Dieckmann schon nach dem Fall der Mauer ausgesprochen hatte: "Die Stunde des Realismus hat geschlagen" ­ denn die Wirklichkeit selbst habe "utopischen Charakter angenommen".

Wer zum Beispiel hätte je geglaubt, dass die alten Erzfeinde USA und Russland jemals Hand in Hand arbeiten würden ­ wie nach dem 11. September geschehen? Doch siehe, die notorisch schwierige Wirklichkeit hat sich wieder einmal durchgesetzt.

Schröder mit Franz Beckenbauer beim Fußballspiel in Kabul: Jovial-lockere Auftritte
DPA

Schröder mit Franz Beckenbauer beim Fußballspiel in Kabul: Jovial-lockere Auftritte

Mag also sein, dass am Ende der große Desillusionskünstler Hans Magnus Enzensberger Recht behält. Fast seherisch, dafür staubtrocken und etwas kokett äußerte er im Herbst 1998 seine Erwartungen an Schröders "Berliner Republik": "Symbolisch-stilistische Akzentverschiebungen", einen "Schuss Blair-Imitation" und elegante Medien-Inszenierungen.

Vielleicht entsprangen höhere Erwartungen ja auch nur einem großen Missverständnis, und Schröders Wahlsieg war bloß ein Versehen der Geschichte, ein Zufallsprodukt der Wählerarithmetik.

Als Rot-Grün gewann und die große Staatsbühne betrat, war das einst ideologisch aufgeladene "Projekt" politisch eigentlich schon abgeschrieben. Der glückliche Wahlsieg schuf, wie die Autoren Franz Walter und Tobias Dürr in ihrem Buch über "Die Heimatlosigkeit der Macht" bemerkten, nicht die "belastbare, lebensweltlich oder weltanschaulich geerdete Loyalität" einer kohärenten Großgruppe.

Die Wähler wollten vor allem Kohl weghaben, und die Sieger waren selbst ein bisschen überrascht von der Wucht des Ereignisses. "Akute Erfolgserschrockenheit" diagnostizierte Enzensberger damals nicht zu Unrecht. Vier Jahre später fragen nicht nur intellektuelle Mittelständler, Aufsteiger und Arbeitslose: War da was? Und was war es eigentlich? Rot-Grün ­ doch nur eine Episode des Zeitgeists? Adieu, Generation Gerd?

Tatsächlich erscheint die politisch-kulturelle Bilanz der vergangenen Jahre merkwürdig blass, schal und flüchtig ­ trotz des ungeheuerlichen, historischen Einschnitts vom 11. September 2001, auf den Schröder und Fischer durchaus souverän reagierten, trotz einiger wichtiger Reformen, trotz aller Bemühungen, in einer Welt der Globalisierung, Kriege und Katastrophen Zeichen der Vernunft zu setzen.

Und mit Recht könnte man sagen: Deutschland ist das Reich der Mitte geblieben, eine extrem wohlhabende, friedliche, demokratisch stabile Insel des Konsenses in einer gewalttätigen, von Armut, Elend und Fanatismus zerrissenen Welt ­ nach wie vor die stärkste Volkswirtschaft Europas.

Mehr noch: Wie so oft zwischen Rhein und Elbe ist die Lage besser als die Stimmung und die Leistungsbilanz der Regierung nicht so schlecht, wie sie gegenwärtig im diffusen, medial verbreiteten Dämmerlicht allgemeiner Missstimmung erscheint.

Ohne klare Identität, ohne Vision fällt die Begeisterung schwer ­ und auch der Feind ist nicht mehr, was er früher war.

Gut möglich, dass der Regierung Schröder/Fischer gerade ihre eigentliche Leistung zu schaffen macht: Sie hat die Revolte von 1968, die radikale Infragestellung der deutschen Nachkriegsrepublik, endgültig historisiert und dabei mit dem Weltbild der Linken, zu dem neben militantem Pazifismus und habituellem Antiamerikanismus ein ausgeprägtes Lagerdenken gehörte, nachhaltig gebrochen; eine Art verspäteter Ratifikation dessen, was sich im Laufe der neunziger Jahre in der Gesellschaft weithin schon vollzogen hatte. Die tumultuöse Fischer-Affäre zu Beginn des vergangenen Jahres, die noch einmal die alten Lagerreflexe mobilisierte, war nur noch die Farce zum demokratischen Drama der Entdramatisierung. Denn die für manch einen bittere Erkenntnis, hier von dem Berliner Publizisten Richard Herzinger ausgesprochen, lautet: "Offene Gesellschaften müssen ohne substanzielle Mitte, ohne eindeutig definierbaren ethnischen, moralischen, kulturellen oder religiösen Identitätskern auskommen."

Auch Schröders doppelte Beschwörungsformel von der neuen Mitte habe weniger identitätsstiftend als "identitätsauflösend" gewirkt, und die glitzernden, aber ortlosen Mythen des Berliner Metropolen-Fluidums hätten die allgemeine Desillusionierung eher noch verstärkt. Allenfalls die künstliche Faszination der wechselnden Medienhypes könne, Stichwort: Intensität, zum gefühlten Utopieersatz werden: "Von den Visionen ist im Wesentlichen nur die Erregung zurückgeblieben, die sich nun gleichsam ziellos Wege der Energieabfuhr sucht."

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