Herr Oz, Sie nannten sich mal einen Rebellen aus der Wüste. Nach der Lektüre Ihres jüngsten Buches "Allein das Meer" hat man den Eindruck, Sie seien ein enttäuschter, frustrierter Mann. Was ist los mit Ihnen?
Oz: Dieses Buch wurde weder von einem frustrierten, noch von einem glücklichen oder fröhlichen Menschen geschrieben, sondern von einem friedvollen. Dieser Roman ist Resultat eines metapolitischen Friedensprozesses mit mir selbst und zwischen den Charakteren. Es geht um die großen, geheimnisvollen und elementaren Dinge Liebe, Verlust, Einsamkeit, Begehren, Enttäuschung, Tod und Trost.
SPIEGEL ONLINE: Wie kommen Sie in einer Zeit palästinensischer Selbsttötungsattentate und israelischer Besatzungspolitik dazu, einen Friedensroman vorzulegen?
Oz: Dieser Roman ist weit entfernt vom Israelbild des ZDF oder von CNN. Die ausländischen Medien kreieren ein fiktives Image, weil sie einen marginalen Aspekt des israelischen Lebens ins Zentrum stellen. Wenn ich Israel durch die Brille deutscher Medien kennen lerne, muss ich den Eindruck gewinnen, dass 70 Prozent der Bevölkerung Soldaten sind, 29 Prozent verrückte, fanatische Siedler in der Westbank und ein Prozent wunderbare Intellektuelle, die sich für den Frieden einsetzen. 70 Prozent der israelischen Juden leben jedoch ein ganz normales Leben an der Küste: Sie wollen befördert werden, sie machen sich Sorgen wegen ihres überzogenen Kontos, sie denken darüber nach, ein neues Auto zu kaufen, und manchmal begehren sie die Frau ihres Nachbarn.
SPIEGEL ONLINE: Warum ist Ihnen diese Normalität so wichtig?
Scharon und Arafat: "Siamesische Zwilinge"
SPIEGEL ONLINE: Sie greifen die Politik israelischer Regierungen immer wieder scharf an. Da verwundert es, dass Sie sich im Roman aufs Private zurückziehen.
Oz: Ich ziehe eine ganz klare Linie zwischen meinen Geschichten und Romanen und meinem politischen Engagement. Wenn mir danach ist, meine wundervolle Regierung zur Hölle zu wünschen, schreibe ich keinen Roman, sondern einen wütenden Artikel in der Abendzeitung. Die Politiker können ihn lesen, doch aus irgendeinem Grund folgen sie meinem Rat nicht.
SPIEGEL ONLINE: Einige Spitzenpolitiker schätzen ihn aber.
Oz: Sie hören zu - und machen dann doch, was sie wollen. Sie fragen: 'Was haben wir falsch gemacht? Und was müssen wir tun?' Dann werden sie deine Antworten bewundern, um sie anschließend komplett zu ignorieren. Mit der Regierung Scharon stehe ich erst gar nicht in Kontakt.
SPIEGEL ONLINE: Waren Sie wenigstens mit einem Ratschlag erfolgreich?
Oz: Ich befürwortete ein Zweistaatenmodell Israel und Palästina, lange bevor irgendein israelischer Regierungschef auch nur an Verhandlungen mit der PLO dachte. Es lässt sich aber nicht sagen, ob ich zur Anerkennung der PLO 1992 und zum Oslo-Prozess beigetragen habe. Wenn ein Politiker seine Meinung ändert, sagt er nicht: 'Vielen Dank, dass du meine Meinung geändert hast.' Vielmehr sagt er: 'Das habe ich doch schon immer gesagt, ich wurde nur missverstanden'.
SPIEGEL ONLINE: Sie leben im Negev. Sehen Sie sich in der Tradition der Propheten, die aus der Wüste rufen und den Mächtigen ins Gewissen reden?
Oz: Überhaupt nicht. Die Propheten sind großartige Leute. Das bin ich nicht. Ich zog vor etwa 20 Jahren in die Wüste, weil mein Sohn unter Asthma litt.
SPIEGEL ONLINE: Die Figuren in Ihrem Roman sind auch keine großartigen Menschen. Warum interessieren Sie sich trotzdem für sie?
Oz: Weil sie Wärme füreinander entwickeln und sich lieben. Der Vater und sein Sohn etwa, die um dasselbe Mädchen buhlen; sie könnten Feinde sein, sind es aber nicht. Auf geheimnisvolle Weise finden die Charaktere zueinander, der trauernde Vater, der Sohn, der auf einem Selbstfindungstrip ist, die schnittige junge Frau, eine gealterte Steuersachbearbeiterin, ein zweitklassiger Filmemacher. Das ist verdammt viel.
SPIEGEL ONLINE: Wie muss ein Mensch beschaffen sein, damit er nicht zu des anderen Wolf wird?
Oz: Er darf sich nicht vereinnahmen lassen. Ich glaube, jeder von uns ist eine Halbinsel: Teils verbunden mit dem Festland - Familie, Kultur, Sprache, Gesellschaft, Politik und Wirtschaft, teils den Elementen ausgesetzt - Tod, Isolation, Schicksal, das Unbekannte. Politiker aber wollen uns einreden, wir seien geschlossene Einheiten, Moleküle einer Nation oder einer Ideologie - eine scheußliche Vorstellung.
SPIEGEL ONLINE: Statt einer abgeschlossenen, determinierten Entität sollte der Mensch also ein offenes System sein?
Oz: Im Reaganismus, Thatcherismus, Kapitalismus wird der Mensch darauf reduziert, den Rest der Menschheit als Feind, zumindest als Konkurrenten zu betrachten - oder als Kunden. Jeder braucht aber Menschen, die einem so nahe sind wie die eigenen Finger.
SPIEGEL ONLINE: Ihren Protagonisten Albert und seinem Sohn Rico fehlt ein ganz wichtiger Finger. Albert hat die Frau und Rico die Mutter verloren.
Oz: Nadia ist zwar tot, doch immer noch gegenwärtig, sie mischt im Beziehungsgeflecht kräftig mit. Das heißt, der Tod ist nicht das Ende der Welt. Und weil es keine klare Trennlinie zwischen Tod und Leben gibt, radiere ich mit diesem Roman auch die Grenzlinie zwischen Prosa und Poesie, zwischen Literatur und Musik, zwischen Tragödie und Komödie aus.
SPIEGEL ONLINE: Ihre eigene Mutter beging Selbstmord, als Sie zwölfeinhalb waren. Welche Rolle spielt sie heute in Ihrem Leben, 50 Jahre nach ihrem Tod?
Oz: Jeder von uns trägt seine tote Mutter oder seinen toten Vater in seinem Inneren. Wir gehen in der Welt schwanger mit unseren Eltern. Das ist eine Last und gleichzeitig ein Segen. Manchmal sind sie sehr hilfreich, manchmal schickst du sie schlafen. Wenn sie dich dominieren, ist es eine Katastrophe.
SPIEGEL ONLINE: Haben Sie Ihre toten Eltern unter Kontrolle?
Oz: Die Art des Todes meiner Mutter und dessen Zeitpunkt machen ihren Verlust für mich besonders schwer. Doch sobald ich an einem Buch schreibe, kontrolliere ich sie. Daher ist Schreiben für mich eine Freiheitserfahrung. Auf dieses Buch bin ich besonders stolz, denn ich fühle mich, als ob eine Kuh eine Möwe geboren hätte.
SPIEGEL ONLINE: Wie kam es zu dieser Geburt?
Oz: Ich hatte zunächst vor, einen gewöhnlichen Roman zu schreiben. Am Ende eines jeden Tages machte ich mir Notizen, wie es weitergehen sollte. Um nicht einzuschlafen, schrieb ich diese Notizen in Versen und manchmal sogar in Reimen nieder. Nach einer Weile bemerkte ich, dass die Geschichte auf diese Weise geschrieben werden wollte. Sie wollte singen und tanzen. Ich glaube, ein unterdrückter Musiker, der möglicherweise in mir schlummert, hat sich an mir gerächt.
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