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Amos Oz über die Europäer "Amerika ist der Teufel und Israel Rosemaries Baby"

2. Teil: Lesen Sie im zweiten Teil des Interviews mit Amos Oz, warum er die symbiotische Beziehung von Arafat und Scharon für ein Verhängnis hält. Lesen Sie, warum er den Europäern eine antiisraelische Haltung vorwirft und was er den USA rät

Radikale Siedler protestieren gegen Palästinenser: Oz, den Rechten ein Verräter
DPA

Radikale Siedler protestieren gegen Palästinenser: Oz, den Rechten ein Verräter

SPIEGEL ONLINE: Sie sagen, Sie hätten durch den Roman "Allein das Meer" Frieden mit sich selbst geschlossen. In Israel aber sitzen Sie weiter zwischen allen Stühlen: Der radikalen Linken sind Sie nicht radikal genug, für die Rechten sind Sie ein Verräter. Wie kann es in Palästina zur Versöhnung kommen?

Oz: Scharon und Arafat sind beide eine Katastrophe für ihre Völker. Sie sind wie siamesische Zwillinge: Beide brauchen einander, um an der Macht zu bleiben. Doch sie gehören der Vergangenheit an, weil sie nicht in der Lage sind, umzusetzen, was jeder einfache Bauer in Israel oder Palästina weiß: dass wir zwei Staaten brauchen. Beide müssen gehen, sonst wird sich nichts ändern.

SPIEGEL ONLINE: Seit Scharon das Sagen hat, hat sich doch einiges geändert: Seither tobt die zweite Intifada.

Oz: Scharon ist in Wahrheit Arafats Geschenk an das israelische und an das palästinensische Volk. Denn Scharon wurde nur deshalb gewählt, weil Arafat in Camp David zu keinem Kompromiss mit Ehud Barak bereit war. Die enttäuschten Hoffnungen führten zu einer Radikalisierung der Palästinenser.

SPIEGEL ONLINE: Welchen Weg sehen Sie, einen Frieden zu erreichen?

Camp David, Juli 2000: US-Präsident Bill Clinton (r.) versucht, Israels Ministerpräsident Ehud Barak und Palästinenserpräsident Jassir Arafat zusammenzubringen
REUTERS

Camp David, Juli 2000: US-Präsident Bill Clinton (r.) versucht, Israels Ministerpräsident Ehud Barak und Palästinenserpräsident Jassir Arafat zusammenzubringen

Oz: Ohne internationale Hilfe wird es nicht gehen. Leider sehe ich die weder in den USA, noch in Europa. Besonders irritieren mich die Meinungsbildner in Europa, die sich simplifizierend auf die Seite der Palästinenser schlagen. Gewöhnlich sind europäische Analysten sehr differenziert denkende Menschen. Doch im Nahostkonflikt malen sie schwarz-weiß. Da gibt es die Guten, die man liebt, und die Bösen, die man hasst. Beide Seiten brauchen jedoch Empathie und Verständnis.

SPIEGEL ONLINE: Wie kommen Sie zu dem Eindruck, dass die Europäer einseitig zugunsten der Palästinenser Partei ergreifen?

Oz: Oft höre ich von Deutschen, angesichts der Leiden sei es doch ganz normal, dass sich die Palästinenser wehren. Andererseits hätten die Juden in ihrer Geschichte bereits so viel Schreckliches erfahren, dass es man sich wundern müsse, wie sie nun so gewalttätig sein könnten. Das heißt: Solange die Palästinenser leiden, hat man Verständnis für ihre Gewaltakte, wenn sich aber Juden wehren, hat man keines. Außerdem heißt Opfer zu sein nicht unbedingt, das Recht auf seiner Seite zu haben. Es liegt ein sonderbarer Schatten auf den europäisch-israelischen Beziehungen.

SPIEGEL ONLINE: Wie erklären Sie sich das von Ihnen behauptete europäische Ressentiment gegenüber Israel? Sind die Europäer Antisemiten?

Oz: Nein. Es hat mit dem Verhältnis Europas zur Dritten Welt zu tun. Die Europäer sagen oft: Die Dritte Welt ist so arm, da fordern wir keine ethischen Grundsätze ein. Ich halte dies für eine fast rassistische Haltung. Denn kein Mensch verdient moralische Zugeständnisse, keiner eine ermäßigte Moral.

"Wir müssen Saddam lieben"
AP

"Wir müssen Saddam lieben"

SPIEGEL ONLINE: Sie meinen, die Europäer fühlen sich gegenüber den Palästinensern in der Schuld, weil ihnen die Dritte Welt ein schlechtes Gewissen macht?

Oz: Das Mitfühlen mit den armen und unterdrückten Staaten geht zudem einher mit Antiamerikanismus. Und wenn Amerika der Teufel ist, dann ist Israel Rosemaries Baby. Das schlechte Gewissen gegenüber der Dritten Welt paart sich auf sonderbare Weise mit einer verqueren Mythologie. Grob gesagt: Saddam ist ein guter Freund von Gaddafi, Gaddafi ist ein Liebling von Fidel, Fidel war der Bruder von Che, Che war Jesus, Jesus Liebe, und daher müssen wir Saddam lieben.

SPIEGEL ONLINE: Stimmen Sie der amerikanischen Politik zu, den Diktator Saddam Hussein stürzen zu wollen?

Oz: Ein Golfkrieg ist, anders als 1991, derzeit nicht zu rechtfertigen. Was wir bräuchten, ist ein Marshall-Plan. US-Präsident Harry S. Truman entschied, 25 Prozent der staatlichen Einnahmen ehemaligen Feinden zu geben.

"Die beste Investition, die eine Supermacht je machte": US-Verteidigungsminister George C. Marshall (l.) und Präsident Harry S. Truman
AP

"Die beste Investition, die eine Supermacht je machte": US-Verteidigungsminister George C. Marshall (l.) und Präsident Harry S. Truman

Es war die beste Investition, die eine Supermacht je getätigt hat. Dieses Mal wäre es auch an Europa, bei den Gebern zu sein. Den Finger zu heben wie eine alte viktorianische Gouvernante ist einfach, aber kontraproduktiv. Es genügt nicht, dass sich die Europäer moralisch überlegen fühlen und von den Höhen ihrer Zivilisation hinabschauen auf diese Wilden, die sich da unten bekriegen.

SPIEGEL ONLINE: Was sollte mit dem Geld geschehen?

Oz: Es geht darum, positive Exempel zu statuieren. Würde man die Milliarden Dollar, die der Golfkrieg kosten wird, ins benachbarte Jordanien pumpen, schüfe man ein prosperierendes arabisches Land, das relativ demokratisch wäre. Die Bewohner benachbarter Staaten würden vor Neid platzen. Wenn die Iraker aus dem Fenster schauten, jagten sie Saddam davon. Es ist auch dringend nötig, die Türkei in die Europäische Union aufzunehmen. Dies würde Signale in die ganze arabische Welt aussenden. Wenn die Türkei aber den Islamisten in die Hände fällt, wird dies ein Erdbeben auf drei Kontinenten von Marokko bis Malaysia, vom Sudan bis nach Tschetschenien auslösen.

SPIEGEL ONLINE: Muss die Staatengemeinschaft nicht schnell handeln, weil der Irak angeblich Massenvernichtungsmittel herstellt und den internationalen Terrorismus unterstützen soll?

Oz: Es kann sein, dass Bush mit seiner Analyse hundertprozentig Recht hat, doch er gibt die falsche Antwort. Ein Jahr nach den September-Attentaten fehlt es den Amerikanern an einer Vision, es fehlt an Einfühlungsvermögen.

Das Gespräch führte Alexander Schwabe

  • 1. Teil: "Amerika ist der Teufel und Israel Rosemaries Baby"
  • 2. Teil: Lesen Sie im zweiten Teil des Interviews mit Amos Oz, warum er die symbiotische Beziehung von Arafat und Scharon für ein Verhängnis hält. Lesen Sie, warum er den Europäern eine antiisraelische Haltung vorwirft und was er den USA rät
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