Von Daniel-Dylan Böhmer
Siegfried Unseld: Bücher seines Verlages prägten manche Debatte dieser Republik
Berlin - Siegfried Unselds Lebenswerk ist der Verlag, der nicht seinen Namen trägt und der doch die Modernität der Tradition, die Unseld vertrat, auf einen Begriff brachte: Suhrkamp-Kultur steht für Köpfe statt Bestseller, eigenständige Literatur und gesellschaftliche Debatte zugleich. Peter Suhrkamp, ehemals Redakteur des S.-Fischer-Verlages, hatte den nach ihm benannten Verlag 1950 gegründet, zwei Jahre später war Unseld auf Hermann Hesses Rat eingetreten.
Es heißt, Suhrkamp habe die Geschicke des Verlages erst auf dem Totenbett in Unselds Hände gelegt. Was damals, 1959, für einige Eingeweihte und vor allem für Unselds Konkurrenten überraschend gewesen sei: Unseld hatte eher den Ruf eines intellektuellen Kraftmenschen als den eines feinsinnigen Denkers. Doch in der Folge sicherte seine dominante Persönlichkeit nicht nur dem Unternehmen Suhrkamp die wirtschaftliche Basis, auf der die Avantgarde gedieh, sie schärfte auch das Verlags-Profil.
Es basierte auf dem Prinzip, Autoren und ihr Lebenswerk aufzubauen, statt einzelne Titel. Bei Suhrkamp wurde so Geistesgeschichte geschrieben. Es waren vor allem Denker, die Unseld verlegte, die den 68er-Revolutionären den Impuls lieferten: Theodor W. Adorno, Max Horkheimer und Herbert Marcuse. Später folgten Niklas Luhmann und Jürgen Habermas. Eine Demokratisierung des Verlages selbst blockte Unseld jedoch 1969 ab. Er blieb der Souverän.
Einsatz für Uwe Johnson
Unselds persönlicher Einsatz für Autoren stiftete der Welt Literaturen, die es sonst wohl so nicht gegeben hätte: die von Peter Handke, Hans Magnus Enzensberger, Wolfgang Koeppen. Vor allem auch die von Martin Walser und Uwe Johnson. Johnson hatte Unseld persönlich wie kaum einen zweiten materiell am Leben erhalten und literarisch aufgebaut. Er blieb mit Hesse einer der für Unseld wichtigsten Autoren.
Als Unseld seine Rede über Johnson beim 50-jährigen Verlagsjubiläum hielt, war Suhrkamp schon wieder etliche Schritte weiter. Mit Ullrich Beck und Anthony Giddens trieb er die geistige Debatte nach der Postmoderne voran und mit Durs Grünbein, Norbert Gstrein und Thomas Meinecke vertrat er einen wichtigen Teil der jüngeren deutschen Literatur. Aber zugleich beschwerten literarische Altlasten den Verlag. Martin Walsers letzte Romane lieferten meist aus nicht-literarischen Gründen Stoff für Debatten und einiges spricht dafür, dass es dem Autor genau darum ging. Das Prinzip Suhrkamp lieferte ihm dabei Schutz und zugleich war die geistige und gesellschaftliche Haltung, die dahinterstand, eben das Ziel von Walsers Attacken. Darum ist es kaum verwunderlich, daß die diversen Walser-Debatten trotz aller Beteuerungen für scharfe Gegensätze im Verlag sorgten.
Kompliziertes Nachfolgemodell
Hinzu kam, daß zugleich das Ende der Ära Unseld immer näher zu rücken schien und die designierten Nachfolger recht schnell einander selbst nachfolgten: Joachim Unseld, der Sohn der im Streit ausschied, dann Tedel von Walmoden, Christoph Buchwald. Ihm folgte als Programmleiter zuletzt Günter Berg, der vehement Walsers letzten Roman "Tod eines Kritikers“ durchsetzte.
Berg, so heißt es, genoss nicht nur das Vertrauen des mit 78 Jahren nun verstorbenen Unselds, sondern auch das seiner Frau, der Schriftstellerin Ulla Berkéwicz. Berg hat während Unselds Krankheit die literarische Geschäftsführung übernommen und wird sie nach dem Nachfolge-Modell, das Unseld im Juni bekanntgab, auch behalten.
Weiter ist vorgesehen, daß die von dem Ehepaar gegründete Siegfried und Ulla Unseld Familienstiftung“ den Verlag beraten und beaufsichtigen soll. Die Stiftung, in die der 51-Prozent-Anteil der Unselds an dem Verlag nun einfließt, wird von einem Stiftungsrat geleitet, dem die Autoren Hans Magnus Enzensberger, Jürgen Habermas, Alexander Kluge, Adolf Muschg und Wolf Singer angehören. Den Vorstand bildete bis heute das Verleger-Ehepaar gemeinsam. Das Modell sieht nun vor, daß die verbleibene Ulla Berkéwicz zwei weitere Vorstände ernennt.
Die Erzählerin gehört nicht nur zu den erfolgreichsten des Verlages. Ihre Bücher setzten sich u.a. mit dem Nationalsozialismus und den deutschen Juden auseinander und Berkéwicz meldet sich häufig dezidiert politisch zu Wort. Vor allem zum Nahostkonflikt und zuletzt zum 11. September mit ihrem Essay "Vielleicht werden wir ja verrückt “ (Suhrkamp 2002). Es ist also kaum anzunehmen, daß sie ihre Funktion als stille Kuratorin interpretieren wird. Dass ihre Rolle nach dem Tode Unselds wichtiger geworden ist, ist dagegen fraglos.
Und dass zur Beratung und Beaufsichtigung des Verlages auch die Entscheidung über die richtungsweisenden Köpfe gehört, wohl ebenfalls. Immerhin wäre das die Anwendung der Suhrkamp-Kultur auf den Verlag selbst. Welche Richtung diese dabei nehmen wird, wird sich zeigen. Anlass zur Debatte bietet das Zeitgeschehen schließlich mehr denn je. Und nicht nur das Haus Suhrkamp braucht dringend starke Persönlichkeiten, auch das literarische Leben in Deutschland insgesamt. So dringend, wie es einen Siegfried Unseld über 40 Jahre lang gebraucht hat. Und noch bräuchte.
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