Von Henryk M. Broder
Terrorziel World Trade Center: Die Ursachen nicht aus den Augen verlieren
Im März 1996 hatten die meisten Deutschen den Namen Osama Bin Laden noch nie gehört, die Ghriba-Synagoge auf der tunesischen Halbinsel Djerba war nur wenigen Studiosus-Reisenden ein Begriff. Und nur wer schon überall war und alles gesehen hatte, überlegte sich, ob er nach Bali im fernen Indonesien fahren sollte. Der Anschlag auf die Berliner Discothek "La Belle", bei dem drei Besucher getötet wurden, galt als ein terroristischer Extremfall, vor dem die Justiz beinah kapitulierte. Nur die Berliner Schulverwaltung hatte eine Vorahnung, dass es noch schlimmer kommen könnte und dass man etwas unternehmen müsste, um ein Aufflammen der bösen Gefühle zu vermeiden.
Die Behörde verfügte, dass Plakate für das Aufklärungsstück "Was heißt hier Liebe?", das von der Theatergruppe "Rote Grütze" seit Jahren gespielt wurde, an Berliner Schulen nicht gezeigt werden dürfen. Vorlage für das Poster war eine Illustration aus einem bayerischen Biologiebuch mit dem Titel "Menschenkunde", zu sehen waren ein Mädchen und ein Junge, beide stehend und nackt und vollkommen harmlos. Damit, so die Schulbehörde, könnten "die Gefühle islamischer Mitschüler verletzt werden".
Bemerkenswert an dem Posterverbot war, dass es vorauseilend erfolgte, also noch bevor islamische Mitschüler sich über eine Verletzung ihrer Gefühle beklagen konnten. Und so weit bekannt, hatten sich weder die christlichen Mitschüler noch deren Eltern über das Plakat beschwert, das von der Schulbehörde nur gegenüber einer Minderheit als potenziell anstößig bewertet wurde. Es gab keinen Widerspruch, keine Kritik an der Entscheidung. Hätten die Beamten verfügt, dass mit Rücksicht auf vegetarische Mitschüler keine Wurstbrote in die Schulen mitgebracht werden dürfen, wäre es sicher zu massiven Protesten gekommen, hätten die meisten Schulleiter die Ausführung der Anordnung verweigert.
Die Frage, was man tun müsste, um die Gefühle potenzieller Amokläufer nicht zu verletzten und damit Amokläufe zu vermeiden, wurde mit dem 11. September 2001 Gegenstand unzähliger Talkrunden. Man könne den Terror der islamischen Extremisten weder gutheißen noch billigen, doch dürfe man seine Ursachen nicht aus dem Auge verlieren: die Arroganz des Westens, die Armut in der Dritten Welt und die Verzweiflung der Täter, die außer ihrem Leben nichts zu verlieren hätten.
Ein zentraler Punkt der Debatte war die Bedeutung der Kultur. Wenn man die Welt friedlicher machen wolle, müsse man nicht nur für eine gerechtere Verteilung der Ressourcen sorgen (was praktisch bedeuten würde, dass Nigeria seinen Ölreichtum mit der rohstoffarmen Schweiz teilen müsste), man müsse auch massiv in die Kultur investieren. "Kulturpolitik ist die beste Krisenprävention, die es gibt", sagte der Präsident der Alexander-von-Humboldt-Stiftung, viel effektiver als Bündnis- und Sicherheitspolitik. Und kaum waren die Taliban aus Kabul vertrieben, machte schon Goethe/Inter Nationes eine Niederlassung in der afghanischen Hauptstadt auf. Denn was die Afghanen am nötigsten brauchten, waren nicht Fisch und Fleisch, sondern Goethe und Gartenlaube.
Der Glaube an die heilende Kraft der Kultur ist in Deutschland weit verbreitet, viel weiter als in Frankreich oder Italien, wo man auch einen Kulturchauvinismus pflegt, aber trotzdem lieber ordentlich essen als in die Oper geht. Und wo immer in der Bundesrepublik ein drittklassiges, staatlich subventioniertes Theater geschlossen wird, gibt es Demonstrationen gegen den "Rückfall in die Barbarei", als habe das Dritte Reich mit der Liquidation einer Provinzbühne begonnen. Doch wie uneffektiv und entbehrlich Kultur als gesellschaftliche Triebkraft und politisches Antibiotikum ist, dafür ist Deutschland ein anschauliches Beispiel. Kein europäisches Land hatte Anfang der dreißiger Jahre eine "Kulturdichte", die der deutschen vergleichbar gewesen wäre. Hat es was genutzt? Etwas verhindert? Gewiss, auch in Auschwitz wurde Theater gespielt, haben sich die Chargen nach dem Dienst an selbstgemachter Musik erfreut, aber einen Sieg der Kultur über die Barbarei wird man solche Events am Eingang zur Hölle kaum nennen können.
Trotzdem gilt die Kultur immer noch als ein Allheilmittel für alle Notfälle, und wo die Politik nicht weiterkommt, da soll der "Dialog der Kulturen" für einen Ausgleich der Gegensätze sorgen. "Wenn der Schock des 11. September überhaupt etwas Positives bewirkt hat, dann wohl die wachsende Erkenntnis, dass wir mehr über den Islam wissen müssen, um einen Dialog mit den Moslem führen zu können", schreibt Barthold Witte in einem Beitrag über "Dialog der Kulturen - aber wie?" Witte ist kein naiver Gutmensch, der bei Wasserpfeife Kamelrennen zuschaut. Er war viele Jahre Leiter der Kulturabteilung im Auswärtigen Amt und hat die deutsche Kulturpolitik als Mittel der Selbstdarstellung mitbestimmt. Nun will auch er mehr über den Islam wissen, um einen Dialog mit den Muslimen führen zu können. Als ob er dazu vor dem 11. September keine Gelegenheit gehabt hätte.
Die Überlegung ist ebenso politisch korrekt wie absurd. Würde eine albanische Hütchenspielergang ein schwäbisches Dorf überfallen und würde daraufhin der Bürgermeister seinen Mitbürgern raten, erst mal Albanisch zu lernen, um einen Dialog mit den "Gästen" führen zu können, müsste er sich um seine baldige Abwahl keine Sorgen machen. Wenn es aber um die Folgen des Terrors geht, ist "Vorbeugung mit kulturellen Mitteln" angesagt. Denn es geht laut Witte darum, "die zu Dialog und Kooperation immer noch bereite Mehrheit der Muslime so zu stärken, dass sie den innerislamischen Kampf mit den Extremisten gewinnen können". Einen solchen Satz muss man zweimal lesen, um ihn in seiner ganzen haarsträubenden Naivität zu erfassen. Es gibt also eine Mehrheit der Muslime, die zu Dialog und Kooperation bereit ist, sich aber nur durchsetzen kann, wenn wir ihr dabei helfen. Zuletzt, wir erinnern uns, war diese zu Dialog und Kooperation bereite Mehrheit überaus rührig und erfolgreich, als es darum ging, die Todes-Fatwa gegen Salman Rushdie außer Kraft zu setzen. Deswegen hat es Rushdie vorgezogen, in London und New York Schutz zu suchen, statt in Kairo oder Teheran. Leider sagt Barthold Witte, der Experte für auswärtige deutsche Kulturpolitik nicht, mit welchen Mitteln er die liberale, aber hilflose Mehrheit der dialogbereiten Muslime stärken möchte. Noch mehr Goethe-Institute? Noch mehr Sendungen der Deutschen Welle in den Sprachen des Nahen und Mittleren Ostens?
Oder schnelle Interventionen, Kulturpolitik nach dem Hit-and-Run-Prinzip? Goethe-Institut oder das Auswärtige Amt könnten zum Beispiel Iris Berben und Hannelore Elsner mit den "Vagina-Monologen" auf Tournee durch Saudi-Arabien, den Jemen und die Vereinigten Arabischen Emirate schicken. Oder sie könnten Sasha Waltz mit ihrem "Körper"-Ballett in Teheran, Bagdad und Islamabad auftreten lassen. Es waren immerhin die erfolgreichsten und meistbesprochenen Theater-Events der jeweiligen Saison. Und statt immer wieder Günter Grass und Monika Maron in die Welt zu jagen, sollte der Shooting Star unter den deutschen Schriftstellern für Deutschland lesen: Dieter Bohlen.
Natürlich bleibt ein gewisses Restrisiko, dass sogar die zu Dialog und Kooperation bereite Mehrheit der Moslem solche Angebote missverstehen könnte: als ein Zeichen westlicher Degeneration, als kulturelle Kanonenbootpolitik. Macht nichts, wer "Vorbeugung mit kulturellen Mitteln" betreiben und "dauerhafte kulturelle Wirkungen" (Witte) erzielen möchte, muss solche Reaktionen in Kauf nehmen. Am Ende wird man sich vielleicht sogar im Rahmen einer Dialog-Gruppe auf einen Kompromiss einigen: Wir verschonen euch mit Sasha Waltz und Dieter Bohlen und ihr verschont uns mit euren Terrorkommandos.
Und im Übrigen geht es, wie immer, um den Griff zur Staatsknete. "Wenn es darum geht, der Herausforderung durch den extremistischen Islam mit einer weitsichtigen Kulturpolitik zu begegnen, wird auch von zusätzlichem Geld aus öffentlichen Kassen die Rede sein müssen", schreibt Barthold Witte. Meint er die Finanzierung von Ikebana- und Lyrik-Kursen, um potenzielle Terroristen umzuprogrammieren? Er sagt es nicht, hält sich diplomatisch bedeckt. Ganz in seinem Sinn, nur wesentlich konkreter, äußert sich der schwedische Friedens- und Zukunftsforscher Jan Öberg. "Gelder müssen zur Verfügung gestellt werden, damit Gruppen nach Irak reisen und umgekehrt irakische Gruppen nach Europa kommen können. Der Dialog und die Diplomatie der Bevölkerung gewährleisten eine bessere Verständigung." Sagt der Präsident der Transnationalen Stiftung für Friedens- und Zukunftsforschung (TFF) am Rande einer Konferenz in Berlin - und kein Mensch lacht.
Am besten wäre es natürlich, wenn man nach und nach die ganze Bevölkerung der Bundesrepublik in den Irak befördern und alle Iraker in die Bundesrepublik bringen würde, unter der Führung der TFF. Weil das aber doch zu viel kosten und zu lange dauern würde, wird man sich mit einem bescheideneren Plan zufrieden geben müssen. Durch den Zufallsgenerator ausgewählte Deutsche werden in kleinen Gruppen in den Irak reisen und dort die Präsidentenpaläste besichtigen, während im Gegenzug Iraker, die von der Führung der Baath-Partei ausgesucht wurden, nach Deutschland kommen werden, um hier die Sozialämter zu besuchen, angefangen beim größten Europas in Berlin-Neukölln. So wird man viel voneinander erfahren und Verständnis für die Lage des anderen entwickeln, ganz im Sinne von Barthold Witte: "Die innere und äußere Kulturpolitik (wird) darauf bedacht sein müssen, den Menschen zu helfen, das Andere, Fremde zu erleben, zu verstehen und zu respektieren."
Wer hätte noch vor sechs Jahren, als die Berliner Schulbehörde ein harmloses Plakat verbieten ließ, geahnt, was für eine Rolle innere und äußere Kulturpolitik bei der Sicherung des Friedens spielen würde? Ging es anfangs nur darum, die Gefühle einiger islamischer Mitschüler nicht zu verletzen, kommt es heute darauf an, die Emotionen ganzer Völker zu schonen, damit es nicht zu einer Explosion kommt.
Was für eine Aufgabe! Wie maßgeschneidert für die Kulturpolitik.
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