Von Helmut Sorge, Los Angeles
Heute hat Ulmer kein Rendezvous mit Hollywood. Er tritt selbst auf. Im Chor. Zweiter Tenor. Drei Stunden wöchentlich singt der Harvard-Absolvent. Danach recherchiert er wieder - Jodie, Julia, Tom und Tom, Brad, Denzel, Reese und Gwyneth, und all die anderen, denen er nachstellt.
Er ist weder Papparazzi noch Privatdetektiv im Dienst eines Scheidungsanwalts. James Ulmer ist Autor, Analytiker. Sein Werk, "Hollywood Hot List" ist nicht nur Bestseller, sondern Pflichtlektüre in den Besetzungsbüros der Produzenten, der Bankiers, Investoren, Regisseure.
200 Namen hat er in seinem Werk abgedruckt, die crème de la crème, eine Rangliste der Stars, aufgeteilt in A+, A, B+ und B. Ein deutscher Darsteller ist in seinem Werk nicht aufgeführt, obwohl Ulmer den Namen Schweiger kennt, Til Schweiger. Auf den internen Studiolisten, weiß der Autor, steht dessen Name "ganz unten", was aber in Hollywood nicht unbedingt ein Karriereende bedeuten muss: "You never say over, until it's over".
Eigentlich wollte Ulmer, im konservativen Iowa aufgewachsen und in New York über Jahre in der Entwicklung von Fernsehprojekten etabliert, nie an die Westküste. "Ich habe Hollywood verachtet und nur niedergemacht". Ein Freund, Drehbuchschreiber und jetzt als "Oscar"-Kandidat genannt, hat Ulmer ermuntert, sich dem "Chaos der Eitelkeiten" auszusetzen. Er wurde nicht enttäuscht: "Hollywood ist eine geschlossene Gesellschaft", und zwar "schlimmer als erwartet".
Für den "Hollywood Reporter" sowie "Variety" setzte sich der wache Journalist mit der selbstgefälligen Hollywood-Society auseinander. Für Filmgazetten wie "Premiere" recherchierte er über die Stars, knüpfte Kontakte, die ihm nun bei der Buch-Aktualisierung und seiner Internet-Seiten (www.Ulmerscale.com) unterstützen.
Für "Premiere" hat der Reporter die "Ulmer Scale" entwickelt, eine Tabelle, nach der die Schauspieler bewertet werden. Und das nicht nur nach Talent, sondern nach Professionalität, Bereitschaft zu reisen und für einen Film zu werben. Dem Film-Experten war "sehr schnell klar geworden", dass Hollywood eine Industriestadt ist, und die Schauspieler einfach ein "Produkt" sind, das nicht "viel anders vermarktet wird als Hundefutter" und den Wert dieser (menschlichen) Ware hat Ulmer - zunächst intern, vertraulich - analysiert, insgesamt 1800 Namen; die Daten werden jährlich erneuert. Ulmer behauptet nicht, dass seine Wertungen wissenschaftlich genau sind. Er weiß jedoch: "Die Leute in dieser Branche sind meist zutiefst verunsichert und greifen nach jeder Information, die als psychologische Stütze nützlich ist" - also auch nach Ulmers Rechercheergebnissen.
Er bewertet jeden Star mit Zahlen auf seiner Skala: Wie ist die "Bankability", die Risikobereitschaft von Investoren für Julia Roberts? Ulmer ist sicher: 100. Ihre Bereitschaft zu reisen: 69. Ihre Professionalität: 74. Ihr Karrieremanagement: 86. Talent: 71. "Der könnte man einen Sack über das Gesicht ziehen", schreibt der Experte über seine Spitzen-Frau "und sie wäre immer noch hinreißend". Tom Hanks steht bei Ulmer unter "Bankability" mit "99" zu Buch, seine Professionalität bewertet der Autor mit "95", Talent: 88.
Tom Cruise ist "unglücklicherweise zu einer Ikone geworden wie "Chevrolet" - und 100 Prozent seiner Zeit verbringt er damit, seine Fassade zu polieren". "Talent 65", schreibt Ulmer über Brad Pitt, dem er bescheinigt: "nice guy. Keine Diva". Arnold Schwarzenegger stuft der Autor mit bescheidenen 45 unter "Talent" ein, bescheinigt dem geborenen Grazer freilich große Einsatzbereitschaft bei der Vermarktung seiner Filme - 92, zugleich schränkt er ein: "Er ist einfach kein Jack Nicholson", der die Geschichte eines Rentners in "About Schmidt" so ergreifend darstellt, dass er nun als "Oscar"-Kandidat gilt.
Seine Idee, so Ulmer, habe einen Trend ausgelöst, der "nicht mehr wegzudenken ist" - die Rangliste der Stars, die vor allem zum Jahresende die Gazetten anregen. Kaum ein Klatschmagazin, weder "People" noch "US", versäumt es den Lesern vermeintliche Sieger und Versager noch einmal vorzustellen, "the 25 most intriguing people" etwa George Bush oder die afro-amerikanische Hollywood-Schöne Halle Berry ("Monster's Ball, "Die Another Day"), die überdies vom "In touch"- Magazin zum Jahreswechsel als die "modischste Frau der Welt" zelebriert wurde.
Für "Entertainment Weekly" ist der Afro-Amerikaner Denzel Washington der "Entertainer des Jahres", "The adventures of Pluto Nash", ein Film des schwarzen Kollegen Eddie Murphy, wird hingegen auf nahezu allen Listen als das "schrecklichste Werk" anno 2002 bewertet, gefolgt von Schwarzeneggers "Collateral damage" und "Swept away", ein von Madonna und ihrem Beau Guy Ritchie auf die Leinwand gehobenes Desaster, das nach drei Wochen aus den Kinos verschwand. "Gib's auf, Madonna", notierte ein Kritiker, "Du wirst niemals, Du warst es nie, ein Filmstar werden".
Als eine der "best survivors" des Jahres gilt Nicole Kidman, wohl weil sie nach der Scheidung von Tom Cruise, und der Überweisung einiger hundert Millionen Dollar, aufblühte. Und auch Elizabeth Hurley wird in dieser Rubrik genannt - sie hat einen Vaterschaftskrach mit einem britischen Multimillionär und die Geburt ihres Kindes verkraftet - inzwischen ist Papa auch bereit zu zahlen. Mit der "besten Uhr" des Jahres hat ein Magazin Leonardo DiCaprio abgebildet, eine "Cartier Roadster". Auf den besten Stilettoschuhen (Marke "Pierre Henry") balancierte Gwyneth Paltrow. Mit dem "besten Dekolleté" und dem was dazu gehört hat Salma Hayeck das Jahr 2002 verschönert. Einen divine derrière, wie das "US"- Magazin formulierte, den schönsten Hintern, hat Kylie Minogue offenbart - das dazu abgedruckte Photo lässt keinen Widerspruch zu - very knackig indeed.
Die Mächtigen der Hollywood-Industrie mussten im abgelaufenen Jahr einmal mehr registrieren, dass Filmproduktionen trotz Marketinganalysen oder Zuschauerbefragungen so unberechenbar bleiben wie die Elfenbeinkugel auf dem Roulettebrett eines Las Vegas-Kasinos: Der fünf Millionen Dollar teure Film "My big Fat Greek Wedding" spielte inzwischen nahezu 300 Millionen Dollar ein. Die für 100 Millionen Dollar produzierte Eddy Murphy-Katastrophe brachte "Warner" eben fünf Millionen Dollar in die Kasse.
Sechs der zehn erfolgreichsten Filme des vergangenen Jahres waren in den Hauptrollen nicht mit Megastars besetzt; "Spider-Man", "The Lord of the rings", "Star-Wars: Episode II", "Harry Potter and the Chamber of secrets", "Ice Age", wie "My big Fat Greek Wedding". Die Mächtigen von "Warner Bros", denen das Drehbuch zur "Griechischen Hochzeit" angeboten worden war (sie haben es abgelehnt, die Klugen), haben trotz der Misserfolge mit Eastwood und Schwarzenegger, auch für das Jahr 2003 Premieren angesetzt, in denen Megastars wie Tom Cruise ("The last Samurai") oder Nicholas Cage ("Matchstick Men") die von den düsteren Schlagzeilen deprimierten Bürger ablenken sollen.
Ungewiss bleibt, ob einer der erfolgreichsten Entertainer des Jahres 2002 alsbald wieder vor der Kamera arbeiten wird: Eminem alias Marshall Mathers II, der weiße Rapper aus Detroit, der den Kids aus der Seele singt und deren Eltern als Teufel erscheint. Sein Film-Debüt, die Hauptrolle in dem Rapper-Drama "8 mile" hat den Produzenten allein in Amerika mehr als 114 Millionen Dollar eingebracht. Marshall, so Regisseur Curtis Hanson ("L.A. Confidential"), war am Ende der Dreharbeiten "total fertig".
Welch Wunder: Während des Drehs arbeitete er zugleich an Rap-Texten für den Film - offenbar mit Erfolg: vom "8 mile"-Soundtrack wurden mehr als drei Millionen, von der ebenfalls 2002 vermarkteten "The Eminem Show" mehr als sieben Millionen CDs abgesetzt. Der Rapper, der seine Frau, Mutter seiner Tochter, nach der Scheidung mit seinen Liedtexten übel verunglimpfte, hat sich nach dem Drehstress in seine Villa bei Detroit zurückgezogen - er lebt wieder mit der Ex; wer weiß, wie lange.
Vermutlich Ulmer. Er trägt für seine Skala nicht nur sachliche Informationen zusammen, sondern auch "inside dirt", die in Hollywood üblichen, üblen Gerüchte vom Set: Sean Connery "schert sich 'nen Dreck um PR-Arbeit", es sei denn, ein Golfplatz ist in der Nähe. Pierce Brosnan "bekommt Rollen, die er nicht verdient, weil die Leute ihn so gern mögen". Die Film-Crews können Gwyneth Paltrow nicht ausstehen, und Richard Gere, Ulmer besteht darauf, "ist nicht schwul". Über Jodie Foster wird's gemunkelt, nur sie will "über sexuelle Neigungen nicht reden".
Die Kollegin Demi Moore hat offensichtlich weniger Hemmungen, bei ihr, so Ulmer "scheint Sex wie eine Waffe". Madonna ist eine "reine Selbsterfindung", beinah so wie Sylvester Stallone (Talent: 38), der "zu einem Klischee seiner selbst geworden ist". Allein Leonardo DiCaprio, der seiner Mutter angeblich immer noch die ihm angebotenen Drehbücher zur Prüfung zuschickt, kann sich in Ulmers Wertung Hoffnung machen: "Er wird Schauspieler sein, bis er 95 ist".
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Kultur | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Gesellschaft | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2002
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH