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08.02.2003
 

Ostermeiers "Wunschkonzert"

Bonne Nuit, Tristesse

Von Johanna Straub

Thomas Ostermeier inszeniert Franz Xaver Kroetzs stummes Suiziddrama "Wunschkonzert" an der Schaubühne in Berlin. Anne Tismer brilliert als Fräulein Rasch.

"Federico Fellini ist tot. Henry Nannen ist tot. Der amerikanische Künstler Roy Lichtenstein ist tot. Erich Honecker ist tot." Die Liste der Todesnachrichten, mit der die Zuschauer vor Beginn des Stücks im Zuschauerraum beschallt werden, geht nach einigen Minuten abrupt über in eine andere Aufzählung. "Und nun folgt das Wetter. Das Wetter. Abschließend - das Wetter. Zum Schluß - das Wetter." Die endlose Wiederholung dieser monotonen Reihe verbreitet schon vor Beginn des Stücks bizarre Trostlosigkeit.

Verstärkt wird diese nicht zuletzt durch eine Fotoserie von Interieurs etlicher Wohnzimmer des gleichen Bautyps, die das Programmheft von "Wunschkonzert" illustriert und zudem an den Wänden im Foyer ausgestellt ist. Die Sitzlandschaften auf den Fotos gleichen sich in erschreckender Weise. Der Freizeitpark des kleinen Mannes. Gardinen und Polstermöbel.

Kleiner Unterschied am Schluss

Auch auf der Bühne bietet sich ein ähnliches Bild. Links ein Flur, rechts ein Badezimmer, dazwischen ein Lebensraum, mit Fernsehecke, Schlafsofa, Tisch und Kochnische. Dahinter ein Balkon. Das ist alles. Und nichts passiert. Das Stück zeigt den letzten Abend von Fräulein Rasch (das Stück ist von 1972), angefüllt mit kleinen Alltagshandlungen, und endet mit ihrem Selbstmord - der genauso unspektakulär verläuft, wie ihr Leben vorher.

Das erschreckende an Kroetzs Stück ist, dass dieser letzte Tag im Leben einer jungen Frau sich - abgesehen von einem kurzen Augenblick am Schluß - überhaupt nicht unterscheidet von unzähligen anderen Tagen, die ihm vorausgingen und die ihm hätten folgen können. Die Welt wird bestimmt von Ordnung und Routine. Kein Handgriff ist neu. Kaum ein Handgriff ist auf die Gegenwart bezogen, die meisten reihen sich ein in die Kette identischer Tagesabläufe ohne einen Sinn jenseits der unhinterfragbaren Ordnung. Die Strumpfhose von gestern wird für morgen gewaschen. So vergeht die Zeit.

Allabendlich ein Betthupferl

Anne Tismer verkörpert das lebensmüde Fräulein Rasch in ihrem tristen Alltag absolut überzeugend. Die Zwanghaftigkeit, die über der Szenerie liegt und die sich bis in die kleinsten Gesten eingeschlichen hat, ist beklemmend. Ordnung zu halten ist die Hauptbeschäftigung von Fräulein Rasch. Sauberkeit ist ihr größter Zwang (Putztick), gefolgt von Sicherheit (Türencheck) und Sparsamkeit (Heizungscheck). Die Routine steht über allem.

Vergnügungen nehmen in ihrem Leben einen kleinen Raum ein - sie spielt eine Partie Solitär am Computer, ab und zu raucht sie halbherzig eine Zigarette. Sie gönnt sich allabendlich ein Betthupferl. Aber es gibt Verweise auf Träume und Wünsche, es gibt ein Kissen mit den Konterfeis einer Boygroup auf dem Sofa, es gibt eine Spieluhr, es gibt das Wunschkonzert im Radio.

Es könnte etwas passieren...

Und es gibt zwei kurze Momente, in denen Ostermeier den Realismus verläßt und etwas, das jenseits der bestehenden Ordnung liegt, eindringen läßt in den Theatersaal und in das monotone Leben von Fräulein Rasch. Wenn das Licht weicher wird und die Musik, die anfangs aus dem Radio kam, erst lauter wird und dann auf einmal echt. Das ist groß - und es ist so schnell vorbei, wie es gekommen ist. Dann hat die Realität sie wieder. Radiogedudel, leiser Verkehrslärm von draußen, ein Fleck auf der Schürze.

Das voyeuristische Betrachten eines Alltags, in dem bis zum Schluß nichts Ungewöhnliches passiert ist extrem spannend. Das liegt nicht nur daran, dass das Publikum den Selbstmord erwartet, es liegt daran, dass sich Spannung hält über die Tatsache, dass etwas passieren könnte. Das ist sogar im dumpfen big brother container so, und es ist erst recht so bei Ostermeiers großartiger Inszenierung, die mit dem Realismus im Theater spielt und dabei in keinem Detail nachläßt.

Peinliche Momente hinter der Tür

Kroetz war sich des Potentials bewusst, als er in einem Text über sein Stück über die Menschen schrieb, die so weit sind, dass sie die Kraft und den Mut hätten, ihr eigen Leben in die Waagschale zu werfen: "Würde die explosive Kraft sich nicht gegen die Ausgenützten selbst richten, so hätten wir die revolutionäre Situation." Stattdessen, so lautet Kroetzs traurige Bilanz, eliminieren sich diejenigen mit diesem Potential von alleine und "säubern unfreiwillig die Gesellschaft, gegen die sie klagen" - von sich selbst.

Rechts auf der Bühne im Badezimmer hängt ein Spiegel, in dem einige Zuschauer sich bei Zuschauen zuschauen müssen. Aber Ostermeier zeigt dem Publikum noch deutlicher, was es nicht sehen möchte. Es wird Zeuge von Fräulein Raschs Gang zur Toilette. Das raffinierte daran ist, dass sie die Tür hinter sich schließt, und die erleichterten Zuschauer, die diese Grenze nur zu bereitwillig akzeptiert hätten, damit überrumpelt, dass sie rechts wieder ins Bild kommt. Sie setzt sich auf das Klo und -weint, und wir müssen zusehen.

"Wunschkonzert" von Franz Xaver Kroetz an der Schaubühne am Lehniner Platz

Regie: Thomas Ostermeier Darstellerin: Anne Tismer Bühne: Jan Pappelbaum Kostüme: Almut Eppinger

Weitere Aufführungen 8., 13., 28., Februar, 4., 5., 19. März

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