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14.03.2003
 

Protest in Hollywood

Martin Sheens Kreuzzug gegen die Farben des Krieges

Von Helmut Sorge, Los Angeles

Während die farbenfrohe Kriegspropaganda der US-Regierung immer absurdere Ängste schürt, erheben mehr und mehr Hollywood-Stars ihre Stimme gegen den Krieg. Einer von ihnen ist der Präsidenten-Darsteller Martin Sheen - ein überzeugter Katholik, der fest an die Macht des gewaltlosen Widerstandes glaubt.

"Farbenpracht blendet das Auge"
Lao tse, chinesischer Philosoph, 300 vor Christus

Kriegsgegner Sheen (bei einem Protestmarsch durch L.A. am 11. Januar): "Irgend etwas muss ich ja wohl richtig machen"
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Volker Corell

Kriegsgegner Sheen (bei einem Protestmarsch durch L.A. am 11. Januar): "Irgend etwas muss ich ja wohl richtig machen"

Gefahr in grün, blau, orange und gelb, die Angst wird bürokratisch erfasst in Regenbogenfarben. Jede Farbe symbolisiert eine Alarmstufe. Und nahezu täglich greifen die Behörden in ihre Farbtöpfe, allerorts wähnen sie Bedrohung. "Einige Hundert" al-Qaida-Vertraute halten sich derzeit in Amerika auf, warnen die Krisenmanager der Regierung. Heute erwarten sie Terroristen unter der Golden Gate Bridge, morgen in Disneyland. Sie könnten sich auch in einem der mehr als vier Millionen Container verstecken, die jährlich Hafen von Long Beach nahe L.A. umgeschlagen werden. Unsicherheit und Ratlosigkeit machen sich breit. Tatsache ist: 624 Terroristen-Ziele hat allein Kalifornien offiziell identifiziert, darunter die zum Museumsschiff umfunktionierte "Queen Mary" und die "Ernest & Julio Gallo Vinery", ein Weingut. Schließlich ist eindeutig belegt, dass Islamisten den Alkoholkonsum vehement ablehnen.

Irakische Einwanderer, auch jene, die längst den Treueschwur auf das Land der unbegrenzten Möglichkeiten geleistet haben, werden nun angeblich observiert. Bald vielleicht sogar interniert, wie die amerikanischen Japaner während des Zweiten Weltkriegs? Im Amerika dieser Tage ist alles denkbar, alles möglich, bis hin zum Klebeband, mit dem die US-Bürger ihre Fensterscheiben abdichten sollen, damit Anthrax-Sporen oder Giftgase nicht durch irgendwelche Ritzen ins Eigenheim eindringen. Übertreibung? Keineswegs: Immerhin rüstet Nordkorea nuklear auf, der Irak ohnehin. Die Abschussrampen der Interkontinentalraketen in Bagdad haben die Aufklärungssatelliten der NSA (National Security Agency) womöglich gerade eben erspäht, unter einer Teppich-Halde im Basar. Auch den Genossen Osama bin Ladens, kein Zweifel, ist alles zuzutrauen. Einige von ihnen sind vermutlich bereits mit ihren verdächtigen Koffern in der U-Bahn von New York unterwegs, um den Untergang der Weltmacht einzuleiten.

Die Farbcodes des Krieges (Homeland Security Advisory System): Nahezu täglich greifen die Behörden in die Farbtöpfe
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Die Farbcodes des Krieges (Homeland Security Advisory System): Nahezu täglich greifen die Behörden in die Farbtöpfe

Selbst die ansonsten besonnenen PR-Agenten der Stars haben im L.A. dieser Tage ihre Gasmaske griffbereit im Auto. Hysterie - und täglich neue Farbkombinationen. Die Vermarktung des Krieges ist "made in Pentagon", wie man es sonst von Hollywoodproduzenten gewohnt ist: Ein "Hype", wie es in der Branche heißt. Saddam Hussein = Adolf Hitler, Deutschland = Kuba oder Libyen. Auf Sachlichkeit folgt Empörung, am Ende steht nur noch pure Einfältigkeit.

Die "French Fries" sind nun nach einem Entschluss von US-Abgeordneten zu Freiheits-Kartoffeln geworden, aus Protest gegen Frankreichs Irak-Poltik. In dieser nachdenklichen Phase amerikanischer Kongress-Philosophen, wird der Bordeaux wohl alsbald in "Rouge de la peur", Angstsaft, umbenannt, "Camembert" wird zu "Kapitulationskäse". In einem Luxusrestaurant von Beverly Hills setzten sich kürzlich einige Dutzend jüdische Bürger zu einem Dinner zusammen - pro Paar kostete der Platz am Tisch 100.000 Dollar - zugunsten einer Institution in Israel. Die Forderung der Organisatoren an das Restaurant: Keine französischen Produkte, weder "Evian"-Wasser noch Champagner durften auf dem Menü stehen.

Angst vor dem Terror: Durchleuchtung eines Containers im Hafen von Los Angeles
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Volker Corell

Angst vor dem Terror: Durchleuchtung eines Containers im Hafen von Los Angeles

Amerika ist verwirrt, verunsichert und irritiert. Für die Falken, die Konservativen Amerikas, sind die Propagandisten des Krieges Patrioten, Pazifisten hingegen Komplizen des Feindes - die Simplifizierung der Welt auf amerikanischem TV-Niveau. Sicher ist aber auch: Die Mehrheit Hollywoods will den Krieg nicht. Produzenten bangen um ihre Investitionen, die Studios befürchten eine negative Reaktion auf amerikanische Filme, Regisseure, die in Marokko oder Ägypten drehen wollten, müssen umplanen - die Versicherungen wollen das Risiko nicht eingehen, die Stars die Wüste meiden, durch die radikale Taliban-Kämpfer ihre Kamele treiben könnten.

Am übernächsten Sonntag zelebriert Hollywood die Oscar-Verleihung - oder etwa nicht? Wie entscheidet sich der Fernsehsender ABC, wenn eine Stunde vor der Übertragung der Show die Meldung "Saddam Hussein getötet" durch das Internet gleitet? Können die Stars noch Omi, Tante, Mami oder dem immer loyalen Pudel für die Unterstützung auf dem Weg zum Ruhm danken, wenn die amerikanischen Befreier gerade Bomben auf Bagdad werfen?

"The show will go on", insistiert Gil Cates, der Oscar-Produzent. Doch die Behörden werden - wie besprochen - im Notfall mit ihren Farbtupfern die Polizei alarmieren. Die wird die Brücken sichern, die Flugplätze abschotten. Wenn bin Laden fallen sollte oder in Ketten nach Guantanamo transportiert wird, wenn eine Bombe Arafat tötet, dann wird, so sieht es der nationale Sicherheitsplan vor, der "threat alert 4" ausgerufen, Gefahrenstufe 4. Und Amerika sieht orange.

Gewaltloser Widerstand: Stars Sheen, Kristofferson werden nach einer Demonstration gegen Nukleartests verhaftet (1987 in Nevada)
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Volker Corell

Gewaltloser Widerstand: Stars Sheen, Kristofferson werden nach einer Demonstration gegen Nukleartests verhaftet (1987 in Nevada)

Die Oscar-Organisatoren haben den Stars freigestellt, sich über den Krieg zu äußern, sobald sie ihre Trophäe umarmt oder geküsst haben - Worte für oder wider, solange die Sprechzeit von 45 Sekunden nicht überschritten wird. Daniel Day-Lewis, für seine Rolle als Schlachter Bill in "Gangs Of New York" nominiert, würde es als "obszön" empfinden, wenn die Stars "lächelnd über den roten Teppich stolzieren, während Menschen sterben, "das wäre sehr schwer machbar". Ed Harris, für seinen Auftritt in "The Hours" als bester männlicher Nebendarsteller nominiert, wird, sollte er gewinnen, auf der Bühne vielleicht "ein Gebet für den Frieden sprechen".

Hunderte von Stars wie Kim Basinger oder Helen Hunt haben ihre Unterschriften inzwischen unter Anti-Kriegsaufrufe gesetzt. Kollegen wie Dustin Hoffman oder George Clooney haben öffentlich die Gewalt verurteilt oder sind sogar, wie Sean Penn, nach Bagdad gereist. Bei den Anti-Kriegsdemonstrationen in Hollywood marschierten Mike Farrell, Star der Fernsehserie "Mash", Anjelica Huston und Martin Sheen in der ersten Reihe.

Kriegsgegner Penn: Friedensmission in Bagdad
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DPA

Kriegsgegner Penn: Friedensmission in Bagdad

Sheen, der in der TV-Serie "The West Wing" einen - katholischen - Präsidenten namens Josiah Bartlet spielt, ist ein perfektes Beispiel für die Empörung und das Engagement Hollywoods. 64-mal ist der Polit-Aktivist in den letzten 17 Jahren festgenommen worden - seit jenem Juni 1986, als er mit den Jesuiten Daniel und Philip Berrigan gegen das "Star Wars"-Raketenprogramm Ronald Reagans protestierte. Der Schauspieler, Jahrgang 1940, dessen Vater gläubiger Spanier, seine Mutter eine ebenso religiöse Irin war, ist von Nonnen und Mönchen im mittelwestlichen Dayton (US-Bundesstaat Ohio) erzogen worden. Die Gottesdiener sind seine Helden, weil sie sich "bedingungslos in den Dienst der Armen gestellt haben", wie er sagt.

Auch in den Dienst der Familie Francisco Estevez', von dessen zehn Kindern Ramon Nummer sieben war. Schon als Neunjähriger verdiente sich der Bursche, der seinen Latino-Namen später in Martin Sheen änderte, in einem exklusiven Golf-Club erstmals einige Dollars. Er lernte an den "greens" und im Clubhaus "wie die anderen leben", die Reichen. Seit jenen Jahren hat er sich geschworen: "Nie werde ich mich in die Isolierung eines privaten Clubs begeben, der mich von der wahren Menschlichkeit trennt".

Der nun im kalifornischen Malibu lebende Sheen debütierte 1964 als Schauspieler am Broadway und änderte seinen Namen, nachdem er erkannt hatte, dass er als ungeliebter Puertoricaner identifiziert wurde und daher für viele Rollen nicht vorsprechen durfte. "In meinem Herzen", insistiert er heute, "bin ich immer noch Ramon" - und sozial engagiert wie kein anderer Hollywoodstar: Bei den Dreharbeiten zu Francis Ford Coppolas Vietnam-Drama "Apocalypse Now" erlitt Sheen einen Herzinfarkt. Für ihn der Augenblick einer "spirituellen Neugeburt", die sich nach einem Besuch Indiens für die Dreharbeiten zu "Gandhi" und einer Begegnung mit Mutter Theresa verstärkte. Vor allem die Erkenntnis der inzwischen verblichenen Nonne, wonach es einfacher sei "mit der Armut und dem Tod in Indien umzugehen, als dem Mangel an Spiritualität in Amerika" stimmte den Schauspieler nachdenklich.

Protestler Sheen mit Vietnam-Veteran Ron Kovic: "Lawine von Hassbriefen"
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Volker Corell

Protestler Sheen mit Vietnam-Veteran Ron Kovic: "Lawine von Hassbriefen"

Sheen ist ein engagierter Katholik, der regelmäßig die Messe besucht, aber zwischen der Kirche, der Institution, und seinem Glauben an Gott unterscheidet: "Die Kirche ist der Weg zu ihm, die Kirche ist nicht Gott". Für den Schauspieler, Vater von Charlie Sheen ("Platoon", "Wall Street" ) und Emilio Estevez ("Breakfast Club"), ist "allein das eigene Gewissen Fundament für den gelebten Katholizismus". Sheen hat für Obdachlose demonstriert und die nukleare Abrüstung, sich gegen die Ausbeutung der Landarbeiter ausgesprochen und die Armut in seiner eigenen Heimat gegeißelt, weil er an die Worte Mahatma Gandhis glaubt, dem zu Folge "die grausamste Form der Gewalt die Armut ist".

Er sieht sich selbst als "Getreuer des gewaltlosen Jesus". Nie ist er bei einer Demonstration mit den Ordnungshütern körperlich aneinander geraten. Doch wer weiß, schränkte er ein "was sich morgen ereignen wird?" Sein Engagement gegen die Kriegs-Politik, so Sheen, der stets einen Rosenkranz in der Jackentasche verwahrt und ein halbes Dutzend am Rückspiegel seines "Toyota Van", hat manche Kritiker bereits dazu bewegt, vom "West Wing" produzierenden TV-Sender NBC seine Entlassung zu fordern.

Eine "Lawine von Hassbriefen" hat den Schauspieler erreicht, dem Amerikas Grüne 1996 anboten, mit ihrem Präsidentschaftskandidaten Ralph Nader um das Weiße Haus zu kämpfen. Sheen, der mit der Alternativ-Partei politisch übereinstimmt, war auch einer jener Aktivisten, die sich für den "Virtual March on D.C" engagierten - 32 Friedensgruppen hatten ihre Gefolgsleute aufgefordert, Washington mit Friedensbotschaften in Form von E-Mails und Fax zu bombardieren. Auf der Straße wird der "Fernseh-Präsident" inzwischen von Passanten angepöbelt, die seine Anti-Kriegseinstellung ablehnen. Sein Arbeitgeber NBC, so glaubt Sheen, sei "zunehmend ungehalten" über sein politisches Engagement, zumindest "haben die mir das zu verstehen gegeben". Der Sender dementierte dies, ebenso wie der britische Produzent Steve Bing bestreitet, den Hollywood-Schauspieler Sean Penn wegen dessen Friedensmission in Bagdad aus dem Filmprojekt "Why Men Shouldn't Be Married" entlassen zu haben. Bing erklärte, Penn habe die Rolle nicht mehr gewollt - nun wird prozessiert.

Sheen in Kriegsdrama "Apocalypse Now": "Spirituelle Neugeburt"
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Sheen in Kriegsdrama "Apocalypse Now": "Spirituelle Neugeburt"

Mancher Schauspieler gesteht unterdessen eine gewisse Unsicherheit ein. Wird alles wieder wie damals? Erinnerungen an die Geschichte, die Hollywood vor einem halben Jahrhundert erschütterte, werden wach: Jene, denen die Mächtigen Sympathien für die Kommunisten unterstellten, wurden auf "black lists" registriert und von den Besetzungslisten gestrichen - Berufsverbot. Kollegen denunzierten in den Jahren des Kalten Krieges vermeintliche und wirkliche KP-Mitglieder, Schauspieler, Drehbuchschreiber und Regisseure. Eine Diskussion über "schwarze Listen", erklärte unlängst die Schauspielergewerkschaft Screen Actors Guild, "darf schon im Ansatz in dieser Nation niemals mehr toleriert werden".

Martin Sheen ist "nicht beglückt über den ganzen Wirbel", aber er fühlt sich durch die Zustimmung seiner liberalen, aufgeklärten Landsleute bestärkt: "Irgend etwas muss ich ja wohl richtig machen". Seine Kollegen von "The West Wing" sind "zu 100 Prozent auf meiner Seite". Der Schauspieler weiß allerdings inzwischen: "Wenn man für jene, die keine haben, die Stimme erhebt, muss man bereit sein, dafür einen hohen Preis zu zahlen". Er hatte zunächst geglaubt "dafür gefeiert zu werden". Aber: "Das Gegenteil ist wahr". Dennoch glaubt er weiterhin - an sich, an seinen Gott und an Amerika. Eine Weltmacht, die Angst und Unsicherheit jetzt bunt gestaltet.

"Was nützen mir die Farben", hat der französische Schriftsteller Michael Eyquem de Montaigne schon vor mehr als 400 Jahren erkannt, "wenn ich nicht weiß, was ich malen soll?"

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