Von Helmut Sorge, Los Angeles
Die Geister, die den verirrten, verwirrten Seemann verfolgen, wurden von einer weiblichen Stimme über Lautsprecher gerufen: "Platzierung in fünf Minuten".
Die Mitglieder des Opern-Chors bewegten sich auf die Bühne, geschminkt, zur Generalprobe des "Fliegenden Holländers". Auf dem Fernseher im Büro des Opernchefs flimmerten zugleich die ersten Bilder der Attacke auf Bagdad.
Blitze zucken auf der Bühne, grelles Licht erhellt die Kulisse, der deutsch-österreichische "Holländer" Bernd Weikl singt die Wagnerworte: "Tag des Gerichtes. Jüngster Tag? Wann brichst Du an in meiner Nacht?" Betroffenheit unter den Technikern, den Bühnenarbeitern, den Zuschauern, als der Übersetzungstext in Leuchtschrift über der Bühne abläuft: "Wann dröhnt er, der Vernichtungsschlag, mit dem die Welt zusammenkracht?"
Ja wann, fragten sich so manche Zuschauer, denen die Kriegsmeldung zugetragen wurde. Nach dem Ende des tragischen Musiktheaters: draußen vor der Tür kaum ein Auto. Der Himmel ist klar. Sterne. Keine Sirenen der Ambulanzen. Stattdessen: Fernsehen. Die Macht der Medien, kontrolliert von der Macht der Industrie. Bomben, Raketen, Leuchtspurmunition, trägergestützte Jets, ehemalige Generäle, Admirale außer Dienst, Frontreporter, vereint im Sandkasten des Krieges, nein, einem gigantischen Videospiel.
Inszeniertes "Reality-TV" ersetzt durch die brutale Wirklichkeit – die Schauspieler zahlt der US-Staat, für die Kulisse sorgt Saddam Hussein. Die Sendezeit ist ausgebucht – täglich. Keine Probleme mit den Einschaltquoten – Krieg gewinnt. Drüben im Wüstenstaub Kampfanzüge, Gasmasken, "body bags", die Leichensäcke.
In Hollywood Kleider der Haute Couture, von den Diamanten-Giganten de Beers und Harry Winston an die Stars angeglichene Steine - dieser Kontrast erschien selbst den mit Exzessen vertrauten "Oscar"-Produzenten übertrieben. Also kein roter Teppich, sondern Entertainment im Gleichschritt mit den Kriegsmeldungen – die Kleiderfarben auf die nationale Stimmung abgestimmt, statt Glitzer nun der Kummer-Ton.
Schauspielerinnen wie Diane Lane oder Kate Hudson ließen sich von einem italienischen Designer schwarze Kleider zur Anprobe in die Villen liefern, der exklusive Schuhmacher Cesare Paciotti registrierte eine "erhebliche Nachfrage" nach seinen Produkten – schwarz, please.
Aus New York rettete sich der französische Operntenor Roberto Alagna und seine Frau Angela Gheorguin, deren Stimme so gewaltig ist wie ihre Temperamentsausbrüche, nach Paris – die "Met" und "Faust" schien ihm in diesen kriegerischen Tagen zu gefährlich. Am anderen Ende des US-Kontinents sagte Will Smith, der einen "Oscar" überreichen sollte, seinen Auftritt im "Kodak"-Theater ab, weil er nicht fröhlich sein kann, wenn Bomben fallen.
Der finnische Regisseur Aki Kaurismaki, dessen Film "The man without the past" für die "best foreign language film"-Kategorie nominiert worden war, hat seinen Auftritt in Hollywood ebenfalls abgesagt, um gegen das "Verbrechen gegen die Menschlichkeit" zu protestieren, das aus "schamlosen wirtschaftlichen Interesse begangen wird".
Elton John reservierte, wie täglich, am Morgen vor der "Oscar"-Verleihung im "Beverly Hills Hotel" einen Tennisplatz. Er spielt mit einem aus London eingeflogenen Privattrainer, der Bodyguard, groß und stark, so wie’s sein soll, sammelt die Bälle auf. Routine auch für Wolfgang Puck, den österreichischen Starkoch, der zum neunten Mal die "Oscar"-Welt beköstigt. Auftritt bei E-Entertainment, Fernsehshow, Interview: er führt die in "Oscar"-Form zugeschnittenen Appetithäppchen vor – Lachs mit Kaviar. Und für all jene, die keinen "Oscar" gewinnen konnten, serviert Puck einen aus Schokolade.
"Vanity Fair", das Lifestyle-Magazin, das nach dem "Ah" und "Oh" des "Oscar"-Theaters, die Hollywood-Society für eine Million Dollar teure Post-Oscar-Party versammelt, hat den roten Teppich verbannt, wie auch die Paparazzi und Reporter, die ohnehin die Fröhlichkeit mit ihren Blitzlichtern und Fragen dämpfen. Und obendrein das Buffet leerräumen – welch Wunder bei ihren Hungerlöhnen.
Wie die Zirkusdirektoren seit Jahrhunderten befinden, wenn ein Trapezkünstler ohne Netz arbeitete und sich nach einem Sturz das Genick brach, "The show must go on". Nur dreimal ist die "Oscar"-Übertragung in ihrer 75 Jahre langen Geschichte verschoben worden – nach der Ermordung des Bürgerrechtsführers Martin Luther King, einem Attentatsversuch auf US-Präsident Ronald Reagan und einer Flutkatastrophe in L.A. 1938.
Hat nicht auch das Orchester weitergespielt, als die "Titanic" in den Eisberg dampfte und versackte – die Musiker ein wenig aus dem Takt, doch trotz nasser Füße enthusiastisch? Im Zweiten Weltkrieg kommandierte das US-Verteidigungsministerium eine Jazzband an die Pazifikfront, die mit der Marineinfanterie an den Stränden landete. Die Kameraden töteten die Japaner, die Jazzer spielten "When the saints go marching in".
Und Amerika siegte. Was sonst? "Der Baum der Freiheit muss von Zeit zu Zeit durch das Blut von Patrioten und Tyrannen erfrischt werden", hat Thomas Jefferson einmal formuliert - nun ist's wieder so weit, die Gewalt gedeiht. Nur Amerika jubelt nicht. Nur einer unter vier Kaliforniern, hat sich, ermittelten Meinungsforscher, für den militärischen Einsatz ausgesprochen.
Keine Kriegsrhetorik hier – Widerstand in San Francisco, Betroffenheit, Resignation in L.A. Nachdem die arabischen Terroristen ihre Jets in die New Yorker Wolkenkratzer gesteuert hatten, eine Kriegserklärung à la Pearl Harbor, anno 1941, flatterte an nahezu jedem Ferrari, Bentley oder Ford, das Sternenbanner.
Irak? "God bless America", das Lied der Patrioten, die Hymne der nationalen Einheit, begleitet das nationale Drama nicht, wie damals im September: Statt Einheit, Zweifel. Zerrissenheit. Bei den Oscar-Verleihungen dürfen die Stars 45 Sekunden reden – auch gegen den Krieg, oder für George Bush. Bei Überziehung des Zeitlimits leuchten am Teleprompter rote Lampen auf. Ein Wort mehr, und die Trompeter des Orchesters blasen die Sprecher nieder.
Die Nation hat sich an die Kontrollen, am Flugplatz, im Basketballstadion gewöhnt. Täglich mehr. Ausweiskontrollen vor dem "Kodak"-Theater, einfach so. Wer ist Terrorist, wo ist der Terrorist? Immer neue Restriktionen, Repressionen, Angst, made in America.
Das FBI hat nun irakische Einwanderer, auch jene, die Staatsbürger sind, verhört, Asyl-Bewerber, vor allem die aus islamischen Staaten, werden fortan bei der Einreise inhaftiert, in Lagern verwahrt über Monate. In seinem Bestseller, "Die Nackten und die Toten", lässt Norman Mailer einen General in etwa sagen: Du bist ein Dummkopf, wenn Du nicht begreifen willst, dass dieses das reaktionäre Jahrhundert sein wird, vielleicht auf 1.000 Jahre.
Das war 1948. Heute – einmal mehr - das Misstrauen vor dem Missbrauch der Macht. Amerika, so hat Norman Mailer Ende Februar bei einem Vortrag in L.A. gewarnt, könnte "zu einer Mega-Bananen-Republik verkommen", in der die Streitkräfte immer einflussreicher, die Generäle, immer mächtiger werden. Irak, glaubt Mailer, sei nur eine Entschuldigung – Amerika wolle "ein Weltreich aufbauen". Die Nation marschiert, nur nicht im Gleichschritt.
Aufgeklärte US-Bürger wissen schon seit Vietnam, als die Schießkrieger in den Reisfeldern versackten, dass Amerika, the beautiful, seine Unschuld verloren hat. Sicher, einige deutsche Austauschschüler sind wegen deutscher Friedens-Politiker beleidigt, die "French Fries" sind nun zu "Freiheitskartoffeln", der "French Kiss" zu einer sexuellen Perversion erklärt worden, nur es existiert das andere, das friedliche Amerika, das sich allein in L.A. auf 10 Websites gegen den Krieg vereint. Erst am Donnerstag legten Antikriegs-Demonstranten San Francisco lahm.
Larchmont, L.A., eine anmutige Einkaufsstraße. Straßencafés, die "Latte"-Society, die bei "Starbucks" die US-Kaffee-Kultur zelebrieren. Drehbuchschreiber. Hollywood-Figuren. Yogastudios für Schwangere. Eine schöne Französin, Journalistin, Globetrotter, steht an der Kasse des Supermarktes.
Die Kassiererin hört den Akzent: "Sind Sie Französin?" Schreck-Sekunde. Die schöne Aline, die Zentralamerika im Bus durchquerte und in Indien Leprakranken pflegt, gesteht: "Oui, oui". "Danke, Dank, an ihr Volk, ihren Präsidenten, dass sie sich für den Frieden einsetzen". Erleichtert steht sie auf der Straße, in zwölf Tagen hat sie kein böses Wort gegen ihr Land gehört, nur, dass die Hotels in Paris so teuer sind und die Taxifahrer rauchen – so wie's schon vor dem Krieg war.
Es sind nicht nur einige Birkenstock-Träger (der Laden an der "Melrose Avenue" gilt nicht als Fachgeschäft für Fußkranke, sondern Modeboutique), die Yogaapostel oder jene "tree huggers", die Baumbeschützer, die Woche um Woche in den "Redwoods" hocken, um die Holzfäller daran zu hindern, die gigantischen Bäume auf Kleinholz zu reduzieren, sondern Millionen und Millionen in den USA, die den Krieg nicht wollen, aber so wenig wissen, wie sie, nachdem nun die Bomben fallen, den Frieden wieder herstellen können.
Diese Amerikaner sind aufgebracht wie Russen, Deutsche oder Franzosen - auch sie haben Bush nicht gewählt. Warum, so ein Witz, der nun im Internet kursiert, hat George Bush in der Uno die nötigen Stimmen nicht zusammengebracht? Weil sein Bruder keinen Einfluss auf die Auszählung hatte.
Oben in San Francisco ist ein Franziskaner-Abt aktiv, Louis Vitale, sein Kloster versorgt jeden Tag mehr als 2.200 Obdachlose. Für einige Monate hat er seine Brüder verlassen müssen – Louis Vitale hat gegen den US-Militarismus demonstriert. Zu sechs Monaten haben die Mächtigen den Mönch verurteilt, drei Monate hockte er hinter Gittern, ein Gefangener mit Gewissen.
Der Mönch hat sich nicht beklagt. Einer seiner Freunde, ein Jesuit, hat bislang, insgesamt, sieben Jahre, gesessen, weil er immer wieder gegen den Krieg, gegen die Aufrüstung demonstrierte. Oder die Greenpeace-Anwältin, die auf einem Raketenabschussgelände an Kaliforniens Küste einen Computer zerstörte. Sie saß länger im Zuchthaus als manche Mörderin.
23 Jahre alt ist Rachel Corrie geworden. Als sie vor wenigen Tagen in einem Palästinenser-Flüchtlingslager in Gaza versuchte, einen israelischen Militärbulldozer aufzuhalten, der Häuser zerstören wollte, walzte der Bulldozer sie nieder. Sorry, sagten die Militärs. Und – selbst Schuld. Krieg ist eben nichts für Mädchen, die Frieden wollen.
Werden trotz der Zerstörungen in dem Wüstenstaat wieder 45 Millionen US-Bürger vor dem Fernseher sitzen wie bei der "Oscar"-Show im Vorjahr und verfolgen, ob Roman Polanski für sein "The Pianist" mit einem "Oscar" geehrt, oder Daniel Day Lewis, für seine Darstellung in "The Gangs of New York" einmal mehr bejubelt wird?
Day Lewis, Schwiegersohn des nachdenklichen Arthur Miller, würde womöglich die rechten Worte finden bei den "Oscar"-Verleihungen, stellvertretend für die Amis, die sich in ihrem Frust und Protest vereint fühlen. "Wir wissen nicht, was es kosten und was danach wird", kommentierte L.A. Times Kolumnist Steve Lopez, nur "wir ziehen gleichwohl in den Krieg. Wir können Millionen Kinder nicht aus miserablen Schulen befreien, nicht die Millionen von Bürgern retten, die ohne Krankenversicherung sind, aber wir ziehen in den Krieg. Man muss diese Logik begreifen können". Nur, Bush, so schreibt Lopez, "ist nicht allein. Gott ist in seiner Mannschaft, hat er uns verkündet, und deshalb kann er gut schlafen".
Im Gegensatz zum "Fliegenden Holländer". Der sucht alle sieben Jahre Erlösung durch eine Frau. Und als er eine findet, treibt ein Missverständnis das Paar in den Tod. Und die Geister singen dazu. Die Premiere – einen Tag vor den "Oscars" – Und die Frage Wagners: "Wann dröhnt er, der Vernichtungsschlag, mit dem die Welt zusammenkracht?"
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