New York - Am 25. Februar war die Welt noch in Ordnung. Zumindest, was die Beziehungen zwischen der US-Regierung und dem arabischen Fernsehsender al-Dschasira anging. Verteidigungsminister Donald Rumsfeld nutzte ein langes Interview, um seine Sicht der Dinge auch den rund 45 Millionen Zuschauern von al-Dschasira nahezubringen.
Auch in den folgenden Wochen bemühten sich beide Seiten um gute Beziehungen. Berichten der "New York Times" zufolge verschickte Omar Beck, Nachrichtenchef des arabischen Senders, mehrere Einladungen zum Barbecue an Presseoffiziere des US-Hauptquartiers in Katar. Und diese bedankten sich mit besonderer Aufmerksamkeit. Al-Dschasira kam in den Genuss einen VIP-Service, der bisher den großen US-Networks vorbehalten war: Einen eigenen Verbindungoffizier, der sich um Drehgenehmigungen und technische Unterstützung kümmerte. Für die arabischen Reporter sollten sogar einige der besten Plätze in US-Militärkonvois freigehalten werden.
"Diese Bilder sind abstoßend"
Dann kam der 23. März. Wie viele andere Sender in Europa und den USA zeigte al-Dschasira verschreckte amerikanische Kriegsgefangene, die durch Reporter des irakischen Fernsehens verhört werden. Die Senderchefs in Katar ließen sich auch nicht davon abbringen, grausige Bilder von toten amerikanischen Soldaten zu zeigen, die im Kampf um Nassirija gefallen waren. Schlagartig war es mit den Freundlichkeiten vorbei: "Diese Bilder sind abstoßend", sagte Armee General John Abizaid in einer Pressekonferenz und forderte alle anderen Sender dazu auf, diese Bilder nicht zu senden.
Araber unerwünscht: New York Stock Exchange
Angriffe auf die Website
Am Dienstag dagegen sagte NYSE-Vizepräsident Robert Zito: "Seit dem Krieg haben wir sehr viele Anfragen, deshalb müssen wir Prioritäten setzen. Oben auf unserer Liste sind Sender, die Wirtschaftsnachrichten in einer sehr verantwortungsbewussten Form bringen. Al-Dschasira ist kein Sender für Wirtschaftsnachrichten". Nachfragen, ob die überraschende Entscheidung etwas mit der Berichterstattung des arabischen Senders über den Irak-Krieg zu tun habe, beantwortete Zito nicht. Ein anderer Börsenfunktionär, der anonym bleiben wollte, bestätigte der kanadischen "Globe and Mail" jedoch, dass die Bilder aus dem Irak sehr wohl für die Ächtung von al-Sankari und seinem Kollegen Ramsey Shiber verantwortlich gewesen seien.
In den USA erlaubt: Bild eines toten irakischen Soldaten
Natürlich beschwerten sich die Verantwortlichen von Al-Dschasira. In ihrer Presseerklärung nennen sie den Schritt der NYSE einen bedenklichen Einschnitt in die Pressefreiheit und "bitten die NYSE dringend, diese Entscheidung noch einmal zu überdenken". Auch bei US-Medienexperten hat der Vorfall in New York heftige Gegenwehr ausgelöst. Mitchel Stephens, Journalistik-Professor an der New York University, nannte die Entscheidung der Börse empörend und kurzsichtig: "Al-Dschasira mag in mancherlei Hinsicht parteiisch berichten. Dennoch ist der Sender eine wichtige Quelle unabhängiger Informationen für arabische Länder. Die Wall Street ist ein Teil der Berichterstattung über diesen Krieg. Das al-Dschasira nun auf diesen Aspekt verzichten soll, ist meiner Meinung nach dumm und eine Bedrohung für das weltweite Nachrichtengeschäft." Journalistik-Experte Bob Steele vom Poynter Institut befürchtet sogar, dass "amerikanische Journalisten nun in anderen Ländern die journalistische Arbeit erschwert werden könnte."
Auf den verbalen Gegenangriff von arabischer Seite mussten die Amerikaner nicht lange warten. Arab-News-Kommentator Raid Qusti schlug für CNN einen neuen Werbeslogan vor: "CNN, ein Unternehmen der US-Regierung".
Carsten Matthäus
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Kultur | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Gesellschaft | RSS |
| alles zum Thema Irak-Krieg | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2003
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH