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29.03.2003
 

Kritik an Friedenskultur

Die Alten sagen "Dresden", die Jungen sagen "Öl"

Wie selten zuvor in Deutschland sind sich Regierung, Intellektuelle und das Volk einig: Amerikas Krieg gegen den Irak ist falsch, ja verheerend. Doch zögerlich wird Unbehagen an der neuen „Peace“-Kultur laut: Kritiker warnen vor Realitäts-Blindheit und fordern Unterstützung für einen schnellen Sieg.

Friedensdemonstrant (in Hamburg): "Update eingespielter Denkrituale“
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REUTERS

Friedensdemonstrant (in Hamburg): "Update eingespielter Denkrituale“

"Dass der Pazifismus in Deutschland tot ist, das wussten wir“, schrieb Bernd Ulrich, demnächst stellvertretender Chefredakteur der "Zeit“. "Aber dass er so tot ist, wie es sich angesichts des amerikanischen Krieges gegen den Irak zeigt, ist überraschend.“

Diese erstaunliche Einschätzung ist gut vier Jahre alt und stammt vom Dezember 1998. US-Präsident Bill Clinton, mitten im Schlamassel der Lewinsky-Affäre, hatte gezielte Angriffe auf irakische Waffenfabriken befohlen. "Die abstrakte Gewaltfreiheit ist intellektuell abgeräumt“, lautete das Fazit des anerkannten Kommentators.

Wie man sich irren kann. Heute bestaunen die Leitartikler der Republik die wundersame Renaissance der deutschen Friedensbewegung: Hunderttausende Demonstranten im ganzen Land, unzählige Aktionen und Friedensbekenntnisse auf wehenden Fahnen und an Häuserwänden. Mehr noch: Der Protest gegen den Irak-Krieg der Bush-Administration eint Regierung, Intellektuelle und Volk wie nie zuvor in der deutschen Nachkriegsgeschichte. Die Wiederauferstehung der Leipziger "Montagsdemonstrationen“ wirkt da wie ein historisches Signal.

Der Historiker Jörg Friedrich, Autor eines Bestsellers über den Luftkrieg gegen deutsche Städte zwischen 1943 und 1945, artikuliert den spezifisch nationalen Tenor der Kriegsgegnerschaft: "Die Haltung der Deutschen und ihr seelischer Platz ist seit 1945 unter der Bombe und nie im Bomber.“ Von einer "Befreiung“ durch die Alliierten, wie bei der Rede Richard von Weizsäckers 1985 – keine Spur mehr.

Tatsächlich scheint es vielen vor allem um ihren eigenen "seelischen Platz“ zu gehen: Immer Opfer, niemals Täter.

Es ist, als seien alle einer Meinung – außer Friedbert Pflüger, Angela Merkel und Wolf Biermann. "Kein Bellizist löckt mehr wider den pazifistischen Stachel“, wundert sich Ijoma Mangold in der "Süddeutschen Zeitung“ über die "erlahmte Streitlust“ der deutschen Intellektuellen. Stattdessen: Ein "Update eingespielter Denkrituale“. Das "Peace“-Zeichen und Friedenslosungen auf Regenbogenflaggen sind derart zu Staatssymbolen der Bundesrepublik geworden, dass der Verband Deutscher Schriftsteller (VS) Gerhard Schröder und Joschka Fischer ganz folgerichtig für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen hat. Im Frühjahr 1999, während des Kosovo-Krieges, wurden sie noch als "Kriegsverbrecher“ und "Völkermörder“ beschimpft. Auf Protestplakaten versah man ihre Konterfeis mit Hitlerbärtchen.

Selbst zu Zeiten der Massenproteste gegen die atomare Nachrüstung Anfang der achtziger Jahre gab es keinen derart großen, alle ideologischen Lager, Parteien und Generationen übergreifenden nationalen Konsens. Er reicht von Peter Gauweiler zu den No Angels, von Harald Schmidt bis Jürgen Fliege, von Katja Ebstein zu den Klitschko-Brüdern und Kardinal Lehmann.

Dichter Enzensberger: "Wenn ich mir nicht sicher bin, halte ich lieber den Mund"
DPA

Dichter Enzensberger: "Wenn ich mir nicht sicher bin, halte ich lieber den Mund"

Das massenhafte Friedensengagement von Schülerinnen und Schülern ruft nebenbei erste medienpädagogische Ermahnungen hervor. So sah sich der Entertainer Stefan Raab in seiner Sendung "TV total“ persönlich aufgerufen, all jenen Jugendlichen, die 1983 noch nicht vor Mutlangen in der Menschenkette stehen konnten, den grafischen Unterschied zwischen dem Peace-Zeichen und einem ordinären Mercedes-Stern zu erklären.

Im übrigen aber waltet ein großes kreatives Einverständnis. In Berlin Mitte drapiert die konjunkturell verarmte Glamour-Szene weiße Bettlaken mit "No War!“ an die Fassaden, ein aktueller Trend, über den die Stil-Forscher der "Kulturzeit“ auf 3sat in einem kunstvollen Filmbeitrag ausführlich berichteten. Besorgte Gastwirte schreiben mit weißer Kreide Friedensparolen statt des Mittagsmenus auf ihre Speisekarten – "Gegen den imperialistischen Raubkrieg!“ –, und eine Künstlerin aus Friedrichshain stellt jeden Tag zehn weiße Holzkreuze auf den benachbarten Rudolfplatz – bis der Krieg zu Ende ist.

Die eindeutige, den Krieg von Anfang an ablehnende Haltung der rot-grünen Regierung hat zu dieser Stimmungslage gewiss beigetragen. Das größte Verdienst an der zweiten, vor allem auch emotionalen Wiedervereinigung der Deutschen im Zeichen des Weltfriedens gebührt allerdings George "Diabolo“ Bush und seinen engsten politischen Beratern. "Bolschewisten der neokonservativen Revolution“ nannte sie kürzlich Altrevolutionär Daniel Cohn-Bendit, und tatsächlich: Die besten Argumente gegen den Irak-Krieg kamen stets und zuverlässig von seinen entschiedensten Befürwortern in Washington, die die Welt nach ihrem Bilde neu ordnen wollen und dabei das Völkerrecht in die eigene Hand nehmen.

Ihr weithin selbstherrliches, rücksichtsloses Vorgehen mit den "special effects" der Rumsfeld-Rhetorik und der rasanten Vorwärts-Strategie des Old-Europe-Bashings irritierte selbst hartgesottene Freunde Amerikas, rotweinselige Verteidiger des französischen Rohmilchkäses und erprobte Bellizisten des deutschen Feuilletons. So nicht! lautet die Losung der Erbosten.

Doch es gibt Schattierungen. Während sich der Schriftsteller Peter Schneider klar gegen die rüde Gangart der amerikanischen Kriegsvorbereitung äußerte, zog es Hans Magnus Enzensberger vor, sein lautes Schweigen kurz, aber eindrucksvoll zu begründen: "Wenn ich mir nicht sicher bin, halte ich lieber den Mund“ sagte er im SPIEGEL. An gleicher Stelle hatte er 1991 noch einen spektakulären Essay veröffentlicht, in dem er Saddam Hussein mit Adolf Hitler verglich.

Zwölf Jahre später wagen sich nur wenige prominente Stimmen vor, unter ihnen der Romancier Leon de Winter und der ungarische Autor György Konrad, Präsident der Akademie der Künste zu Berlin, der 1999 noch geäußert hatte, Menschen im Namen der Menschenrechte zu bombardieren sei ein Irrtum. Beide kommen aus jüdischen Familien und verweisen auf die europäische Erfahrung von Faschismus und Stalinismus. Doch ihre Argumente finden derzeit kaum ein Echo in Deutschland.

  • 1. Teil: Die Alten sagen "Dresden", die Jungen sagen "Öl"
  • 2. Teil

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