Im Gegenteil. Immer wenn, so wie jüngst bei einer Diskussion über den Irakkrieg in der Evangelischen Akademie Tutzing, für eine Beseitigung des totalitären, menschenverachtenden Saddam-Regimes plädiert wird, zischt die Empörung des Publikums durch die Reihen. Wie kann man nur! Die Organisatoren der "Kurzfilmtage“ in Oberhausen luden gar alle Teilnehmer aus "kriegsbefürwortenden Staaten“ wieder aus – Motto: Schaut nicht bei Spaniern! –, sahen sich aber vergangene Woche wegen der Idee, Künstler für die Haltung ihrer Regierung haftbar zu machen, auch harter öffentlicher Kritik ausgesetzt.
Es bleibt dabei: Vom Enkel in Oldenburg bis zur Großmutter am Starnberger See regiert die Überzeugung, dass ein trockener Alkoholiker im Weißen Haus, der außer Texas und dem Militärflughafen auf den Azoren kaum etwas von der Welt gesehen hat, mit einstudiertem Cowboy-Gang und fundamentalchristlicher Gottesgewissheit sein High-Noon-Erlebnis zelebriert, mit dem er auch noch die Schmach seines Vaters rächen und der US-Ölindustrie einen Gefallen tun will. Kurz: Das Oberhaupt eines "grenzdebilen Waffenfuchtlervereins“, wie der Zukunftsforscher Mathias Horx schmähte.
Idealtypisch hat der Filmemacher Wim Wenders am ersten Angriffstag den neuen deutschen Friedenskonsens formuliert: "Krieg gehört zum Schlimmsten, was Menschen einander antun können. Auch der moderne, computergesteuerte Krieg verursacht Opfer, selbst wenn die Kriegsberichterstattung das gerne unterschlägt. Das erste Opfer eines Krieges ist seit jeher die Wahrheit.“
Die Worte sind bewusst gewählt und sie drücken etwas Richtiges aus. Doch wie kommt es, dass sie zugleich wie ein Mantra klingen, wie eine Sammlung abgewetzter Klischees, die von jeder Jungschauspielerin in jeder beliebigen Talkshow zum Besten gegeben werden? Weil diese Worte schon tausendmal ausgesprochen worden sind? Weil irgendwann jede Wahrheit zum Allgemeinplatz wird?
Nur sehr zögerlich wird ein gewisses Unbehagen an der neuesten deutschen Friedenskultur laut, auch und gerade unter jenen, die diesen Krieg mit guten Argumenten kritisiert haben – Argumente, die sich mit jeder fehlgegangenen Rakete, die unschuldige Zivilisten tötet, tragisch zu bestätigen scheinen.
Unter der Überschrift "Hallo, Ihr Protestierenden, aufwachen!“ meldete sich vergangene Woche ausgerechnet in der friedensbewegten "taz“ ein Autor zu Wort, der selbst zu den Demonstranten zählt. Auf jenen Protestmärschen, die bislang immer für ihre junge, frische, unideologische Atmosphäre gelobt wurden – "SOS per SMS“ –, beschleiche ihn zunehmend das Gefühl, "sich unter Leuten zu bewegen, die dabei sind, sich von der Realität abzukoppeln“– ganz so, wie es bei Teilen der Linken in den neunziger Jahren der Fall gewesen sei. Das bloße Nein reiche nicht aus:"Wenn wir sicherstellen wollen, dass die Iraker tatsächlich jene Demokratie bekommen, die ihnen versprochen worden ist, sollten wir besser auf einen möglichst raschen Sieg der Alliierten hoffen.“
Solche erschreckend pragmatischen Schlussfolgerungen gelten den meisten Deutschen als blanker Zynismus und sind allenfalls Exil-Irakern und überlebenden Folteropfern gestattet.
Über die seltsamen Schweigegebote unter deutschen Friedensfreunde klagt denn auch Jan Ross in der "Zeit“. Dass Konflikte mitunter nur mit Gewalt zu lösen seien, gelte derzeit als "das Unantastbare schlechthin, ein moralisches Sperrgebiet, ein beinahe oder buchstäblich religiös bewehrtes Tabu“.
Dem Autor Ross stößt dabei ein "besonders ungenießbares Gutmenschentum auf, der schlechte Geschmack von politischem Kitsch“.
"Gutmenschen“ versus "Kriegstreiber“: dieser reflexhafte Streit verabschiedet jede ernsthafte Diskussion, bevor sie überhaupt begonnen hat. Es ist ja alles klar: Die Alten sagen "Dresden“, die Jungen sagen "Öl“. Und viele Künstler geben sich wie der Münchner Staatsschauspiel-Intendant Dieter Dorn als Hüter zeitloser Moral: "Es gibt keinen Krieg, der dazu verhelfen könnte, Frieden oder auch nur zivile Zustände herzustellen.“
Es scheint, als hätten die Intellektuellen dabei noch gar nicht gemerkt, dass mit dem populären Friedens-Chic ihre traditionelle Rolle als einsame Mahner und Warner eher leidet als wächst. Wozu braucht es die Statements der denkenden Klasse, wenn das Bekenntnis gegen den Krieg zum Mainstream-Comment auf jeder Party gehört?
Es droht, da sind sich dieser Tage viele Geistesmenschen sicher, ein "Weltenbrand“, zumindest aber eine dramatische Destabilisierung der arabischen Welt, "die Motivierung zu anschwellendem Terrorismus, zu weiterer Gewalt und Gegengewalt“, wie Günter Grass auf der Leipziger Buchmesse vorhersagte.
"Apocalypse Now“ prangt in riesigen Lettern an der Berliner "Volksbühne“, und Claus Peymann, Intendant des Berliner Ensembles, prophezeite bereits den "Untergang Amerikas, wenn nicht des Westens überhaupt“. Hier sei der nackte Wahnsinn am Werke.
Nur einen kleinen Lichtblick konnte Peymann ausmachen:Mit der Spaßgesellschaft sei es nun mal wieder und endgültig vorbei. Des Meisters Beitrag zur neuen Ernsthaftigkeit findet sich gleich auf dem Theaterspielplan: Ende Juni kommt seine Inszenierung von Brechts Kapitalismus-Klassiker "Die heilige Johanna der Schlachthöfe“ heraus.
Eine Frage allerdings stellen sich deutsche Intellektuelle praktisch nie: Ob die Ereignisse am Ende womöglich doch anders verlaufen könnten als sie prophezeit haben, ob aus dem gegenwärtigen Unheil vielleicht doch noch etwas Gutes und Zukunftsträchtiges erwachsen könnte, ob es also, wie die Zürcher "Weltwoche“ formulierte, etwas Drittes gäbe zwischen "realitätsblinder Moral und moralvergessener Realpolitik“.
Das historische Gedächtnis aber ist kurz. Ob beim Golfkrieg 1991, beim Kosovo-Krieg 1999 oder dem Afghanistan-Feldzug 2001 – jedes Mal wurden die schwärzesten Untergangsszenarien bemüht, und jedes Mal blieben sie aus. Die Wirklichkeit ist bis heute schlimm genug.
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