Herr Mankell, Sie sind in Deutschland vor allem als Krimiautor bekannt, dennoch haben Sie im vergangenen Jahr in Graz ihr Stück "Butterfly Blues“ inszeniert und führen jetzt in Frankfurt bei "Zeit im Dunkeln“ Regie. Wie kam es zu der Zusammenarbeit mit dem Frankfurter Schauspiel, wo das Stück am 4. Mai Premiere feiert?
Henning Mankell: Die Intendantin Elisabeth Schweeger hatte von dem Stück gehört und fragte mich, ob ich es für das Schauspiel Frankfurt inszenieren könne. In Deutschland war sie eben die Erste, die mich gefragt hat. Das Stück wird auch in anderen deutschen Theatern aufgeführt werden. Wo, ist noch nicht klar. Es ist eine große Herausforderung für mich, weil ich hier mit sehr guten Schauspielern zusammenarbeiten kann. Mit denen, die ich für die Rollen wollte: Udo Samel, der in dem Stück den Vater spielt, ist Gast am Schauspiel, Nicola Gründel gehört zum Ensemble. Das ist der Grund, weshalb ich hier bin.
SPIEGEL ONLINE: Sie haben ein sehr aktuelles Thema ausgewählt, doch normalerweise bekommt man in den Medien nur dann etwas über illegale Flüchtlinge zu hören, wenn etwas Schreckliches passiert ist. Sie dagegen beschreiben die Emotionen zweier Flüchtlinge, die illegal in einer Wohnung hausen und ständig Angst vor ihrer Entdeckung haben müssen.
Mankell: Ich glaube, das Fernsehen und die Zeitungen können uns am besten über die grausamen Ereignisse informieren: Flüchtlinge, die einen fürchterlichen Tod im Container erlitten haben, Flüchtlinge, die tot am Meer in Spanien angespült werden. Das Theater dagegen kann sehr viel besser ausdrücken, welche Folgen es hat, wenn Menschen gezwungen werden, im Untergrund und ohne Identität leben zu müssen. Was passiert mit ihnen, durch welche Art von Deformation müssen sie hindurchgehen. Ich möchte über Menschen in solchen extremen Situationen sprechen.
SPIEGEL ONLINE: Die Erfahrung, die die beiden Menschen machen, ist erschütternd. Welches Ziel sollte Ihrer Ansicht nach die europäische Asylpolitik verfolgen?
Henning Mankell hat lange vor seinem Engagement für das Theater in seiner Wahlheimat Maputo/Mosambik in Schweden als
Regisseur gearbeitet und ein Theater geleitet. Zum ersten Mal inszenierte er als 19- jähriger ein Bühnenstück.
In den Bestsellerlisten rangiert Mankell derzeit mit seinem politischen Roman "Tea Bag". Am 18. Juli erscheint Henning Mankells neuer Kriminalroman "Vor dem Frost“ (Zsolnay Verlag). Erstmals tritt dort Linda Wallander als Polizeianwärterin in die Fußstapfen ihres berühmten Vaters. Gemeinsam lösen die beiden einen grausamen Fall.
SPIEGEL ONLINE: Was sagen Sie den Menschen, die gegen solch eine Politik der offenen Grenzen argumentieren?
Mankell: Wir brauchen eine Menge Leute hier, weil es viel Arbeit gibt. Vieles wird nicht in Angriff genommen. Wer soll für uns sorgen, wenn wir alt werden, wenn wir keine junge Generation haben, die hierher kommt. Das ist doch so einfach zu begreifen. In zehn, zwanzig Jahren wird das Verhältnis von arbeitenden und in Rente lebenden Menschen zwei zu eins sein, früher war das Verhältnis fünfzehn zu eins. Leute wie Le Pen und Haider haben absolut Unrecht.
SPIEGEL ONLINE: In Ihrem sehr intensiven Kammerspiel entgleitet die Tochter ihrem Vater immer mehr, zieht seine Autorität in Zweifel. Hat Sie an dem Stück am meisten der Generationskonflikt interessiert, in dem sich Vater und Tochter befinden?
Mankell: Es gibt in dem Stück eine dritte Person, die immer im Hintergrund ist. Das ist die Mutter der Familie. Sie ist tot, gestorben bei dem Fluchtversuch, aber immer anwesend. Es geht weniger um Generationen, sondern um die Situation in einer Familie, in der jemand vor wenigen Monaten gestorben ist. Nicht die Beziehung von Tochter und Vater steht im Vordergrund sondern die Familie, die tragischerweise ihre Mutter verloren hat.
SPIEGEL ONLINE: Seit vielen Jahren leiten Sie ein Schauspielhaus in Mosambik. Ist das Theater für Sie ein Mittel, um überall auf der Welt Emotionen auszudrücken – so, wie man es auch aus den Theaterexperimenten von Peter Brook kennt? Spricht Theater eine universelle Sprache?
Mankell: Ja, ich denke schon, das Living Theatre ist in der heutigen Zeit sehr wichtig für uns. So können wir zusammen arbeiten, auch wenn wir aus unterschiedlichen Ländern kommen, verschiedene Sprachen sprechen und verschiedene Hautfarben haben. Man kann sich doch kein Theater ausdenken, an dem Rassismus eine Rolle spielt. Living Theatre ist an Beispiel dafür, wie die Welt sein könnte.
SPIEGEL ONLINE: Sind die beiden Inszenierungen in Graz und Frankfurt für Sie der Beginn einer ständigen Theaterarbeit in Europa?
Mankell: Nein, auch wenn die Leute das annehmen. Ich hatte jetzt zwei Inszenierungen in Europa, aber es kann durchaus sein, dass ich dann für fünf oder sechs Jahre überhaupt nicht mehr in Europa Regie führen werden. Ich werde meine Theaterarbeit in Afrika fortführen. Da gibt es so viele Stoffe über die aktuellen Lebensbedingungen und die geschichtlichen Ereignisse, die äußerst wichtig sind. Und eines Tages werde ich da auch Hamlet inszenieren, vielleicht in zehn Jahren oder so.
SPIEGEL ONLINE: Müsste das Theater Ihrer Ansicht nach mehr aktuelle Themen aufgreifen?
Mankell: Nein, Leute, die Theater spielen müssen selbst herausfinden, aus sie machen wollen. Ich tue meine Dinge und werde nicht plötzlich aufstehen und sagen, das Theater sollte dies oder das tun. Aber was ich wirklich nicht leiden kann, ist opportunistisches Theater, das kein eigenes Ziel hat, das nur sich selbst genügt. Wenn ich selbst ins Theater gehe, dann erwarte ich, dass die Akteure glücklich sind, mich dort zu sehen, und mir wirklich etwas Wichtiges sagen wollen. Tun sie das nicht, gehe ich nach dem ersten Akt raus. Das habe ich schon häufig gemacht, wenn das Stück mir nichts zu sagen hatte.
SPIEGEL ONLINE: Viele Fans warten derweil auf Ihren neuen Kriminalroman "Vor dem Frost“. Hier spielt Linda, die Tochter ihres Krimihelden Kurt Wallander die Hauptrolle. Sie ist Polizeianwärterin in Ystad, ihr berühmter Vater taucht immer wieder auf, ebenso wie viele bekannte Figuren aus den ersten Wallander-Bänden. Warum schaffen Sie eine Krimifamilie?
Mankell: Ich kann Ihnen da keine intelligente Antwort geben. Ich dachte, es könnte eine lustige Idee für die Leser sein. Wenn diese Frage kommt, versuche ich immer, mir eine gute Antwort zu überlegen, doch ich habe einfach keine.
SPIEGEL ONLINE: In ihrem neuen Buch spielen Fundamentalisten, allerdings christliche, keine islamischen, eine große Rolle? Haben Sie selbst Angst vor dem wachsenden Terror in der Welt?
Mankell: Amerika spielt sich als Weltpolizei auf und hat seit dem 11. September zwei Kriege geführt. Mister Bush war mit Unterstützung Großbritanniens trotz aller Gegenargumente nicht davon abzuhalten. Diese fatalen Kriege werden mehr und mehr Terror produzieren.
Das Interview führte Kerstin Schneider
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