Von Henryk M. Broder
Zu den vielen Dingen, die mein Vater nicht leiden konnte, gehörte auch Fußball. Wenn er die Wahl hatte, schaute er sich lieber "Das Wort zum Sonntag" als das "Aktuelle Sportstudio" an, und wenn in der "Tagesschau" vermeldet wurde, wie der FC Köln gegen den FC Kaiserslautern gespielt hatte, dann knurrte er nur: "Schade, dass nicht beide verlieren konnten."
So geht es mir heute, wenn ich mir die TV-Beiträge über den Fall Friedman ansehe. Ich kann mich nicht entscheiden, wen ich fieser, mieser und bigotter finden soll, die Friedman-Ankläger oder die Friedman-Verteidiger. Schade, dass nicht beide Seiten in der Debatte verlieren können. Oder können sie es doch?
Fakt ist, dass die Diskussion libidinös hoch aufgeladen ist. Es geht um Sex, Nutten, Drogen, Geld, Fernsehen, Promis, Juden und Juristen. Eine größere Anhäufung von Reizbegriffen kann es kaum geben. Und während Friedmans Freunde ihn zum Opfer einer Verschwörung stilisieren, lassen Friedman-Gegner ihre klammheimliche Schadenfreude von der kurzen Leine. In einem sind sich freilich beide Fraktionen einig: Es ist eine supergeile Affäre, an der teilzunehmen eine moralische Pflicht ist. Da geht es zu wie früher bei den Kongressen zur Bekämpfung der Prostitution, deren Teilnehmer sich lustvoll darum mühten, der Prostitution und den Prostituierten zugleich auf den Leib zu rücken.
Milieu-Spezialist Rudolph, l.: "Jetzt ist Friedman vorbestraft"
Und dann ist da noch das Gerede von der "zweiten Chance", die man Friedman geben sollte, als hätte er seine ganze Kohle beim Strip-Poker in einer Hafenspelunke verloren. Der Mann hat alles mitgenommen, was das Leben einem Aufsteiger bieten kann, einschließlich Bärbel Schäfer. Jetzt stellt er sich hin und ruft: "Das kann doch nicht alles gewesen sein!" und "Alles auf Anfang!"
Um diese "zweite Chance" ging es gestern in "Hart aber fair" auf WDR 3, mit Frank Plasberg als Moderator und fünf Gästen als Experten: Claude-Oliver Rudolph (Schurken-Darsteller und Milieu-Experte), Jürgen Fliege (der Mann Gottes bei der ARD), Annette Kubicki (Rechtsberaterin von Jürgen Möllemann), Karen Duve (feministische Schriftstellerin) und Michael Jürgs (Ex-Redaktionsleiter des "Stern"). Es war eine jener Debatten, bei denen die Teilnehmer schon nach zehn, fünfzehn Minuten alles gesagt haben und dann nur noch aus Höflichkeit bis zum Ende durchhalten. Um über die ganze Strecke zu kommen, gab es einen Besuch in der Redaktion der bedeutenden Zeitschrift "Frau im Spiegel", wo man das Phänomen Promis und Presse aus eigener Erfahrung kennt: "Wir werden überschüttet von Angeboten!" Worauf Jürgs, der es wissen muss, klar stellte: "Richtige Promis rufen nicht bei 'Frau im Spiegel' an!"
TV-Pfarrer Fliege: "Kultur des Beistehens"
Annette Kubicki hatte mit Friedman noch weniger zu tun als die übrigen Teilnehmer der Runde, aber sie war die Anwältin von Jürgen Möllemann, also indirekt doch irgendwie mit Friedman verbandelt. Sie klagte, Friedman werde von der jüdischen Gemeinde "aufgefangen", während Möllemann "ausgestoßen und gejagt" wurde. Niemand habe Möllemann eine "zweite Chance" gegeben, Friedman dagegen dachte, "er sei unangreifbar", er sah sich in der gleichen "Opferrolle wie seine Familie". Schon wieder hat also ein Jude versucht, sein historisches Privileg schamlos auszunutzen. Da war es endlich, das kleine antisemitische Pferdefüßchen à la Möllemann, das man bis dahin in der Debatte vergeblich gesucht hatte. Auch dieser Unsinn blieb unwidersprochen.
Karen Duve, die zu Recht darauf hinwies, dass Kokain nicht Ausdruck einer Lebenskrise, sondern ein Lebensstil ist, bedauerte, dass Friedman die Gelegenheit versäumt habe, "den Männern ans Herz zu legen, die Finger von osteuropäischen Mädchen und Frauen zu lassen". Ja, hätte er sich doch nur ein paar Mädels aus Schleswig-Holstein aufs Zimmer bestellt, es wäre alles in Ordnung gewesen. Müssen wir damit rechnen, dass ver.di-Frauen demnächst mit der Parole "Deutsche Männer gehen zu deutschen Nutten!" über die Reeperbahn ziehen? Soll ausgerechnet beim Sex das Multikulti-Prinzip nicht mehr gelten?
Friedmans Auftritt vor der Presse letzten Dienstag war das beste Schmierentheater seit der Pressekonferenz im Jahre 1987, auf der Uwe Barschel seine Unschuld beteuert hatte. "Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, dass die gegen mich erhobenen Vorwürfe haltlos sind." Das hätte Friedman nie gesagt, dazu ist er zu klug. Dennoch geht das Schmierentheater weiter. "Jetzt ist Friedman vorbestraft", empörte sich Claude-Oliver Rudolph, "er kann nicht in den Bundestag gewählt werden, er bekommt keinen Waffenschein, er kann nicht Lehrer werden!" Und Jürgen Fliege forderte eine "Kultur des Beistehens", um arme und reiche Sünder zu resozialisieren.
Wird Friedman unter solchen Umständen jemals wieder normal leben? Keinen Koks schniefen, nur Korn trinken, die Finger von Frauen aus dem Osten lassen und seine vitalen Bedürfnisse nur noch innerhalb von "Kerneuropa" ausleben? Man sollte es ihm wünschen, schon um ihm die Demütigung zu ersparen, von Jürgen Fliege und Claude-Oliver Rudolph in Schutz genommen zu werden. Strafe muss sein. Aber Grausamkeiten sollten unterbleiben.
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