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16.07.2003
 

Krisenmanagement bei der "New York Times"

Die Krux der Korrekturen

Von Marc Pitzke, New York

Bill Keller, neuer Chefredakteur der skandalgeplagten "New York Times", hat eine Sisyphus-Arbeit vor sich. Das wurde bereits am Tag seiner Ernennung deutlich, als die Zeitung abermals eine peinliche Falschmeldung zurückziehen musste.

Gebäude der "New York Times" an der 43. Straße in Manhattan: Gigantische Gegendarstellung
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AP

Gebäude der "New York Times" an der 43. Straße in Manhattan: Gigantische Gegendarstellung

New York - Bill Kellers letzte Sonntagskolumne, veröffentlicht am 28. Juni, trug die ironische Überschrift "Mr. Diversity". Darin pflückte der Pulitzer-Preisträger mit stiller Wut den Obersten US-Bundesrichter Clarence Thomas auseinander, der sich, obwohl selbst ein Schwarzer, im ewigen Kampf der amerikanischen Rassen und Klassen seit Jahren eher auf die Seite der Erzkonservativen schlägt.

Das Stück, ein flammender Appell an soziales Gewissen, gesunden Menschenverstand und vor allem an die Überwindung menschlicher Kluften, las sich wie ein Bewerbungsschreiben um den vakanten Top-Job in Kellers eigenem Haus: der von Fälschungsskandalen, Redaktionsaufstand, Managementsturz und - ja, das auch - Klassen- und Rassenkämpfen geplagten "New York Times".

Offenbar war's das auch. Gestern kürte "Times"-Herausgeber Arthur Sulzberger Jr. den 54-jährigen "Mr. Diversity" Keller zum neuen Chefredakteur. Er soll das Blatt aus der tiefsten Krise seiner Geschichte führen. Und zwar ohne Blick zurück im Zorn: "Ein bisschen Selbstbeschau ist Balsam, aber zu viel ist Gift", versicherte Keller seiner Mannschaft in einer ersten, traditionellen Newsroom-Ansprache.

Zähneknirschendes Eingeständnis

Neuer Chefredakteur Keller: "Zusätzliche Sicherheitsvorkehrungen"
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Neuer Chefredakteur Keller: "Zusätzliche Sicherheitsvorkehrungen"

Der Zeitpunkt der Bekanntgabe hätte nicht besser gewählt sein können: In der Druck-Ausgabe desselben Tages hatte die Zeitung erneut eine komplette Meldung zurückziehen und eine ellenlange Korrektur drucken müssen, die das ursprüngliche Stück fast Wort für Wort, Satz für Satz, Absatz für Absatz widerlegte. Eine Peinlichkeit, die, obwohl noch am Vormittag via CNN schadenfroh durch die Nation posaunt, von Kellers Beförderung dann ganz aus den Haupt-Abendnachrichten verdrängt wurde.

Der Tag hatte eigentlich lausig begonnen für die Redaktion. Exakt 2142 Worte zählte die Korrekturmeldung, die auf der Aufmacherseite des Wirtschaftsteils begann und im Innenteil über eine bleierne Halbseite hinweg weiter lief. Hinzu kam eine längliche redaktionelle Notiz auf Seite zwei. Nicht ganz so lang wie der Beginn aller Unbill, jenes zähneknirschende Eingeständnis des Plagiators Jayson Blair im Mai, das rund 7500 Wörter gezählt hatte. Aber nicht minder unangenehm. Fehler kommen immer mal vor. Doch schon wieder ein so eklatanter? Und gerade jetzt, wo jeder Medienkritiker die "New York Times" mit der Spottlupe liest?

Das Thema der inkriminierenden Geschichte war indes nur für Insider von Interesse: Es ging um die Geschäfte des New Yorker Plattenproduzenten Steve Gottlieb und dessen diverse juristische Dissonanzen mit Branchenrivalen und Finanziers. Gottlieb, so hatte Reporterin Lynette Holloway vorige Woche "exklusiv" berichtet, habe, nachdem er einen Millionenkredit nicht zurückzahlen konnte, seine Firma TVT Records an die Bank verloren.

Fundamentale Missverständnisse

Zurückgetretene "Times"-Chefs Raines, Boyd: "Angst und Terror"
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Zurückgetretene "Times"-Chefs Raines, Boyd: "Angst und Terror"

Leider war das falsch. Und nicht nur das: Der gesamte "Enthüllungsartikel" Holloways sei im Tenor "nicht fair" gewesen, räumte die "New York Times" ein. Sowie voller "fundamentaler Missverständnisse", einseitiger Zitate, "inakkurater" Angaben, "faktischer Irrtümer", unbelegter "Annahmen", "irreführender oder unvollständiger Bezüge" und "Fehlinterpretationen." Gottliebs Harvard-Abschluss war falsch datiert, das Startkapital für TNT falsch beziffert und der Ort eines Interviews, das Holloway in Manhattan mit Gottlieb geführt hatte, falsch identifiziert. Im Prinzip also eine gigantische Gegendarstellung. Nur dass über diesem Artikel der Name einer anderen Reporterin der "New York Times" drüber stand, Diana Henriques.

Wie die massive Selbstzucht zustande kam, blieb zunächst unklar. "Wir hielten es für wichtig, dass unsere Leser eine vollständige, korrekte und zeitige Berichterstattung bekommen", teilte Verlagssprecherin Catherine Mathis auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE mit, jedoch ohne weitere Details zu verraten. Auch bei TVT Records hielt man sich bedeckt.

Moral auf dem Tiefstand

Angeblich soll Gottliebs Firma die neuerliche Blöße der "New York Times" per Klagedrohung erzwungen haben. Fox News berichtete unterdessen, die Reporterin Holloway, die nach Angaben von Mathis nicht gefeuert wurde, habe Gottlieb unter falschem Vorwand zum Interview gelockt und sich nicht bemüht, die beteiligte Bank, Prudential Securities, zwecks Überprüfung zu kontaktieren. "Wie ist es nur möglich", ereiferte sich Fox-Redakteur Roger Friedman, "dass eine Reporterin der New York Times die wichtigsten Fakten einfach ignoriert?"

Fragen, die sich nun auch Bill Keller stellen muss, nicht nur im Fall Holloway. Nach der Blair-Affäre, dem erzwungenen Abgang des Pulitzer-Preisträgers Rick Bragg wegen Recherche-Diebstahls und dem Rücktritt des Chef-Duos Howell Raines und Gerald Boyd ist die Moral der Redaktion auf dem Tiefstand.

Ende der Schreckensherrschaft

Enthüllung der Blair-Affäre (am 11. Mai 2003): Unter der Spottlupe der Medienkritiker
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Enthüllung der Blair-Affäre (am 11. Mai 2003): Unter der Spottlupe der Medienkritiker

So stellte sich Keller am Montagabend vor seine versammelten Schreiber und versprach ihnen, in leicht verdrehter Metaphorik und von Applaus unterbrochen, "die Wunden schnell hinter uns zu bringen". Wenn es einem gelingen kann, dann wohl tatsächlich ihm: Keller ist ein alter Veteran des Hauses, einst stellvertretender Chefredakteur, Büroleiter in Moskau und Johannesburg und zuletzt einer der Top-Kolumnisten.

Er präsentiert sich als einer der ihren. "Der große Ehrgeiz dieser Zeitung war es seit ihrer Gründung, Nachrichten ohne Furcht oder Gefälligkeit ("fear or favor") zu berichten", sagte Keller, der 2001 schon einmal für den Chefposten im Gespräch war, doch gegen Raines den Kürzeren zog. "Ich hoffe, dass ich eine Redaktion führen werde, die ebenfalls weder Furcht noch Gefälligkeit zeigt." Eine kaum versteckte Anspielung auf die kurze Herrschaft Raines, die viele mit "Angst und Terror" charakterisierten.

Nach wochenlangen Querelen prescht die "New York Times" nun also mit Volldampf vorwärts. Der noch offene Posten des Vize-Chefredakteurs soll bis zum offiziellen Dienstantritt Kellers am Monatsende auch besetzt werden. Eine interne Untersuchungskommission zum Blair-Skandal soll in derselben Woche ihren Bericht vorlegen.

Eines weiß Keller schon jetzt: Es seien "zusätzliche Sicherheitsvorkehrungen" nötig, um die "Glaubwürdigkeit und Integrität" seines Blattes zu retten. Dass es dabei auch um seine eigene Glaubwürdigkeit geht, bleibt ihm natürlich nicht verborgen. Dabei dürfe man ihm aber bitteschön nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen: Schließlich habe er auch sich selbst ja eigentlich "sein Leben lang geschworen, nie Chefredakteur zu werden".

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