Herr Struve, mindestens 45 Millionen Euro hat es sich die ARD kosten lassen, die Fußball-Bundesliga "nach Hause" in die Sportschau zu holen. Haben Sie nicht Zweifel, dass die ARD mit ihrem Fußballgeschäft baden gehen könnte?
Günter Struve: Zweifel habe ich grundsätzlich. Aber in diesem Fall bin ich mir ganz sicher, dass dieses Geschäft der ARD und natürlich auch ihren Zuschauern nur Gutes bringt.
SPIEGEL ONLINE: Immerhin haben Sie selbst noch im vorigen Jahr von den "horrenden Preisen", die Sat.1 für die Bundesliga bezahlt habe, und von einer Fehleinschätzung des Marktwertes gesprochen...
Struve: Die ProSiebenSat.1 AG hat damals in der Tat mit Geld um sich geworfen, so dass meine Aussage durchaus berechtigt war. Die ARD aber hat jetzt nicht mehr als 50 Prozent des damaligen Preises für die Übertragungsrechte gezahlt. Und das nenne ich einen gewaltigen Einbruch bei den Kosten.
SPIEGEL ONLINE: Warum wirft die private Konkurrenz der ARD dann vor, dass sie mit ihrem Angebot marktgerechte Preise für den Fußball verhindert hat?
Struve: Solche Reaktionen kann ich nur als die Enttäuschung der Verlierer bewerten. Ich bin mir absolut sicher, dass auch die Konkurrenz bei unserem Einstiegspreis gerne mitgeboten hätte. Zu diesem Zeitpunkt aber war schon so viel Land verbrannt, dass der Rechteinhaber selbst bei einem leicht höheren Konkurrenzangebot lieber die ARD als vertrauensvollen Partner wollte. Ich wundere mich auch nicht, dass RTL jetzt den Mund besonders voll nimmt. Dort hat man sich bei Sportrechten enorm verkalkuliert und bietet gerade wieder irrsinnige Summen für die Tour de France. Preistreibend im Sportrechte-Markt wirken ausschließlich die kommerziellen Sender.
SPIEGEL ONLINE: Wie kommt denn beispielsweise die "Süddeutsche Zeitung" auf eine Summe von mehr als 75 Millionen Euro, die Ihr Sender pro Saison aufbringen muss?
Struve: Es hat noch nie zu einem Ergebnis geführt, wenn man Äpfel mit Birnen vergleicht. Hier wurde aus reiner Manipulationslust alles zusammengezählt, was gar nicht zusammengehört. Der Bundesliga-Fußball für die Sportschau ist das, was wir zusätzlich gekauft haben. Alles andere, wie etwa die Rechte für die Dritten Programme der ARD, war auf Grund zum Teil langjähriger Verträge längst im Kasten.
SPIEGEL ONLINE: Für die Radio-Übertragungsrechte etwa, die mit zum Fußball-Deal gehören, zahlt die ARD in dieser Saison aber zum ersten Mal.
Struve: Wie auch immer, die Frage für uns war, ob wir uns Bundesliga-Fußball für die Sportschau leisten können oder nicht, sprich ob wir Fußball refinanzieren können oder nicht. Wir haben erst zugegriffen, als dies gesichert war, vorher waren wir nicht einmal Teil dieses Marktes. Und obwohl ich, wie schon gesagt, sonst 23 Stunden am Tag von Zweifeln geplagt werde, bin ich mir hier völlig sicher, dass wir am Ende dieser drei Jahre nicht nur den Break Even erreicht, sondern sogar einen leichten Gewinn zu verzeichnen haben werden.
SPIEGEL ONLINE: Wenn Bundesliga-Fußball tatsächlich so ein Schnäppchen ist, warum wirft dann der ehemalige WDR-Manager Günter Rohrbach den ARD-Intendanten vor, dass man die Öffentlichkeit bezüglich des wahren Kaufpreises für dumm verkauft?
Struve: Rohrbach meldet sich häufig zu Wort und natürlich hat er das Recht auf freie Meinungsäußerung. Ich bin mir aber sicher, dass er keinen dieser Verträge kennt, die nun abgeschlossen wurden.
SPIEGEL ONLINE: Man muss nicht jedes Vertragsdetail kennen, um wie Rohrbach eine Fußball-Schwemme zu befürchten.
Struve: Das ist falsch! Im Laufe der nächsten Jahre werden Verträge auslaufen, so dass wir in Zukunft am Hauptabend sogar weniger Fußball anbieten.
SPIEGEL ONLINE: Der aber selbst mit den von der ARD als Kaufpreis angegebenen 45 Millionen Euro noch so teuer ist, dass nicht nur Rohrbach befürchtet, dass dieses Geld anderswo im Programm fehlen könnte.
Struve: Natürlich ist es für einen Produzenten, dessen Produktionen wie "Dr. Sommerfeld", nun am Samstagabend der Sportschau zum Opfer fallen, nicht ganz leicht. Bei der Sportschau aber handelt es sich um ein Programm, das Geld verdienen soll und wird, so dass Rohrbachs Befürchtungen geradezu absurd sind. Weder der Wissenschaft noch der Kultur noch dem Fiktionalen wird Geld verloren gehen.
SPIEGEL ONLINE: Egal ob nun 45 oder 75 Millionen, diese Summen sind allemal horrend: Ist es in einer Zeit, in der alle den Gürtel enger schnallen müssen, nicht auch ein ethisches Problem, wenn ein öffentlich-rechtlicher Sender so viel Geld für Fußball und den Größenwahn der Vereine ausgibt?
Struve: Aus eigener Tasche hätte ich die Übertragungsrechte selbstverständlich nicht finanzieren können. Dennoch halte ich die von der ARD getroffene Programm- und Finanzentscheidung allemal auch ethisch für vertretbar. Ich glaube sogar, dass diese Entscheidung mittelfristig dazu führen wird, dass sowohl die Rechtehändler als auch die Vereine den Gürtel werden enger schnallen müssen.
SPIEGEL ONLINE: Ein ethisches Problem im Fußball-Deal der ARD sieht aber der renommierte Medienwissenschaftler Siegfried Weischenberg, der vom Sündenfall der Öffentlich-Rechtlichen und von Quotenfetischismus spricht.
Struve: Ich bin nicht befugt an den Denkprozessen von Herrn Weischenberg teilzunehmen, den Sündenfall habe ich aber immer für etwas Gravierenderes gehalten. Denn soweit ich mich entsinne, war in der Bibel mit dem Motiv des Sündenfalls etwas sehr Schwerwiegendes gemeint, ganz bestimmt aber keine kaufmännische Entscheidung der ARD. Jedenfalls kann ich keinen Sündenfall darin entdecken, wenn die ARD am Vorabend eine Serie durch Sport ersetzt. Quotenfetischismus am Vorabend, das muss erst noch erfunden werden.
SPIEGEL ONLINE: Auch Politiker wie NRW-Ministerpräsident Peer Steinbrück ermahnen die ARD, dass es nicht ihre Aufgabe sei, die finanziellen Sorgen der Bundesliga zu lösen.
Struve: Peer Steinbrück hat dies gesagt, bevor der Vertrag unterzeichnet war, er kannte also den Preis noch gar nicht. Wie überhaupt die von Ihnen angesprochene Allianz kaum davon ausgehen konnte, dass wir die Rechte zu einem solch niedrigen Einstiegspreis bekommen würden. Steinbrück jedenfalls hat seine Kritik nach dem Deal nicht ein einziges Mal wiederholt, weil auch er sich davon überzeugen konnte, dass unser Vorgehen kaufmännisch klug und programmpolitisch sinnvoll war.
SPIEGEL ONLINE: Also stammen die Vorwürfe von Neidern?
Struve: Fußball ist ein Faszinosum und deshalb hat sich die Mehrzahl der Politiker auch zurückgehalten. Es war klar, dass es kritische Anmerkungen geben würde, was auch nur logisch ist, wenn man bedenkt, wem die Printmedien gehören. Aus der Gesellschaft aber und von unseren Zuschauern ist überwiegend Zustimmung gekommen. Es herrscht eine Riesenfreude, dass die Sportschau nun in ihrer alten Form wieder auflebt.
SPIEGEL ONLINE: Mit Sponsoring, Splitscreens, zwei Werbeblöcken und Gewinnspielen kann man kaum von einer Sportschau in der alten Form sprechen...
Struve: Ich kann Ihnen versprechen, dass der ruhende, der getretene und der fliegende Ball ganz sicher im Mittelpunkt stehen werden. Die Sportschau wird auf das Wesentliche reduziert sein, auf den Fußball...
SPIEGEL ONLINE: ...und auf Agrarprodukte wie Milch, Kartoffeln und rote Rüben, weil nicht nur T-Mobile, sondern auch die CMA, die Centrale Marketinggesellschaft der deutschen Agrarwirtschaft, Sponsoring leistet?
Struve: Auch wir müssen für uns werben und Geld verdienen.
SPIEGEL ONLINE: Genau das hält Jürgen Doetz, der Präsident des Verbandes Privater Rundfunk und Telekommunikation (VPRT), für wettbewerbswidriges Verhalten der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten; macht Ihnen das Sorge?
Struve: Wenn Jürgen Doetz, der gleich mehrfach betroffen ist als Sat.1-Mann und Vorsitzender des VPRT, in dieser Phase nicht den Mund aufreißen würde und nicht grimmig darüber wäre, dass sich etliche Markenartikler der ARD zuwenden, dann würde ich die Welt nicht mehr verstehen. Doetz ist ein reiner Interessenvertreter und man darf seine Meinung nicht mit gesellschaftlichen Strömungen verwechseln. Lobbyisten gibt es überall und Herr Doetz ist ein von mir durchaus sehr geschätzter Lobbyist, der sich in den nächsten Wochen sicher auch weiter äußern wird. Das darf und wird uns auch nicht beirren, schließlich sprechen wir auch nicht über die Obszönitäten in seinem Programm.
SPIEGEL ONLINE: Doetz befürchtet nicht weniger als eine bedrohliche Schieflage des Dualen Systems.
Struve: Dass bei den ehemaligen Kirch-Sendern immer noch große Verwirrung herrscht, das bestreite ich nicht. Und ich habe durchaus Mitgefühl für die Kollegen bei ProSieben und Sat.1, eine Schieflage aber kann ich dennoch beim besten Willen nicht erkennen. Nehmen Sie RTL, dort macht man nach wie vor sehr gute Geschäfte. RTL ist wie stets ein lebendiger und ertragreicher Sender, der immenses Geld in die Formel 1 investieren kann und uns bei der Vierschanzen-Tournee mit einem Wahnsinnsangebot ausgebootet hat. Um die Vitalität des kommerziellen Parts im Dualen System muss man sich also ganz sicher keine Sorgen machen.
SPIEGEL ONLINE: Forderungen nach einem Werbeverzicht oder gar -verbot für die öffentlich-rechtlichen Sender dürften demnach bei Ihnen kaum Anklang finden?
Struve: Diese Forderungen stoßen bei mir auf geschlossene Ohren.
Das Interview führte Andreas Kötter
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