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09.08.2003
 

E-Mail aus Hollywood

Das Cinderella-Pferd reitet wieder

Von Helmut Sorge, Los Angeles

Genau zur rechten Zeit kam in den USA der Film "Seabiscuit" in die Kinos. Das verunsicherte Amerika sehnte sich nach einer Geschichte wie dieser, die von dem Leben des Reiters Red Pollard und seinem Pferd erzählt, und zeigt, dass auch Verlierer zu wahren Siegern werden können.

 Wahre Geschichte: "Seabiscuit" erzählt den amerikanischen Traum
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Wahre Geschichte: "Seabiscuit" erzählt den amerikanischen Traum

Der Gaul lahmte, der Jockey, auf dem rechten Auge blind, soff und siegte selten. Also nicht eben eine Zweisamkeit, die Gloire erhoffen ließ. Und dennoch: Reiter Red Pollard und sein Pferd schrieben Geschichte. Das Ross, notierte die Historikerin Laura Hillenbrand in ihrem Bestseller "Seabiscuit - an American legend", wurde sogar zu einer "kulturellen Ikone".

"Seabiscuit" hüpfte nicht lange mit den von ihm beglückten Stuten und seinen Fohlen über die Wiesen, im nördlichen Kalifornien, nahe des kleinen Ortes Wiltis. "Seabiscuit" starb 1947, im relativ jungen Alter von 14 Jahren. Als "Seabiscuit" in die Renngeschichte galoppierte, fanden die Männer von Wiltis gerade in der Holz-Industrie ihre Jobs. Seit Jahrzehnten ist das Kaff allerdings vergessen, die Ranch, auf der sich das berühmte Ross zwischen den Rennen und in der Rente ausruhte, beackert seit vielen Jahren die Glaubensgemeinschaft der "Christ's Church of the Golden Rule".

Dieser Tage freilich ist Wiltis wieder in die Aktualität gerückt, das "Seabiscuit-Fieber hat den Ort gepackt", meldete das Lokalblatt - einmal mehr. Denn das "Cinderella-Pferd" (Laura Hillenbrand) galoppiert wieder - diesmal für Hollywood. Mehr als 50 Millionen Dollar hat der Film seit der Premiere eingespielt, und manchem Kritiker erscheint dieses tierische Produkt bereits "Oscar"-verdächtig.

1938, notiert die "Seabiscuit"-Autorin, von deren Werk in den letzten zwei Jahren mehr als eine Million Exemplare verkauft wurden, war "Seabiscuit" in Amerika bekannter als Adolf Hitler oder der Papst, bewegten Ross und Reiter die Massen mehr als Footballspieler oder Hollywood-Beaus. Wenn das Super-Pferd aus der Startmaschine schnellte, dann hockten Millionen von US-Bürgern an ihren Radios und sobald der "Seabiscuit"-Sonderzug am örtlichen Bahnhof einrollte, warteten Tausende an den Gleisen.

Pollard und "Biscuit", so der Kosename, waren die Verwirklichung des US-Traums - Ross und Reiter hatten Krankheiten und Schmach überwunden und nie aufgegeben. Jockey und Galopper dokumentierten den Glauben an sich selbst, die innere Kraft, Charakterstärke, eben jene Tugenden, die Amerika noch immer von Hollywood propagieren lässt.

 Totale Außenseiter: Red Pollard (Tobey Maguire) auf "Seabiscuit"
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Totale Außenseiter: Red Pollard (Tobey Maguire) auf "Seabiscuit"

Wenn "Seabiscuit" sich mit den Rivalen maß, dann tat er es stets als "underdog", als ein Pferd, das in frühen Rennjahren so kläglich lief, dass nicht einmal Polo-Spieler den Klepper kaufen wollten. Nicht anders das Dasein des Reiters - er hatte sich als Heranwachsender buchstäblich durchs Leben geschlagen, als Preis-Boxer und als Jockey, der letztlich so selten siegte, dass er - verarmt - im Stall schlafen musste. Und Tom Smith, der Trainer? Der war so wortkarg, dass er unter den Kollegen als stumm galt, ein ehemaliger Einreiter, der mit Mustang-Herden über die Prärie gezogen war, sein "Gesicht voller Geschichten", so Laura Hillenbrand, die "Haut so hart wie Walnuss-Schale".

Dieses Trio, unterstützt von einem ehemaligen Schlosser, der in Kalifornien Autos verkaufte und Millionen anhäufte, faszinierte die Massen eben weil sie den trüben Gedanken entkommen wollten - jenen der wirtschaftlichen Misere und den Kriegs-Tönen der Nazis. 1938, keine Frage, ist mit 2003 nicht zu vergleichen, aber das verunsicherte Amerika dieser Tage sehnt sich nach Helden, nach unbekümmerten Zeiten und Grandeur. Täglich werden die US-Bürger derzeit von Schreckens-Szenen, von Schreckensmeldungen getroffen, täglich reagiert die Bürokratie: Repressive Gesetze in Washington, striktere Kontrollen an den Airports, so als würden sich Terroristen tatsächlich durch Passkontrollen stoppen lassen.

Und Amerika fragt sich zunehmend, warum die Irakis die Freiheit made in Amerika nicht wollen und ihre GIs nicht mit Blumen beworfen, sondern beschossen werden. Und zunehmend suchen die Amerikaner nach Ablenkung, nach Helden, Hoffnung. "Seabiscuit", der Hollywoodfilm, ist also genau zur rechten Zeit in die Kinos gekommen. Ein Pferd, warum nicht, vermittelt Pessimisten nostalgische Gedanken und Zuversicht, und dokumentiert obendrein, dass der Glauben an sich selbst und harte Arbeit - meist zum Erfolg führen.

 Ließ sich nicht unterkriegen: Red Pollard
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Ließ sich nicht unterkriegen: Red Pollard

Pollard selbst hat es allen bewiesen - er hat seine Verzweiflung umgesetzt in Kampf: Gegen sich selbst, gegen die Rivalen. Der Spross irischer Einwanderer war obdachlos, und hungerte so lange, dass er sich die, wegen Gewichtsproblemen unerlässliche Sauna sparen konnte. Zufällig begegnete er dem Pferde-Trainer, und ebenso zufällig trafen sie den Multimillionär Charles Howard, dessen Ehrgeiz es war, aus scheinbar verlorenen Kleppern Rennpferde zu machen. "Seabiscuit" war ein solcher Galopper - 16 Starts im Jahr, 16 Niederlagen.

Trainer Smith baute seinen verstörten Gaul langsam auf - keine Peitsche, viel Zucker. Der Jockey schlief im Stall mit seinem Pferd, analysierte Bewegungen, studierte Reaktionen, Launen. Der müde Renner entwickelte neue Energien, und ungeahnten Ehrgeiz. In seinen Rennen war er alsbald so schnell, dass er die Rivalen auch psychologisch bekämpfte - er ließ sie aufrücken, schnaubte ihnen ins Gesicht und galoppierte davon. Einmal vorn ließ er sie wieder herankommen, im Schlussspurt zeigte er der Konkurrenz die Hufe.

Als "Biscuit" sich - endlich - mit seinem ärgsten Rivalen "War Admiral" messen konnte, im November 1938 auf der "Pimlico"-Rennbahn, da sattelte nicht etwa Pollard auf, sondern sein Freund George Woolf. Der "Seabiscuit"-Jockey war Monate zuvor gestürzt und unter einen Pferdeleib geraten - Brustkorb zerschmettert, dem Tode nah. Pollard verließ, nach Monaten im Bett, auf Krücken das Krankenhaus - erneut obdachlos, wieder verarmt. Charles Howard, der "Biscuit"-Eigner, nahm den Reiter, dem die Ärzte von einer weiteren Rennkarriere abgeraten hatten, auf seiner Farm, 150 Meilen nördlich von San Franzisko auf. Mit Woolf im Sattel aber verletzte sich "Seabicuit" in einem seiner Rennen - auch die Traumkarriere des Vierbeiners schien beendet. Doch Pollard wollte nicht als Krüppel enden, sondern wieder aufsatteln - und mit "Seabiscuit" siegen. Nur: Der Reiter humpelte, der Galopper humpelte, der Trainer redete kaum noch ein Wort.

Die US-Fans trauerten um ihr Pferd; in Berlin plante Hitler seinen totalen Krieg. Pollard versuchte seine Schmerzen in Alkohol zu betäuben, immer wieder. "Seabiscuit" unterdess trottete, trabte und gesundete. Und dann das Wunder: Pollard quälte sich in den Sattel, das Duo siegte wieder. Noch mehr bewundert, stärker umjubelt. 1940 wurde "Seabiscuit" ein letztes Mal in die Startmaschine geschoben. Für einige Minuten war der Nazi-Wahn vergessen: "Seabiscuit" siegte - und endete in der Zucht auf der besagten Koppel bei Wiltis.

 Oskarverdächtig: "Seabiscuit" wird bei amerikanischen Kritikern hoch gehandelt
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Oskarverdächtig: "Seabiscuit" wird bei amerikanischen Kritikern hoch gehandelt

Bis zu seinem 46. Lebensjahr sattelte Pollard noch auf; er stürzte häufig und siegte selten. Irgendwann musste er den jüngeren Jockeys die Reitstiefel putzen. Trainer Smith endete in einem Sanatorium, vergessen von den Renn-Fans, bis eben Laura Hillenbrand ihren Bestseller schrieb und Regisseur Gary Ross den Stoff in "Seabiscuit" umsetzte.

Regisseur Ross selbst hatte als 13-jähriger im kalifornischen Santa Anita erstmals ein Pferderennen gesehen und hat später in Rennpferde investiert - einer seiner Galopper wurde im letzten Kentucky-Derby vierter. Die Rolle des Renn-Kommentators in seinem Film besetzte Ross mit sich selbst, als Ron Pollard (der 1981 starb) wählte er Tobey Maguire, der für seine Rolle nahezu 20 Pfund abhungern musste. Echte Jockeys sattelten für dramatische Rennszenen auf, etwa auch der Galopprenn-Star Gary Stevens.

"Seabiscuit", so hoffen die nationalen Rennbahn-Besitzer, wird nun das unter Zuschauer- und Zockerschwund leidende Renngeschäft wieder beleben und auch die Kids auf die Rennbahn treiben. Der Kult um "Seabiscuit" erlebt jedenfalls einen ungeahnten Boom. Übrigens: Begraben hat Besitzer Charles Howard das tierische Idol der Nation an einer unbekannter Stelle auf seiner Ranch. Irgendwo unter einer Eiche. Der Rest ist Geschichte.

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