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11.08.2003
 

Tabubruch

Nackt in Auschwitz

Von Henryk M. Broder

Eine Freundin strippte, Sascha Schmalenberg knipste: Mit den Foto-Aufnahmen auf dem Gelände des Konzentrationslagers Auschwitz will ein junger Künstler nicht weniger als die Welt verändern. Subventionen seitens der EU machen es möglich.

 Sinnsuche in Auschwitz: Sascha Schmalenberg und sein "Conservation Camp"
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Sascha Schmalenberg

Sinnsuche in Auschwitz: Sascha Schmalenberg und sein "Conservation Camp"

Berlin/Auschwitz - Sascha Schmalenberg ist erst 25 Jahre alt und sein Lebenslauf so kurz und übersichtlich, dass er, um ihn ein wenig zu strecken, sogar das Jahr der "Einschulung in Berlin" angibt. Das war 1984 und der Teil von Berlin, in dem Sascha Schmalenberg lebte, noch die "Hauptstadt der DDR". 1998 gewann er den Wettbewerb "Jugend musiziert" und wurde an der Hochschule für Musik in Weimar aufgenommen. Inzwischen studiert Schmalenberg an der Fachhochschule Hannover Fotografie und Kommunikationsdesign und arbeitet an dem "Projekt Auschwitz Conservation Camp" - gemeinsam mit Sarah Schönfeld, die 1979 ebenfalls in der Hauptstadt der DDR geboren wurde und seit 1999 Bildende Kunst in Berlin studiert.

"Wir sind richtige Zonenkinder", sagt Schmalenberg, was nur bedingt stimmt, denn sie waren nur bei den Jungen Pionieren, und als die Wende über das Land rollte, grade zehn Jahre alt. Trotz seines jungen Alters spricht Schmalenberg schon wie ein alter Linker. "Ich sehe keinen Unterschied zwischen einer politischen und einer medialen Unfreiheit", es sei gleich, ob man von der SED oder von der Werbung bevormundet wird, deswegen habe er sich "von den Medien entkoppelt, Radio und Fernsehen abgeschafft". Dennoch mag er die "Illusion" nicht aufgeben, "in der ganzen Unfreiheit, in der wir leben, etwas zu bewirken".

Aber was? "Dass die Menschen über die Abgründe in den Menschen nachdenken." Ein großes Wort, das der junge Künstler gelassen ausspricht. Um seinem Ziel, den Menschen ihre Abgründe bewusst zu machen, näher zu kommen, ist er im vergangenen Jahr zusammen mit Sarah Schönfeld nach Auschwitz gefahren, jenem Ort, der direkt am Abgrund gebaut wurde. Da haben die beiden gefilmt und fotografiert, wie es in dem ehemaligen KZ heute zugeht und aus dem Material eine Ausstellung gemacht, die im Frühjahr in einer kleinen Galerie in Berlin-Treptow gezeigt wurde.

 Nackt vor dem KZ: Sarah Schönfeld zog sich aus
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Sascha Schmalenberg

Nackt vor dem KZ: Sarah Schönfeld zog sich aus

Es gab eine Fotoshow über "Tourismus in Auschwitz" und in einem Nebenraum eine Nacktperformance als Diashow: Sarah Schönfeld zog sich neben dem Krematorium im "Stammlager" aus, Sascha Schmalenberg fotografierte, bis ein paar polnische Ordner, die von Kunst am Abgrund keine Ahnung hatten, angerannt kamen und dem Spektakel ein Ende setzten. "Ich hab mich zurückgehalten", erinnert sich Schmalenberg an die aufregenden Minuten im KZ, "mir kam es darauf an, die Filme zu retten".

"Noch nie eine nackte Frau im KZ gesehen"

Die ganze Aktion war keine Sensationshascherei vor makabrer Kulisse, sie hatte zwei solide Gründe: "Wir wollten eine Verhaltensform von damals ins Heute übertragen, zeigen, dass das, was damals normal war, heute als Perversion gilt." Damals war es ganz okay, vor dem Krematorium nackt rumzulaufen, heute muss das Recht gegen die Platzordnung erkämpft werden. "Und wir wollten zeigen: Wie gehen die Menschen, die in Auschwitz zu Besuch sind, mit so etwas um?" Die Auschwitz-Touris machten dasselbe, was auch Schmalenberg machte, sie filmten und fotografierten den Striptease, wenn auch aus ganz anderen Beweggründen: Sie hatten noch nie eine nackte Frau in einem KZ gesehen.

"Uns ist aufgefallen, dass das Umgehen mit diesem Thema sehr eigenartig ist", stellt Schmalenberg fest, "eine persönliche Auseinandersetzung findet kaum statt, das Abarbeiten läuft nur über das historische Moment." Als Beispiel nennt er Guido Knopp und dessen Dokumentationen, die er "ganz, ganz schrecklich" findet. "Die Leute sollten die Gelegenheit bekommen, sich mit der Geschichte zu beschäftigen, es müsste, wie in Israel, einen Shoah-Tag geben." Dass es auch in der Bundesrepublik einen amtlichen Holocaust-Gedenktag gibt, ist für Schmalenberg eine überraschende Nachricht, die ihn kurz sprachlos macht. "Aber dann müssten die Leute auch arbeitsfrei bekommen, um sich mit diesem Thema institutionalisiert beschäftigen zu können." Es gäbe eine "Diskrepanz des Nichtvorstellbaren zwischen dem historischen Ereignis und dem, was man heute dort findet".

Ausschwitz habe ihn deswegen so fasziniert, weil ihm dort klar wurde, "dass ich hier, wo alles so heil ist, keine Realität erlebe". Und deswegen ist er im Frühjahr 2oo3 noch einmal nach Auschwitz gefahren und hat dort noch mehr Material aus der Realität gesammelt, das vom 5. September an in einer Galerie in der Gipsstraße in Berlin-Mitte zu sehen sein wird. Die Ausstellung heißt "Auschwitz Conservation Camp 02" und macht da weiter, wo "Conservation Camp 01" aufgehört hat.

 "Disneyland mit Gruselfaktor": Das ehemalige KZ in Auschwitz
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Sascha Schmalenberg

"Disneyland mit Gruselfaktor": Das ehemalige KZ in Auschwitz

Diesmal gehen Schmalenberg und Schönfeld die Sache richtig professionell an, in einer Pressemitteilung lassen sie eine Jargon-Lawine abgehen: "Schmalenberg/Schönfeld überschreiten bewusst Grenzen, führen Unaussprechliches ins Absurde, experimentieren mit Tabus und historischen Assoziationen, in der Hoffnung eine neue Nachdenklichkeit und Sensibilität hervorzurufen, die vielleicht über politisch korrekte Äußerungen und Meinungsbildung hinausgehen und das eigene, persönliche Empfinden berühren..." Eine tollere Phrasen-Parade hat man nicht gelesen, seit Daniel Düsentrieb den Dosenöffner mit Turboantrieb erfand. Worin besteht die bewusste Grenzüberschreitung und das Experimentieren mit Tabus und Assoziationen?

Schmalenberg dokumentiert "Eine Stunde im Leben einer Gaskammer" und Schönfeld schneidet sich ihre Haare im Haarschneideraum von Birkenau ab. Die Video-Performance dauert etwa 2o Minuten. Danach macht sich eine neue Nachdenklichkeit gepaart mit ganz viel Sensibilität im Raum breit. "Mein Wunsch ist", sagt Sascha Schmalenberg, "dass die Leute ein Gespür dafür bekommen, dass es nötig ist zu lernen, mit diesem Thema umzugehen".

Für die Touristen ist Auschwitz eine Art Disneyland mit hohem Gruselfaktor, für die beiden Künstler eine Installation, die danach schreit, als Bühne für eine "Performance" zu dienen. Alles natürlich im Dienste der Bewusstseinsbildung. Das Projekt wird vom Fond "Jugend für Europa" der EU subventioniert. Und an dieser Stelle wird Schmalenberg, der so gerne Grenzen überschreitet und Tabus bricht, sehr einsilbig. Er mag nicht sagen, wie viel der EU der Spaß wert ist. "Das könnte Ärger geben."

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