Herr Hoffmann, gerade hat Sat.1 erstmals seit 2000 wieder einen Quartalsgewinn bekannt geben können, die Talentshow "Star Search" brachte dem Sender kürzlich gar Marktanteile bis zu 50 Prozent; warum aber hat Konzernchef Urs Rohner Sie dann vor einigen Wochen Ihres Amtes enthoben, wenn auch nur für eine Nacht?
Martin Hoffmann: (lachend) Woher haben Sie solche Informationen, die sind mir in diesem Maße gar nicht bekannt.
SPIEGEL ONLINE: Im "Tagesspiegel" haben Sie sich immerhin ansatzweise zu diesem gescheiterten Rauswurf geäußert.
Hoffmann: Vielmehr gibt es dazu auch nicht zu sagen. Dass die letzten Wochen weder einfach noch erfreulich waren, können Sie sich sicherlich vorstellen, die öffentlichen Diskussionen lassen einen natürlich nicht kalt. Aber mein Fokus liegt einzig und allein auf dem operativen Geschäft und hier sind wir, wie Sie zu Recht feststellen, auf einem sehr guten Weg.
SPIEGEL ONLINE: Sie gehen also davon aus, dass Sie auch mittelfristig die Geschicke von Sat.1 bestimmen werden.
Hoffmann: Ich war Geschäftsführer von Sat.1, ich bin es und habe auch für die Zukunft eine ganz klare Verabredung, dies zu bleiben.
SPIEGEL ONLINE: So hilfreich dabei die bereits erwähnten 50 Prozent Marktanteil für "Star Search" auch sein mögen, so handelt es sich dabei de facto in der Spitze um sieben Millionen Zuschauer. Erschrecken können Sie die Konkurrenz mit diesen Zahlen nicht; RTL hatte mit seinen "Superstars" in der Endphase bis zu 14 Millionen Zuschauer.
Hoffmann: Fakt ist, dass "Star Search" die erfolgreichste Show ist, die Sat.1 je gemacht hat. Wir sind mit dieser Sendung auch in einer Zielgruppe erfolgreich gewesen, bei der uns das bisher nicht so gelungen war: bei den jungen Zuschauern. Das ist für uns ein herausragender Programmerfolg. Wie dazu die Reaktion der Kollegen in Köln ausfällt, das müssen Sie schon dort erfragen.
SPIEGEL ONLINE: Die Reaktion bei RTL war die, dass man sich auf der Telemesse nicht einmal mehr die Mühe gemacht hat, auf Zahlen zu verweisen, so selbstverständlich ist für den Sender die Marktführerschaft; allenfalls wurden Witze über den ewigen Zweiten Sat.1 gemacht.
Hoffmann: Wie Sie wissen, arbeiten wir im Gegensatz zu RTL mit zwei Unternehmensflagschiffen, mit Sat.1 und ProSieben. Im Übrigen haben auch wir auf der Telemesse keine Zahlenhuberei betrieben, sondern einen sehr selbstbewussten, gleichzeitig aber auch sehr gelassenen und unterhaltsamen Umgang gepflegt mit dem, was wir tun. Wir wollen und wir werden auch angreifen, das ist das erklärte Ziel von Sat.1.
SPIEGEL ONLINE: Dennoch werden Sie sicherlich darüber nachdenken, warum Sat.1-Erfolgsformate in der Regel Secondhand-Ausgaben von RTL-Erfolgen sind.
Hoffmann: Das halte ich nun wirklich für großen Quatsch!
SPIEGEL ONLINE: Sie können kaum bestreiten, dass RTL auch bei der Formatentwicklung meist die Nase vorn hat und Sat.1 dann lediglich mit einer Kopie reagieren kann, sei es nun mit "Star Search" auf "Deutschland sucht den Superstar" oder mit der "Quizshow" auf "Wer wird Millionär"...
Hoffmann: Da kann ich Ihnen genügend Gegenbeispiele nennen. So haben wir für den Nachmittag die Gerichtsshows wie "Richter Alexander Hold" entwickelt, für den Freitagabend haben wir einzigartige Sketch Comedies entwickelt wie "Was guckst Du?!" oder "Ladykracher". Und in Bezug auf "Star Search" möchte ich anmerken, dass dieses Format eine ganz eigenständige Marke ist, die zwar auf ein bestimmtes Genre zurückgreift - die Castingshow - nichtsdestotrotz aber einer eigenen Dramaturgie gehorcht.
SPIEGEL ONLINE: Die Kopie-Diskussion trifft Sie demnach nicht?
Hoffmann: Nein, vielmehr meine ich, dass man durchaus einmal erwähnen kann, dass RTL unsere komplette Erfolgsstrecke mit den Gerichtsshows am Nachmittag drei volle Stunden lang kopiert hat. Was RTL dort macht, ist nichts anderes als eine Doublette unseres Programms. Ich gebe aber gerne zu, dass "Deutschland sucht den Superstar" einen Trend gesetzt hat, auf den wir geantwortet haben. Es ist halt so, dass die Trends mal von uns und mal von der Konkurrenz kommen.
SPIEGEL ONLINE: Warum aber ist es gerade bei den ganz großen Erfolgsformaten immer RTL, das diese Trends auslöst?
Hoffmann: Das stimmt doch nicht! Es war und ist Sat.1, das überragende fiktionale Eigenproduktionen wie "Der Tunnel", "Tanz mit dem Teufel" oder demnächst "Das Wunder von Lengede" zu einem Trend gemacht hat. Ein Trend, dem die Konkurrenz, egal ob öffentlich-rechtlich oder privat, gar nichts entgegen zu setzen hat.
SPIEGEL ONLINE: In der Tat haben gerade Sie persönlich sich um diese qualitativ hochwertigen Eigenproduktionen verdient gemacht; was aber ist aus diesem Anspruch geworden?
Hoffmann: Ich nehme an, dass auch Ihnen nicht verborgen geblieben ist, dass wir in wirtschaftlich schwierigen Zeiten leben, in denen wir bereits 150 Millionen Euro Programmkosten einsparen konnten...
SPIEGEL ONLINE: Umso mehr aber muss es Sie doch schmerzen, dass er aus Kostengründen auf billig zu realisierende Eigenproduktionen wie Gerichtsshows, Talentshows und Dating-Shows, also auf Pöbeleien, Gefühligkeiten und Peinlichkeiten setzen muss.
Hoffmann: Aber das ist doch Unfug! Ich freue mich über jeden Programmerfolg, der zu günstigen Produktionskosten realisierbar ist. Das ist doch der Königsweg. Das Programmhaus Sat.1 steht auf mehreren Säulen, so auch auf der großen, fiktionalen Eigenproduktion. Aber es ist meine Aufgabe, den Sender wirtschaftlich rentabel zu machen, dafür arbeite ich. Und der Weg, den wir in der Daytime eingeschlagen haben, ist genau der Richtige.
SPIEGEL ONLINE: Muss man dem Publikum denn wirklich all das geben, wonach es verlangt?
Hoffmann: Das ist eine akademische Diskussion und der vermeintliche Widerspruch, den Sie zu erkennen glauben, den gibt es gar nicht. Wir arbeiten hier, um ein für die Zuschauer attraktives Programm zu machen. Der Zuschauer goutiert das und darüber freue ich mich jeden Tag aufs Neue.
SPIEGEL ONLINE: Wie wohl auch über den Erwerb der Champions-League-Übertragungsrechte; das Fachblatt "Journalist" allerdings spricht hier von einem möglichen Eigentor, schließlich sei man bei RTL froh, diesen Klotz am Bein los zu sein.
Hoffmann: Dem kann ich nicht zustimmen. Wir haben die Rechte für einen wirtschaftlich attraktiven Preis bekommen und können unseren Zuschauer nun für drei Jahre großen, internationalen Fußball bieten. Das ist für uns eine große Chance nach dem Wegfall der Bundesliga, die - nebenbei gesagt - von der ARD zu einem absurden Preis erworben wurde. Die Champions League ist für uns Teil eines Strategiewechsels, weg von der Konserve und hin zum Live-Event.
SPIEGEL ONLINE: Fürchten Sie durch den Wegfall von "Ran" ein Quotenproblem am Samstag bzw. Sonntagabend?
Hoffmann: Nein, überhaupt nicht. Wir haben ein Alternativ-Programm entwickelt, das wir nun sukzessive etablieren können. Mit "Family Date" konnten wir gerade über 15 Prozent Marktanteil erreichen. Ein Wert, den wir mit der Bundesliga am Sonntag lange Jahre nicht mehr eingefahren haben. Wenn ich dann noch die Produktionskosten mit dem Preis vergleiche, den die Bundesliga gekostet hat, dann kommen bei mir Tränen der Freude auf (lacht).
SPIEGEL ONLINE: Schon jetzt wird spekuliert, dass Saban einen gemeinsamen Standort für ProSieben und Sat.1 anstreben könnte und es soll schon ein Angebot aus Hamburg geben.
Hoffmann: Das ist ein Sommerlochthema, davon habe ich auch nur aus der Presse erfahren. Ich gehe aber davon aus, dass Sat.1 in Berlin bleibt. Zumindest habe ich keinen anderen Informationsstand.
Das Interview führte Andreas Kötter
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