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04.09.2003
 

Ostalgie bei RTL

Haps Flip, Hits und KZ-Horror

Von Andreas Borcholte

Erst die Siebziger, dann die Achtziger, jetzt die "DDR Show": RTL springt mit bewährtem Konzept und einem Kessel bunter Ostalgie auf den Zug der seligen Zonen-Verklärung. Zwischen Henry Maskes Plattenbau-Idylle und Kati Witts Pionier-Romantik war sogar Raum für ernste Zwischentöne.

"DDR-Show", Moderator Geißen, Katarina Witt: Intimer Blick ins Federmäppchen
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RTL / OBS

"DDR-Show", Moderator Geißen, Katarina Witt: Intimer Blick ins Federmäppchen

Diese Show zu hassen ist leicht. So leicht, dass es schon fast keinen Spaß mehr macht. So langsam gewöhnt man sich ja auch daran: An die eherne Vormachtstellung des RTL-Spaßfernsehens im deutschen Abendprogramm und an die fast schon bedrohlichen Versprechungen, dass es nach einer wirklich ganz kurzen Werbepause ganz schnell weitergeht bei "Deutschland sucht den Superstar", "Exclusiv Weekend", der "Super-Chartshow", "Deutschlands klügsten Kindern" oder eben der neuesten Nostalgie-Show.

Seit gestern Abend sind die "Ossis" dran. Nach den Siebzigern und den Achtzigern darf Sonnyboy Oliver Geißen dem gesamtdeutschen Publikum in vier Folgen die Höhepunkte der vor 13 Jahren so ruhmlos beendeten DDR-Geschichte näher bringen. Damit reitet Marktführer RTL mal wieder ganz vorne auf der Trendwelle. Die Kölner haben nach dem Überraschungserfolg der Ost-Komödie "Good Bye, Lenin!" zwar nicht am schnellsten geschaltet, gehen nach den DDR-Events von Sat.1, ZDF und MDR aber immerhin zuerst mit einer ganzen Ostalgie-Serie auf Quotenjagd.

Das Konzept ist hinreichend bekannt und versprach schon im Vorwege banale Unterhaltung mit launigen Studiogästen, lustigen Filmchen und Musikern, die man so lange nicht gesehen hat, dass man sie schon gar nicht mehr wieder erkennen will. Da aber die DDR nun einmal ein handfestes Stück harter, oft unmenschlicher und vor allem frustrierender deutscher Realität ist und keine diffus verklärte Dekade, aus der alles außer den witzigen und irgendwie schrägen Dingen kollektiv verdrängt wurde, gab es im Vorwege der "DDR Show" sogar ein bisschen Ärger. Verniedlichung einer Diktatur befürchteten Bedenkenträger wenige Wochen vor dem Start der Sendung, was die Kölner natürlich sofort empört zurückwiesen. Insgeheim freuten sie sich aber über die unverhoffte Zusatz-Publicity.

Vielleicht hatte der durchaus berechtigte Aufschrei der Menschenrechtsorganisationen aber auch noch einen positiven Effekt, denn gleich im ersten Satz beeilte sich Geißen zu sagen, dass man ja bei allem Ostalgie-Taumel auf keinen Fall vergessen dürfe, dass die DDR ja auch eine ganz schlimme Diktatur gewesen sei. Das Motto der Show immerhin: "Vom Ampelmännchen bis Zentralkomitee". Damit war das Thema dann auch für die nächste Dreiviertelstunde abgehakt.

Katis Jungpionier-Zeit: "Ja, das war schön"

Denn nun marschierten mit Katarina Witt und Henry Maske zunächst zwei der prominentesten Ostdeutschen und Spitzensportler aus der DDR-Elite auf, die munter von ihrer Jugend bei den Jungpionieren erzählten (Witt: "Ja, das war schön") oder schwelgend im Trabant durch ihre alte Heimatstadt gurkten (Maske: "Es ist für mich sehr schön, darüber nachzudenken, was war"). Da kam richtig nostalgische Freude auf. Wir durften sogar einen intimen Blick in Kati Witts altes Federmäppchen werfen und mit Henry Maske einen echten Plattenbau bewundern.

Im nächsten Programmpunkt, zu dem Geißen mit jener Eile überleitete, die man ihm zu Beginn seiner Karriere als dummdreiste Ruppigkeit auslegen wollte, wurde demonstriert, dass im Osten auch mal die Sau raus gelassen wurde ("Party im Plattenbau - so feiert der Osten"). Eigentlich alles wie bei uns im Westen, stellte man fest, nur dass der Blues halt "langsame Runde" und der DJ "Plattenunterhalter" hieß. Wie amüsant, zum Glück wurden wir nicht auch noch mit ulkigen Ausdrücken wie "Broiler" und "Zweiraumwohnung" geneckt.

Kurz vor der ersten Werbepause mixten Kati, Olli und Henry dann noch einen echten Ost-Drink, den berüchtigten "Haps Flip", mit Rotwein, hellem Bier, Milch und Ei. Vermutlich ist das Gebräu nicht nur farblich ebenso ungenießbar wie der graue Alltag in der DDR, rückblickend aber - Ostalgie! - irgendwie doch ganz irre, oder? Das Rezept, so wurde eingeblendet, konnte man sich übrigens per Faxabruf besorgen. Spätestens jetzt bestätigte sich der bis dato leise Verdacht, dass RTL die Sendung eher als Aufklärungsunterricht für ignorante Westler denn als Nostalgie-Angebot für unentwegte Ostler gemeint hat. Ganz schön subversiv.

Und dann kam doch die dunkle Seite der DDR zur Sprache

So übermäßig hatte Geißen seine Liveshow bis dahin noch gar nicht überzogen, dennoch meinte man nach der Werbung, die nachfolgende Betroffenheits-Gala "Stern TV" hätte schon begonnen. Zu Gast war nun nämlich eine ehemalige Strafgefangene des DDR-Regimes, die Anfang der fünfziger Jahre als Vierzehnjährige wegen eines harmlosen Streiches zu zehn Jahren Straflager verurteilt worden war, unter anderem auch im ehemaligen Nazi-KZ Sachsenhausen. Da war sie plötzlich doch noch, die "dunkle Seite der DDR", wie Geißen dramatisierte. Vorbild Jauch nicht unähnlich legte er die Stirn in düstere Falten und nickte bekümmert, während die Buchautorin Erika Riemann ("Die Schleife an Stalins Bart") vom Horror der Verfolgung und Haft berichtete: "Die Konzentrationslager wurden einfach weitergeführt, nur dass keiner vergast wurde", sagte sie mit Verachtung in der Stimme und Tränen in den Augen, und dem Zuschauer wurde ein wenig mulmig.

Geißen offenbar auch, denn der wollte nun ganz schnell "zur Normalität zurückkehren" und präsentierte Thomas Schmidt, der 1953 als possierlicher "kleiner Muck" im erfolgreichsten Kinofilm der DDR die Massen verzückt hat. Schon befand sich die Show wieder auf sicherem Tingeltangel-Terrain, und Schmidt, inzwischen ein lustiger Professor mit grauem Haarkranz und riesigem Gebiss, durfte den geringen Bekanntheitsgrad seines Films in der alten Bundesrepublik zum "fundamentalen Unterschied" zwischen Ossis und Wessis erklären.

Dass wir so unvereint wiedervereint dann aber doch nicht mehr sind, zeigte der tosende Applaus für Geißens letzten Gast, die Ost-Schauspielerin Katrin Saß aus "Good Bye, Lenin!", den nun wirklich alle gesehen haben dürften. Sie sorgte mit ihrer wunderbar spröden Art für den Höhepunkt der Sendung, als sie dem von Wende und Einheit ganz enthusiasmiert schwafelnden "Wessi" Geißen trocken entgegnete: "Ach, ihr wolltet das doch gar nicht". Nach Riemanns anrührender Erzählung war dies der zweite wohltuende Moment der Irritation und Ehrlichkeit im glitzerbunt formatierten Ostalgie-Einerlei. Doch dann kamen die alten Herren von Karat und kleisterten alles mit einer seltsam gesächselten Version ihres ewigen Hits "Über sieben Brücken musst du gehen" wieder zu.

Am nächsten Mittwoch kommen statt Witt und Maske zwei Gäste, die es unter dem DDR-Regime nicht ganz so leicht gehabt haben dürften: Gregor Gysi und Nina Hagen. Vielleicht ist es dann auch weniger leicht, diese Show zu hassen.

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