Von Wiebke Brauer
15 Minuten Ruhm sind nicht genug. Inzwischen will jeder ein Star werden, berühmt, geliebt, gehört. Und weil es immer mehr gibt, die vom dauerhaften Ruhm träumen, gibt es immer mehr Menschenmaterial für Talent-Shows. Die laufen gut, die machen Quote. Deswegen laufen sie jetzt auf fast jedem Sender. Zu Beginn gab es nur "Popstars". Dann kam "Deutschland sucht den Superstar" ("DSDS") auf RTL und nur kurze Zeit später versuchte sich Sat.1 mit "Starsearch - Das Original". Inzwischen laufen parallel die dritte Staffel von "Popstars" (ProSieben), die zweite von "DSDS", und selbst im guten alten ZDF sucht eine Jury um Schlager-Papst Ralph Siegel die "Deutsche Stimme 2003".
Gestern Abend wurde die Riege der talentsiebenden Shows um das bereits in anderen europäischen Ländern erfolgreich gelaufene Endemol-Format "Fame Academy - Dein Weg zum Ruhm" auf RTL 2 erweitert. Kein einfaches Spiel, denn RTL 2 hat keinen keinen Dieter, Pflaume oder Siegel zu bieten. Stattdessen gab es 30 Ruhmsuchende, die ehemalige "BravoTV"-Moderatorin Nova Meierhenrich und eine Dozenten-Gruppe inklusive "Akademie-Pate" DJ Bobo.
Zum Auftakt der Sendung wurden "30 Talente auf dem Weg zum Ruhm" präsentiert, freudig erregt die ausgenudelte Titelmelodie "Fame" singend, um dann während der Sendung fast um die Hälfte reduziert zu werden. Denn nur 16 Anwärter dürfen auf die Akademie, einen klassizistischen Prachtbau im Herzen Kölns, voll gestopft mit Studio-Equipment und jeder Menge Kameras. Die Gruppe wird dann wöchentlich verkleinert, bis vier Stars übrig bleiben, die schließlich eine möglichst erfolgreiche Band bilden sollen, zwei Jungen und zwei Mädchen. Auf der Akademie wohnen die Bewerber "Big Brother"-gemäß auf engstem Raum und erhalten eine 14-wöchige Ausbildung von Dozenten, bestehend aus Kim Moke, der Leiterin der Stage School in Hamburg, einem Choreographen, einem Vocal-, Fitness-, und Schauspiel-Coach. Zur schnelleren Einführung wurden die fünf Dozenten einzeln in einem Einspielfilm vorgestellt, (Meierhenrich launig: "Man sieht, dein Job macht dir Riesenspaß"), um darauf folgend die Urteile über die Talente zu verkünden.
So rasch ging die Rückkehr in die die Anonymität noch nie vonstatten
Eine zeitraubende Angelegenheit, zumal fast der gesamte Inhalt der knapp 155-minütigen Startsendung (Sonntag, 18 bis 20.30 Uhr, RTL2) daraus bestand, jeweils drei Kandidaten vortreten zu lassen und ihnen die Entscheidung der Jury mitzuteilen ("Bobo, verließ deine Entscheidung!"). Keine Bilder vom Casting, kein Vorsingen, keine Blamagen wie bei "Deutschland sucht den Superstar". Schade. Stattdessen getreu dem Motto: Da waren's nur noch 16 - ein Name, ein Gesicht, eine Bescheid ohne Begründung. Da mag Dieter Bohlen, Chef-Juror bei "DSDS", noch so brüsk sein, zumindest verbreitet er lauthals (und unterhaltsam) eine Meinung über die Casting-Bewerber, die vorher singen und im Vorraum drei Sätze von sich geben dürfen. Die "Fame-Academy" erlaubt sich kein Vorspiel und keinen Akt dieser Art. So rasch ging die Rückkehr in die die Anonymität noch nie vonstatten.
Erlaubt war zumindest ein kurzes Nachspiel. Wer sich den Platz in der Akademie ergattert hatte, durfte ein vorbereitetes Stück vorsingen oder tanzen. Meierhenrich: "Ihr müsst jetzt nochmal zeigen, warum die Dozenten sich für Euch entschieden haben." Die Ausgeschiedenen bekamen von der blonden Moderatorin warme Worte mit auf den Weg: "Es war toll, dich hier gehabt zu haben". 16-mal wurden Freudentränen vergossen, 14-mal aus Enttäuschung geflennt, und spätestens auf der Hälfte der Strecke war auch der Zuschauer den Tränen nahe.
Um doch noch ein wenig Abwechslung in die Sendung zu bringen, wurden vier "Last Minute"-Wackel-Kandidaten dotiert, von denen zum Abschluss jeweils zwei gegeneinander sangen. Hier kam der Zuschauer zum Zuge und entschied im Telefon-Voting, wer mit auf die Akademie darf. Doch bevor angerufen werden konnte, mussten die vier Kandidaten noch ein 30-sekündiges Plädoyer für sich halten. Kandidatin Jennifer rang um die Gunst mit den Worten: "Liebes Deutschland, ich muss ein Star werden". Doch auch ihr finales Flehen: "Bitte, hey, ich muss einfach!" schien nicht zu überzeugen, den letzten Mädchenplatz in der "Academy" bekam eine andere.
Wer ansonsten nicht gleich die richtigen Worte zum Gefühl fand, dem sprang Meierhenrich emotional-verbal bei. Ob mit "Die Anstrengung bei euch muss groß sein", "Jetzt fällt alle Anspannung von Dir ab" oder: "Ist es nicht schön, dass sie sich so für dich freuen kann" - die Moderatorin erkannte jede Regung und legte sie ihren Kandidaten zuvorkommend vorformuliert in den Mund. Ob weinende Teenies, Gastsänger oder Fernsehgrafiken, Nova fand immer eine treffliche Beschreibung. Den in der Sendung auftretenden Latino-Star Ricky Martin beschied sie mit den einleuchtenden Worten: "This is Ricky Martin", auch die eingeblendete Ergebnis-Grafik der "Last Minute"-Duellanten wurde dauerkommentiert: "Die Balken, sie laufen noch!", rief sie erregt aus. Ja, wo laufen sie denn.
Inmitten der blonden Geschwätzigkeit und knappen Urteile ließ es sich immerhin DJ Bobo nicht nehmen, ein gewichtiges Wort zu sprechen: "Ich möchte etwas Ernstes sagen. Wir haben es hier mit Menschen zu tun. Menschen, die Träume haben. Nicht mit T-Shirts oder Produkten." Wohl wahr. Nur: Ein T-Shirt trägt man länger als 155 Minuten. Wahrscheinlich wird man sich auch nach dem Tragen noch erinnern, wie es aussieht. Den ausgeschiedenen Kandidaten ist noch nicht mal das vergönnt.
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