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10.09.2003
 

"Ungelogen"

Naddels Dienstmädchen-Report

Von Henryk M. Broder

Kleines Kino auf großer Leinwand: Ohne es zu wollen, hat Nadja Abd El Farrag mit ihrer Bohlen- und Lebensbeichte "Ungelogen" ein längst vergessenes Literaturgenre wieder belebt - den Dienstmädchenroman.

Buchautorin Abd El Farrag: Wie ein Amokläufer, der auch erst ganz am Ende der Strecke begreift, was er angerichtet hat
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Buchautorin Abd El Farrag: Wie ein Amokläufer, der auch erst ganz am Ende der Strecke begreift, was er angerichtet hat

Helga Sophia Goetze wurde 1922 geboren, heiratete mit 20 einen Bank-Prokuristen, hatte mit ihm sieben Kinder und keinen einzigen Orgasmus. 1968 lernte sie im Urlaub auf Sizilien einen Italiener namens Giovanni kennen, der sie sexuell erlöste und ihr bewusst machte, was sie bis dahin versäumt hatte. 1973 hatte Helga Sophia Goetze ihren ersten TV-Auftritt ("Hausfrau sucht Kontakte"), danach erschien sie öfter uneingeladen in diversen Shows, wo sie ihre voluminösen Brüste entblößte und "ficken, ficken, ficken" rief.

Der Schriftsteller Volker Pilgrim schrieb über sie ein Buch ("Hausfrau der Nation oder Deutschlands Supersau?"), Rosa von Praunheim drehte mit ihr einen Film. Die "primäre Tabu-Brecherin" (Goetze über Goetze) verfasste provokative Gedichte ("Wichsen und wachsen") und gründete in ihrer Charlottenburger Wohnung eine "Geni(t)ale Universität". Seit 1983 steht sie, inzwischen 80 Jahre alt, jeden Tag eine bis zwei Stunden an der Berliner Gedächtniskirche und hält eine "Mahnwache" für die sexuelle Revolution: "Ich habe alle Weihnachtslieder auf Ficken umgeschrieben."

Helga Sophia Goetze hat Pech gehabt. Hätte es zu Beginn ihrer Karriere schon das private Fernsehen gegeben, wäre sie heute eine berühmte Kultfigur. Denn sie ist die Urmutter aller Naddels, Veronas und Ramonas, die Helgas Werk tapfer fortsetzen.

Wahrscheinlich hat Nadja Abd El Farrag noch nie etwas von Helga Sophia Goetze gehört. 1965 geboren, war sie grade drei Jahre alt, als Frau Goetze in Palermo ihr Coming-out erlebte. Und nun ist "Naddel" an der Reihe, vorgestern sind ihre Erinnerungen erschienen, mit einer Startauflage von 80.000 Exemplaren. Allein diese Tatsache verdient schon Respekt und Anerkennung, denn sie befördert die Autorin in die Spitzenklasse der Schriftsteller-Innung, wo Martin Walser, Stefan Effenberg und Dieter Bohlen daheim sind. Es gebe "keinen offiziellen Ghostwriter", versichert die Verlagssprecherin, Frau Farrag habe das Buch von der ersten bis zur letzten Seite selber geschrieben. So wie sie alles, was im Buch steht, selber erlebt habe.

Naddel-Vorgängerin Goetze: "Mahnwache" für die sexuelle Revolution
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Henryk M. Broder

Naddel-Vorgängerin Goetze: "Mahnwache" für die sexuelle Revolution

Es mag sein, dass die gelernte Apothekerhelferin, die kaum einen Satz frei zu Ende sprechen kann, 319 Seiten hinschreibt, wie ein Amokläufer, der auch erst ganz am Ende der Strecke begreift, was er angerichtet hat. Dafür, dass sie ganz ohne professionellen Beistand ausgekommen ist, spricht die Auswahl der Adjektive und Adverben. Als sie in der Schule akzeptiert wurde, da war sie "superstolz". "Papi" war "superstreng", "superlieb", "super anstrengend" und "super eifersüchtig". Die Ferien in Italien fand sie "supergut", den Sexualunterricht in der Schule "super aufregend". Der erste Besuch in der Disko war einfach "super", mit ihrer Freundin Randy hat sie sich anfangs "super verstanden", bis sie begriff, dass die "total link" war. Als Papi ihr eine scheuert, ist sie "total unglücklich", doch als sie mit 21 endlich ihre Unschuld verliert, findet sie es "total toll".

Die Mutter des ersten Freundes war "total nett", auch wenn ihr Sohn mal "total wütend" wurde. Dass sie nur wenige Männer in ihrem Leben hatte, ist "total in Ordnung", und "total glücklich" war sie, als sie einmal eine nächtliche Autofahrt mit dem total betrunkenen Bohlen überlebt hatte. Der war nicht nur ein Geizkragen und ein Hypochonder, sondern auch "super wehleidig" und "total krank im Kopf". Man wohnte in "super Hotels" und besuchte "megageile" Partys, dafür gab es daheim "kein Haushaltsgeld und kein Taschengeld", und wenn Naddel Geld fürs Einkaufen bekam, durfte sie "das Restgeld nur behalten, wenn er gut drauf war". Das war er, der Bohlen, aber nur selten, denn "er hatte, trotz seiner Millionen, permanent Angst zu verarmen". Außerdem litt er oft unter Blähungen. "Besonders peinlich war das in der First Class beim Fliegen. Da kann man ja bekanntlich kein Fenster auf machen."

Nadja Abd El Farrag, Tochter eines Sudanesen aus Khartum und einer Deutschen aus Dessau, hat, ohne es zu wollen, ein Literaturgenre wieder belebt, das seit langem als ausgestorben galt: den Dienstmädchenroman. Eine junge, unerfahrene Frau aus bescheidenen Verhältnissen lernt einen bekannten und vermögenden Mann kennen, verliebt sich in ihn und verfällt ihm "total". Er beschimpft sie als Schlampe, schleift sie an den Haaren durch die Wohnung, sperrt sie in den Keller ein und setzt sie nachts auf der Autobahn aus - sie liebt ihn trotzdem.

Aber es war nicht nur die emotionale Abhängigkeit, es waren auch die objektiven Umstände, die sie ausharren ließen: Eine Villa mit 560 Quadratmetern Wohnfläche, verteilt auf dreizehn Zimmer und zwei Stockwerke, eine riesige Eingangshalle mit weißem Marmorboden, ein "traumhafter 1,3 Hektar großer Park mit japanischem Ziergarten, Teich mit Wasserfall, knallroter Brücke und Teehaus - "da blieb mir die Luft weg". Ja, so was hat's daheim bei Papi und Mutti in Hamburg-Altona nicht gegeben.

Naddel und Langzeit-Beziehung Bohlen: "Da blieb mir die Luft weg"
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Naddel und Langzeit-Beziehung Bohlen: "Da blieb mir die Luft weg"

Es wäre ungerecht, Naddels Erinnerungen auf eine Abrechnung mit Bohlen zu reduzieren. Es ist eine Milieustudie, wie es in der Welt der reichen Prolls zugeht, die "Schampus" saufen, Cartier-Uhren tragen und Ferien auf den Malediven machen. Es ist kleines Kino auf einer großen Leinwand. So wie Andy Warhol 24 Stunden lang das Empire State Building filmte, ohne dass etwas geschah, so protokolliert Naddel ihr Leben an der Seite von Dieter Bohlen und hält jede Nichtigkeit fest. Wie sie Gulasch mit Nudeln kocht, wie sie seine Pferde reitet und seine Hunde Gassi führt, wie sie sich langweilt, wie sie ausrastet und wie sie ihren "Vino" versteckt, weil Bohlen ihr das Trinken verboten hat.

Das Buch ist auch die Selbstentleibung einer Frau, die mehr Wut als Verstand hat, die schon von ihrem Papi mit dem Rohrstock behandelt wurde und die dennoch sagt, sie habe "eine wirklich schöne Kindheit" gehabt. Mit einem kleinen Handicap: "Papi und ich waren einfach nicht in der Lage, vernünftig miteinander zu reden." Mit Bohlen war es nicht anders. Er rief ihr zu: "Du musst mal wieder richtig gefickt werden" und sie ging auf das Angebot ein, auch wenn es "morgens um fünf oder sechs Uhr war" und sie lieber schlafen wollte.

In einer Dezembernacht passierte dann etwas, wofür der Dieter und die Naddel gemeinsam in die Hall of Fame der Peinlichkeiten einziehen werden. "Ich lag unten, und irgendwann, wie das so ist, haben wir uns ziemlich heftig bewegt und er wollte zum Endstoß kommen. Im Eifer des Gefechts rutschte er raus und knallte rechts oder links an mein Schambein. Dann hat es knack gemacht" und Dieters "bestes Stück" war dunkelblau angelaufen. Kein Wunder, dass er hinterher wochenlang "super schlecht" gelaunt war.

Bis zum endgültigen Ende der Stoßzeit dauerte es freilich noch eine Weile. Und wenn Verona nicht gekommen wäre, würde Naddel noch immer unten liegen und alles wegstecken, was Dieter ihr antat. Doch jetzt liegt sie oben und packt aus. Das arme Ding. Sie hat nicht nur keinen Ghostwriter, sondern auch keinen Freund gehabt, der ihr gesagt hätte: "Lass es sein, mach kein Harakiri. Schau dir an, was aus Helga Goetze geworden ist."

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